<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>Grüne Grundsicherungsdebatte &#187; Modelle &amp; Philosophien</title>
	<atom:link href="http://www.grundsicherung-bw.de/category/thema/modelle/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>http://www.grundsicherung-bw.de</link>
	<description>Ein Diskussionsblog der Grünen Baden-Württemberg</description>
	<lastBuildDate>Sat, 02 Jan 2010 23:18:42 +0000</lastBuildDate>
	<generator>http://wordpress.org/?v=2.9.2</generator>
	<language>en</language>
	<sy:updatePeriod>hourly</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>1</sy:updateFrequency>
			<item>
		<title>Metzgers &#196;u&#223;erungen sind nicht akzeptabel</title>
		<link>http://www.grundsicherung-bw.de/2007/11/21/metzgers-aeusserungen-sind-nicht-akzeptabel/</link>
		<comments>http://www.grundsicherung-bw.de/2007/11/21/metzgers-aeusserungen-sind-nicht-akzeptabel/#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 21 Nov 2007 11:39:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Till Westermayer (Administration, KV Breisgau-Hochschwarzwald)</dc:creator>
				<category><![CDATA[01 Grundsatzfragen]]></category>
		<category><![CDATA[Fundsache]]></category>
		<category><![CDATA[Modelle & Philosophien]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.grundsicherung-bw.de/2007/11/21/metzgers-aeusserungen-sind-nicht-akzeptabel/</guid>
		<description><![CDATA[Bez&#252;glich des aktuellen STERN-Interviews mit Oswald Metzger haben die gr&#252;nen Landesvorsitzenden eine beachtenswerte Pressemitteilung herausgegeben, die im Folgenden dokumentiert ist:
Stuttgart, 21. November 2007
Gr&#252;ne Landesvorsitzende zu Oswald Metzgers Interview auf stern.de: Metzgers &#196;u&#223;erungen sind nicht akzeptabel
Die gr&#252;nen Landesvorsitzenden Petra Selg und Daniel Mouratidis kritisieren Oswald Metzgers &#196;u&#223;erungen zu Sozialhilfeempf&#228;ngern scharf: „Es ist absolut unakzeptabel, wenn Oswald [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Bez&#252;glich des aktuellen <a href="http://www.stern.de/politik/deutschland/603071.html?q=metzger">STERN-Interviews</a> mit Oswald Metzger haben die gr&#252;nen Landesvorsitzenden eine beachtenswerte Pressemitteilung herausgegeben, die im Folgenden dokumentiert ist:</p>
<p>Stuttgart, 21. November 2007</p>
<h3>Gr&#252;ne Landesvorsitzende zu Oswald Metzgers Interview auf stern.de: Metzgers &#196;u&#223;erungen sind nicht akzeptabel</h3>
<p>Die gr&#252;nen Landesvorsitzenden Petra Selg und Daniel Mouratidis kritisieren Oswald Metzgers &#196;u&#223;erungen zu Sozialhilfeempf&#228;ngern scharf: „Es ist absolut unakzeptabel, wenn Oswald Metzger eine Bev&#246;lkerungsgruppe als Ganze in einer solchen Art und Weise verunglimpft. Wir fordern ihn deshalb auf, sich bei den Betroffenen f&#252;r seine &#196;u&#223;erungen zu entschuldigen.“</p>
<p>Aus Sicht der gr&#252;nen Landesvorsitzenden schade Metzger damit auch der innergr&#252;nen Diskussion um die Zukunft der sozialen Sicherung: „Unsere Partei f&#252;hrt seit &#252;ber einem Jahr eine intensive Debatte &#252;ber einen neuen Aufbruch in der Sozialpolitik, der niemanden ausgegrenzt und durch den alle eine Chance zur Entfaltung ihrer F&#228;higkeiten bekommen. Oswald Metzger hat sich bislang in diesen Debattenprozess kaum eingebracht. Wenn er  nun Sozialhilfeempf&#228;nger pauschal verurteilt und die beiden vorliegenden gr&#252;nen Modelle einer bedarfsorientierten Grundsicherung und eines bedingungslosen Grundeinkommens als »Wahl zwischen Pest und Cholera« diffamiert, dann ist das eine &#252;ble Polemik, die dem Debatten-Stil der Gr&#252;nen widerspricht“, sagten Selg und Mouratidis.</p>
<p>Selg und Mouratidis forderten Metzger au&#223;erdem auf, nicht st&#228;ndig &#246;ffentlich &#252;ber seine politische Zukunft zu spekulieren: „Oswald Metzger sollte sich einmal in aller Ruhe im stillen K&#228;mmerchen Gedanken &#252;ber seine politische Verortung machen und den Dialog mit der Partei suchen, anstatt permanent in den Medien mit einem Parteiwechsel zu kokettieren.“</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.grundsicherung-bw.de/2007/11/21/metzgers-aeusserungen-sind-nicht-akzeptabel/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>6</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Bundesweit geht&#8217;s weiter (Update)</title>
		<link>http://www.grundsicherung-bw.de/2007/10/19/bundesweit-gehts-weiter/</link>
		<comments>http://www.grundsicherung-bw.de/2007/10/19/bundesweit-gehts-weiter/#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 19 Oct 2007 17:37:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Till Westermayer (Administration, KV Breisgau-Hochschwarzwald)</dc:creator>
				<category><![CDATA[03 Antragsdebatte]]></category>
		<category><![CDATA[Mitteilung]]></category>
		<category><![CDATA[Modelle & Philosophien]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.grundsicherung-bw.de/2007/10/19/bundesweit-gehts-weiter/</guid>
		<description><![CDATA[Heute hat die Kommission &#8220;Zukunft der sozialen Sicherungssysteme&#8221; der Bundespartei ihren Abschlussbericht vorgelegt. Dieser gliedert sich in drei Teile &#8212; gemeinsame Einleitung, gr&#252;ne Grundsicherung (von einem Teil der Kommission unterst&#252;tzt) und gr&#252;nes Grundeinkommen (von einem Teil der Kommission unterst&#252;tzt). Der Bericht dient der Vorbereitung der Bundesdelegiertenkonferenz Ende November in N&#252;rnberg, bei der die Frage Grundeinkommen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Heute hat die Kommission &#8220;Zukunft der sozialen Sicherungssysteme&#8221; der Bundespartei ihren Abschlussbericht vorgelegt. Dieser gliedert sich in drei Teile &#8212; gemeinsame Einleitung, gr&#252;ne Grundsicherung (von einem Teil der Kommission unterst&#252;tzt) und gr&#252;nes Grundeinkommen (von einem Teil der Kommission unterst&#252;tzt). Der Bericht dient der Vorbereitung der Bundesdelegiertenkonferenz Ende November in N&#252;rnberg, bei der die Frage Grundeinkommen vs. Grundsicherung auf der Tagesordnung stehen wird, und bei der mehrere Landesverb&#228;nde &#8212; und sicher auch andere &#8212; Antr&#228;ge zu diesen Themen einbringen werden.</p>
<p><a href="http://www.gruene-partei.de/cms/files/dokbin/202/202219.bericht_der_kommission_zukunft_sozialer.pdf">Der Bericht kann hier als PDF nachgelesen werden.</a></p>
<p><b>Udpate:</b> (1.11.2007) Die <a href="http://www.gruene-partei.de/cms/partei/rubrik/11/11874.antraege.htm">Antr&#228;ge zur BDK</a> gibt es jetzt auch online, wir sind Z-02.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.grundsicherung-bw.de/2007/10/19/bundesweit-gehts-weiter/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>9</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Finanzierung des Sockelgrundeinkommens</title>
		<link>http://www.grundsicherung-bw.de/2007/10/09/finanzierung-des-sockelgrundeinkommens/</link>
		<comments>http://www.grundsicherung-bw.de/2007/10/09/finanzierung-des-sockelgrundeinkommens/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 09 Oct 2007 15:12:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Winfried Böhler</dc:creator>
				<category><![CDATA[03 Antragsdebatte]]></category>
		<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Höhe & Finanzierung]]></category>
		<category><![CDATA[Modelle & Philosophien]]></category>
		<category><![CDATA[Statement]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.grundsicherung-bw.de/2007/10/09/finanzierung-des-sockelgrundeinkommens/</guid>
		<description><![CDATA[Was wir unter dem Label Grundeinkommen (Antrag Grund-3) vorschlagen, ist eigentlich eine Steuerreform. Es ist n&#228;mlich nicht so, dass bei unserem Modell jeder ein Grundeinkommen ausbezahlt bekommt, sondern das Grundeinkommen wird in die Steuerreform integriert. Bei der Steuerreform schlagen wir im Grunde genommen zwei Dinge vor:
1. werden die bereits heute vorhandenen Grundfreibetr&#228;ge in Form von [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Was wir unter dem Label Grundeinkommen (Antrag Grund-3) vorschlagen, ist eigentlich eine Steuerreform. Es ist n&#228;mlich nicht so, dass bei unserem Modell jeder ein Grundeinkommen ausbezahlt bekommt, sondern das Grundeinkommen wird in die Steuerreform integriert. Bei der Steuerreform schlagen wir im Grunde genommen zwei Dinge vor:</p>
<p>1. werden die bereits heute vorhandenen Grundfreibetr&#228;ge in Form von Grundeinkommen deutlich angehoben</p>
<p>2. &#228;ndern wir die Steuersystematik.</p>
<p><span id="more-147"></span></p>
<h3>Grundeinkommen als Steuerreform</h3>
<p>Ich versuche das 2. kurz anhand der heutigen Behandlung von Kindern zu erkl&#228;ren. Heute ist es so, dass im Rahmen der Steuererkl&#228;rung vom Finanzamt (nat&#252;rlich per Programm) zwei mal gerechnet wird. Zun&#228;chst wird die Steuerlast ohne Ber&#252;cksichtigung von Kinderfreibetr&#228;gen gerechnet und dann noch einmal unter Ber&#252;cksichtigung von Kinderfreibetr&#228;gen (das geht so, dass die Kinderfreibetr&#228;ge vom zu versteuernden Einkommen abgezogen werden und dann das verbleibende Einkommen versteuert wird). Dann werden die beiden Ergebnisse verglichen. Bei hohen Einkommen liegen zwischen Ergebnis 1 und Ergebnis 2 bei einem Kind ca. 255,- Euro. Bei sehr niedrigen Einkommen ist die Differenz 0,- Euro. Als n&#228;chstes wird das Rechenergebnis gegen das Kindergeld gepr&#252;ft. War die Steuerdifferenz aus den 2 Rechnungen kleiner oder gleich dem Kindergeld, bleibt es beim bereits erhaltenen Kindergeld und es werden keine Kinderfreibetr&#228;ge angerechnet. Es wird also das 1. Rechenergebnis verwendet. War die Steuerdifferenz allerdings gr&#246;&#223;er als das Kindergeld, werden ein oder mehrere Kinderfreibetr&#228;ge angerechnet, das hei&#223;t, das zu versteuernde Einkommen wird um die Kinderfreibetr&#228;ge gek&#252;rzt. Es gilt in diesem Fall also das Steuerergebnis der 2. Berechnung. Im Gegenzug wird aber die berechnete Steuer um das bereits erhaltene Kindergeld erh&#246;ht. Der Steuerpflichtige erh&#228;lt also zum bereits erhaltenen Kindergeld noch die Steuerdifferenz aus den 2 Berechnungen abz&#252;glich Kindergeld, also bei hohen Einkommen sind das dann bei einem Kind die 255,- Euro, n&#228;mlich 154,- Euro Kindergeld plus 101,- Euro Steuerersparnis aus dem Kinderfreibetrag. In Summe erhalten &#8220;Besserverdienende&#8221; also 255,- Euro pro Kind.</p>
<p>Unser heutiges Steuersystem arbeitet in den meisten F&#228;llen so wie oben beschrieben. Verg&#252;nstigungen (wie der Grundfreibetrag, das Kindergeld, Werbungskosten etc.) werden von den Eink&#252;nften abgezogen und dann wird die Steuer berechnet. Hat jemand nun ein geringes Einkommen, geht das daneben, denn von den Eink&#252;nften wird nur so lange abgezogen, bis 0,- Euro erreicht sind. Kommt theoretisch unter 0,- Euro heraus, geht das schlicht verloren. Weniger als 0,- Euro Steuer kann man schlie&#223;lich nicht zahlen.</p>
<p>Genau an der Stelle setzt unser Vorschlag an. Wir drehen die Systematik um. Denn wir sagen: das Einkommen wird zuerst versteuert und dann werden die Ver&#252;nstigungen (Grundfreibetrag in Form von Grundeinkommen je Erwachsener, Kinderfreibetrag in Form von Grundeinkommen f&#252;r Kinder etc.), bedingungslos abgezogen und wenn da dann weniger als 0,- Euro rauskommen, wird das vom Finanzamt als negative Einkommensteuer ausbezahlt.</p>
<p>So einfach ist das!!!!</p>
<p>Die Sache hat allerdings einen Haken! Heute ist es so, dass Verg&#252;nstigungen (alle obigen, aber auch das Ehegattensplitting und ganz ganz viele andere) fast immer zuerst das zu versteuernde Einkommen mindern und dann erst die Steuer berechnet wird. Das hat zur Folge, dass derjenige, der im Prinzip viel Steuern zahlen m&#252;sste sehr viel Steuern spart. Man muss nur daf&#252;r sorgen, dass viel vom Einkommen vor der Steuerberechnung abgezogen wird, dann muss man trotz real hohen Einkommens aber mit &#8211; nach den ganzen Abz&#252;gen &#8211; niedrigem zu versteuerndem Einkommen kaum oder sogar keine Steuern zahlen. Das ist &#252;brigens keine Theorie sondern h&#228;ufig anzutreffende Praxis. Wer demgegen&#252;ber kein hohes reales Einkommen hat, der geht leer aus, denn wenn er eh keine oder nur wenig Steuer zahlen muss, dann helfen ihm die vielen Verg&#252;nstigungsm&#246;glichkeiten nicht oder kaum weiter. Wie gesagt: weniger als 0,- Euro Steuern geht in unserem heutigen System nicht.</p>
<p>Unser Vorschlag dagegen (Einkommen erst versteuern und dann Verg&#252;nstigungen von der berechneten Steuer abziehen) wirkt f&#252;r alle gleich. Jeder hat aus den Verg&#252;nstigungen den gleichen Vorteil. Und wenn die Steuer abz&#252;glich Verg&#252;nstigungen kleiner 0,- Euro wird, dann wird eben ausgezahlt. Es geht also nie eine Verg&#252;nstigung verloren. Wichtig ist zu verstehen, dass bei unserem Vorschlag der Fall des besserverdienenden Zahnarztes, der auch noch ein Grundeinkommen bezieht, gar nicht vorkommt. Denn der Zahnarzt muss erst sein hohes reales Einkommen voll (mit Progression) versteuern. Dann wird der Grundfreibetrag in H&#246;he des Grundeinkommens abgezogen. Den Rest zahlt er nat&#252;rlich als Steuer. Und das ist nach Umkehrung der Steuersystematik ceteris paribus, also auch wenn sonst &#252;berhaupt nichts ge&#228;ndert w&#252;rde, deutlich mehr als heute!!!</p>
<p>Das ist eigentlich schon fast alles bzw. den Rest wollen wir ja weitgehend unver&#228;ndert lassen. Die Sozialversicherung soll fast unver&#228;ndert beibehalten werden und bei der Steuer wollen wir ja auch nur die Grundfreibetr&#228;ge in Form der Grundeinkommensbetr&#228;ge erh&#246;hen und die Systematik &#228;ndern. Beides ist &#252;ber eine etwas ge&#228;nderte Steuerformel sehr einfach machbar.</p>
<h3>Wie teuer wird es?</h3>
<p>Und jetzt kommt, was die meisten nicht glauben wollen oder sich nicht vorstellen k&#246;nnen: das Ganze w&#252;rde innerhalb der Einkommensteuer funktionieren, ohne dass irgendwo sonst auch nur das Geringste ge&#228;ndert werden m&#252;sste und ohne dass der Staat auch nur einen Euro weniger an Einkommensteuer einnehmen w&#252;rde als heute.</p>
<p>Reine Zauberei?</p>
<p>Lasst Euch &#252;berraschen!!</p>
<p>Der Gesamtbetrag der Eink&#252;nfte (Summe aller Einkommensarten, die in der Einkommensteuer relevant sind wie L&#246;hne, Geh&#228;lter, Mieten, Zinsen etc.), der heute in der Einkommensteuer erfasst wird, liegt bei ungef&#228;hr 1,15 Billionen Euro (1.150.000.000.000 Euro). Aus diesem Einkunftsvolumen ergibt sich eine Einkommensteuer von ungef&#228;hr 185 Milliarden Euro (185.000.000.000 Euro). Das entspricht knapp 16 %. Schon das ist bemerkenswert!!! Bedeutet es doch, dass im Durchschnitt und tats&#228;chlich/real heute &#8220;nur&#8221; 16 % Einkommensteuer bezahlt werden. Das ist doch schon etwas &#252;berraschend, wenn Ihr bedenkt, dass unser heutiges Steuersystem einen nominalen Einstiegssteuersatz von 15 % hat (das ist der &#252;berhaupt niedrigste Steuersatz, der zur Anwendung kommt) und die Steuerprogression dann nominal bis 45 % geht. Wie kann es sein, dass dann durchschnittlich nur knapp 16 % reale Steuer rauskommen?</p>
<p>Das erkl&#228;re ich gleich, aber daf&#252;r muss ich die Begriffe nominal und real noch kurz erkl&#228;ren. Steuers&#228;tze, die auf dem Papier stehen und z.B. in der Steuerformel verarbeitet werden, werden nominal genannt. Sie sind es praktisch nur dem Namen (nominal) nach. Denn wie Ihr oben gesehen habt, werden ja heute erst noch jede Menge Ver&#252;nstigungen von den Eink&#252;nften abgezogen bevor der nominale Steuersatz zur Anwendung kommt. Und wenn man dann das kleine verbleibende Steuer-H&#228;ufchen ins Verh&#228;ltnis zu den Eink&#252;nften vor den ganzen Abz&#252;gen setzt, kommt was ganz anderes als der nominale Steuersatz heraus. Und der Steuerprozentsatz, der dabei heraus kommt, wird realer Steuersatz genannt. Und so kann es dann ohne weiteres sein, dass ein sehr gut verdienender Zahnarzt, der eigentlich die Reichensteuer mit einem nominalen Steuersatz von 45% bezahlen m&#252;sste, tats&#228;chlich einen realen Steuersatz von sagen wir 10 % hat. &#220;ber alles gerechnet haben wir heute also einen realen Steuersatz von durchschnittlich knapp 16 %.</p>
<p>So und jetzt wird es spannend. Ahnt Ihr schon was jetzt kommt?</p>
<p>Wenn wir also die Steuersystematik umkehren &#8211; wie oben beschrieben &#8211; und einen durchschnittlichen nominalen Steuersatz von z.B. 35 % anwenden w&#252;rden, erg&#228;be sich aus dem Gesamtbetrag der Eink&#252;nfte zun&#228;chst ein nominales Steueraufkommen von ungef&#228;hr 400 Milliarden Euro (400.000.000.000 Euro). Denn dann w&#252;rden wir ja erst die Eink&#252;nfte versteuern, also den nominalen Satz auf die Summe der Eink&#252;nfte anwenden bevor dann m&#246;gliche Ver&#252;nstigungen von der nominal berechneten Steuer abgezogen w&#252;rden. Wenn wir weiter nichts t&#228;ten, w&#228;re das nat&#252;rlich viel zu viel!! Ihr erinnert Euch: der Staat nimmt heute ja &#8220;nur&#8221; 185 Milliarden Einkommensteuer ein. Was machen wir denn jetzt mit dem &#220;berschuss von 215 Milliarden Euro? Ganz einfach: wir f&#252;hren ein bedingungsloses Grundeinkommen in Form von Grundfreibetr&#228;gen in der Einkommensteuer ein. Nach der neuen Systematik m&#252;ssen wir das dann von der nominalen Steuer von rund 400 Milliarden abziehen. Und wenn dabei dann wieder eine durchschnittliche reale Steuer von 16 % herauskommt, hat sich f&#252;r den Staat absolut nichts ge&#228;ndert!! Er hat also vorher und nachher exakt das gleiche Steueraufkommen.</p>
<p>So und jetzt wollen wir mal sehen, ob das aufgehen kann: nach unserem Vorschlag bek&#228;men rund 65 Millionen B&#252;rgerinnen und B&#252;rger das Grundeinkommen in Form eines steuerlichen Grundfreibetrages. Die Rentner wollen wir ja im Prinzip vorerst au&#223;en vor lassen, denn sie haben sich ihre Rente ja durch Beitr&#228;ge verdient (und finanziert) und die Mittel daf&#252;r sind bei der Rentenversicherung ja bereits vorhanden. Wir w&#252;rden nur aufstocken, wenn die Rente unter unserem Sockelgrundeinkommen liegen w&#252;rde. Das lassen wir mal au&#223;en vor, da es sich nicht um gro&#223;e Summen handeln w&#252;rde. Die &#252;brigen 65 Millionen bekommen sagen wir mal durchschnittlich 390 Euro (Mittel aus Erwachsenen- und Kinder-Grundeinkommen). Das w&#228;ren dann insgesamt rund 300 Milliarden. Unser &#220;berschuss betr&#228;gt aber &#8220;nur&#8221; 215 Milliarden. Es fehlen uns also rund 85 Milliarden!!!! Was machen wir jetzt? Wir haben noch was vergessen. Denn mit Einf&#252;hrung des Grundeinkommens fallen ja die ALG II-Sockel, das Kindergeld, das Ehegattensplitting etc. weg. Die m&#252;ssen wir nat&#252;rlich gegenrechnen, denn der Staat muss das ja nicht mehr an anderer Stelle ausgeben. Das was wegf&#228;llt ist mehr als die fehlenden 85 Milliarden. Also geht die Rechnung auf. Herzlichen Gl&#252;ckwunsch auch!!!!</p>
<h3>Was k&#246;nnen wir daraus schlie&#223;en?</h3>
<p>Unsere durchschnittliche und nur auf die Einkommensteuer fixierte Betrachtung hat ergeben, dass die Einf&#252;hrung des von uns vorgeschlagenen Sockelgrundeinkommens steuerneutral zu finanzieren ist. Und das bei einem durschschnittlichen nominalen Steuersatz von 35% und einem durchschnittlichen realen Steuersatz von &#8211; wie bisher &#8211; 16 %. Selbstverst&#228;ndlich k&#246;nnen wir auch in der neuen Systematik bei der Progression bleiben. Das w&#252;rde dann bedeuten, dass wir wie bisher niedrige Eink&#252;nfte &#8211; jetzt aber vor Abzug von Ver&#252;nstigungen &#8211; mit weniger als 35 % besteuern w&#252;rden und h&#246;here eben wie bisher mit bis zu 45 % Steuern. So weit so gut. Selbstverst&#228;ndlich k&#246;nnen wir auch einen Steuermix zur Finanzierung heranziehen. In diesem Fall k&#246;nnten wir das Einkommensteueraufkommen entsprechend verringern, oder die zus&#228;tzlichen Steuern anderweitig verwenden. Bei Verringerung des Einkommensteueraufkommens k&#246;nnten dann die nominalen Steuers&#228;tze entsprechend gesenkt werden.</p>
<p>Wie funktioniert das eigentlich, dass vorher und hinterher f&#252;r den Staat das gleiche raus kommt? Das funktioniert dadurch, dass eine &#8220;Innenfinanzierung&#8221; innerhalb der Einkommensteuer stattfindet. Niedrige Eink&#252;nfte werden beg&#252;nstigt und zwar um so mehr, je niedriger sie sind und das geht bis zur Auszahlung von negativer Einkommensteuer. Durch die Umkehrung der Steuersystematik packt die Steuer bei h&#246;heren Einkommen relativ stramm zu. Das hei&#223;t, dass der Vorteil der Grundfreibetr&#228;ge ab einem bestimmten Einkommen &#8211; je nach Konstellation &#8211; nach und nach aufgezehrt wird und dann die Geschichte kippt. &#220;ber der &#8220;Kipp-Grenze&#8221; wird dann mehr Steuer gezahlt als heute. Je h&#246;her die Einkommen sind, desto mehr tragen sie zu den realen 16% Steuer bei. Das ergibt &#252;brigens schon bei einer reinen Durchschnittsteuer von 35% einen deutlichen Progressionseffekt! Das sch&#246;ne an unserem Konzept ist, dass die Entlastung ganz gezielt und nur an der unteren Kante sehr deutlich ist, die Belastung in der Mitte des Einkommensspektrums mehr oder weniger der heutigen Belastung entspricht, w&#228;hrend die Belastung der h&#246;heren Einkommen &#252;ber der heutigen Belastung liegt. Es kann also per Saldo gesagt werden, dass nur die unteren Einkommen durch das Grundeinkommen beg&#252;nstigt werden. Bei den mittleren Einkommen w&#228;re die Einf&#252;hrung unseres Grundeinkommens praktisch neutral. Bei den hohen Einkommen w&#228;re sogar das Gegenteil der Fall. Also noch einmal: bei unserem Vorschlag kommt der Fall, dass Besserverdiener auch noch ein Grundeinkommen beziehen, gar nicht vor.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.grundsicherung-bw.de/2007/10/09/finanzierung-des-sockelgrundeinkommens/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>1</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Zum weiteren Vorgehen</title>
		<link>http://www.grundsicherung-bw.de/2007/07/27/zum-weiteren-vorgehen/</link>
		<comments>http://www.grundsicherung-bw.de/2007/07/27/zum-weiteren-vorgehen/#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 27 Jul 2007 08:01:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Till Westermayer (Administration, KV Breisgau-Hochschwarzwald)</dc:creator>
				<category><![CDATA[03 Antragsdebatte]]></category>
		<category><![CDATA[Mitteilung]]></category>
		<category><![CDATA[Modelle & Philosophien]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.grundsicherung-bw.de/2007/07/27/zum-weiteren-vorgehen/</guid>
		<description><![CDATA[Je st&#228;rker das Thema Grundeinkommen/Grundsicherung in die eigentlichen Prozesse der politischen Meinungsbildung hineingezogen wird, desto leerer erscheint dieses Blog. Mein Vorschlag, die Antragstexte &#246;ffentlich zu schreiben und zu diskutieren, fand keine Mehrheit. Zumindest aber m&#246;chte ich allen, die nicht direkt involviert sind, kurz skizzieren, wie das derzeitige weitere Vorgehen abl&#228;uft. Soviel Transparenz muss sein &#8230;
Nachdem [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Je st&#228;rker das Thema Grundeinkommen/Grundsicherung in die eigentlichen Prozesse der politischen Meinungsbildung hineingezogen wird, desto leerer erscheint dieses Blog. Mein Vorschlag, die Antragstexte &#246;ffentlich zu schreiben und zu diskutieren, fand keine Mehrheit. Zumindest aber m&#246;chte ich allen, die nicht direkt involviert sind, kurz skizzieren, wie das derzeitige weitere Vorgehen abl&#228;uft. Soviel Transparenz muss sein &#8230;</p>
<p>Nachdem deutlich wurde, dass ein Konsens in der gesamten Projektgruppe nicht zu erreichen ist, ist jetzt geplant, zwar eine gemeinsame politische Analyse &#8212; im Sinne des Beschlusses des <a href="http://www.grundsicherung-bw.de/2007/07/03/landesausschuss-in-pforzheim-eckpunkte-zur-neuen-sozialen-sicherung-beschlossen/">Landesausschusses </a> &#8212; einzubringen, aber als Schlussfolgerung daraus dem Landesparteitag zwei unterschiedliche Modelle zur Abstimmung vorzulegen. Dazu wurden zwei getrennt arbeitende Gruppen gebildet. Die eine Arbeitsgruppe &#8212; federf&#252;hrend ist hier Silke Krebs aus dem Landesvorstand &#8212; erarbeitet einen Antrag, der in Richtung Reform und Verbesserung des derzeitigen Systems geht. Ich vermute, dass das <a href="http://www.grundsicherung-bw.de/2007/07/09/autorinnenpapier-zielgenaue-grundsicherung-und-teilhabeorientierte-arbeitsmarktpolitik/">AutorInnenpapier</a>  von Silke und anderen, das ja auch hier im Blog ver&#246;ffentlich wurde, so in etwa die Richtung vorgibt. Die andere Arbeitsgruppe, bei der ich auch mitarbeite, hat sich dagegen zum Ziel gesetzt, ein realistisches Modell f&#252;r einen Einstieg ins bedingungslose Grundeinkommen zu erarbeiten (damit verrate ich hoffentlich nicht zu viel &#8230;).  Federf&#252;hrend ist hier Beate M&#252;ller-Gemmeke vom Landesvorstand. Wer nicht zur Projektgruppe geh&#246;rt, kann sich nat&#252;rlich gerne an Silke bzw. an Beate wenden, um Inputs in die beiden Gruppen einzubringen.</p>
<p>Die beiden strittig zueinander stehenden Antr&#228;ge sollen bis Anfang September vorliegen und werden dann wohl auch &#246;ffentlich gemacht. Abgestimmt wird dar&#252;ber auf dem Landesparteitag am 12.-14. Oktober in Heilbronn, also etwa einen Monat vor dem Bundesparteitag. Insofern gehen viele davon aus, dass die baden-w&#252;rttembergische Entscheidung auch einen gewissen Signalcharakter daf&#252;r haben wird, ob sich der Bundesparteitag dann daf&#252;r aussprechen wird, dass B&#252;ndnis 90/Die Gr&#252;nen an der Weiterentwicklung des derzeitigen Systems in Richtung bedarfsgepr&#252;fter Grundsicherung festhalten, oder ob der Einstieg ins bedingungslose Grundeinkommen zur politischen Forderung der Partei gemacht wird. </p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.grundsicherung-bw.de/2007/07/27/zum-weiteren-vorgehen/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>14</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>AutorInnenpapier &#8220;Zielgenaue Grundsicherung und teilhabeorientierte Arbeitsmarktpolitik&#8221;</title>
		<link>http://www.grundsicherung-bw.de/2007/07/09/autorinnenpapier-zielgenaue-grundsicherung-und-teilhabeorientierte-arbeitsmarktpolitik/</link>
		<comments>http://www.grundsicherung-bw.de/2007/07/09/autorinnenpapier-zielgenaue-grundsicherung-und-teilhabeorientierte-arbeitsmarktpolitik/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 09 Jul 2007 06:36:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Silke Krebs (Landesvorstand, KV Freiburg)</dc:creator>
				<category><![CDATA[02 Ausgestaltung]]></category>
		<category><![CDATA[Gastbeitrag]]></category>
		<category><![CDATA[Modelle & Philosophien]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.grundsicherung-bw.de/2007/07/09/autorinnenpapier-zielgenaue-grundsicherung-und-teilhabeorientierte-arbeitsmarktpolitik/</guid>
		<description><![CDATA[Zum Landesausschuss haben wir ein AutorInnenpapier &#8220;F&#252;r eine zielgenaue Grundsicherung und eine menschenw&#252;rdige und teilhabeorientierte Arbeitsmarktpolitik&#8221; verfasst, in dem wir erste Schl&#252;sse aus den Ergebnissen der gr&#252;nen Diskussion um Grundsicherung/Grundeinkommen ziehen. Ohne bereits ein konkretes Modell zu entwickeln, wollen wir aufzeigen, in welche Richtung f&#252;r uns das Ergebnis der Diskussion liegt.
Wir wollen die Ziele, wenn [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Zum Landesausschuss haben wir ein AutorInnenpapier &#8220;F&#252;r eine zielgenaue Grundsicherung und eine menschenw&#252;rdige und teilhabeorientierte Arbeitsmarktpolitik&#8221; verfasst, in dem wir erste Schl&#252;sse aus den Ergebnissen der gr&#252;nen Diskussion um Grundsicherung/Grundeinkommen ziehen. Ohne bereits ein konkretes Modell zu entwickeln, wollen wir aufzeigen, in welche Richtung f&#252;r uns das Ergebnis der Diskussion liegt.<br />
Wir wollen die Ziele, wenn auch nicht den Weg eines bedingungslosen Grundeinkommens aufgreifen. Wir wollen diese Ziele erreichen, in dem wir reale Chancen durch neue Elemente in der Sozial-, Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik schaffen. B&#252;rokratie und Kontrolle zur&#252;ckzudr&#228;ngen ist eine Anforderung, die wir an das bestehende System und nicht erst an m&#246;gliche neue Modelle der sozialen Sicherung stellen. Freiheit und Entfaltungsm&#246;glichkeiten f&#252;r den Einzelnen wollen wir erreichen, in dem der Staat individuelle, zielgenaue, effektive, wirkungsvolle und wohlwollende Unterst&#252;tzung in unterschiedlichen Lebenslagen gew&#228;hrleistet.</p>
<p>Silke Krebs, KV Freiburg, Landesvorstand<br />
Malte H&#252;bner, KV Mannheim, Sprecher LAG Wirtschaft und Soziales<br />
Kerstin Andreae MdB, KV Freiburg, wirtschaftspolitische Sprecherin d. Bundestagsfraktion<br />
Andrea Lindlohr, KV Stuttgart, Landesvorstand<br />
Alexander Bonde MdB, KV Ortenau, Mitglied im Haushaltsausschuss des Bundestags<br />
Theresia Bauer MdL, KV Heidelberg, stellv. Fraktionsvorsitzende</p>
<p><strong><a target="_blank" href="http://www.grundsicherung-bw.de/wp-content/uploads/2007/07/krebs_zielgenaue-grundsicherung.pdf" title="AutorInnenpapier">Hier</a> </strong>k&#246;nnt ihr das Papier als PDF abrufen.</p>
<p><span id="more-135"></span><br />
<strong>F&#252;r eine zielgenaue Grundsicherung und eine menschenw&#252;rdige und<br />
teilhabeorientierte Arbeitsmarktpolitik</strong></p>
<p>Keine Partei hat die Diskussion um bedingungsloses Grundeinkommen so intensiv gef&#252;hrt wie die Gr&#252;nen. Nun ist es an der Zeit, erste Schl&#252;sse aus den Ergebnissen der Diskussion zu ziehen. Ohne bereits ein konkretes Modell zu entwickeln, wollen wir in diesem Papier aufzeigen, in welche Richtung f&#252;r uns das Ergebnis der Diskussion liegt.<br />
Wir wollen die Ziele, wenn auch nicht den Weg eines bedingungslosen Grundeinkommens aufgreifen. Wir wollen diese Ziele erreichen, in dem wir reale Chancen durch neue Elemente in der Sozial-, Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik schaffen. B&#252;rokratie und Kontrolle zur&#252;ckzudr&#228;ngen ist eine Anforderung, die wir an das bestehende System und nicht erst an m&#246;gliche neue Modelle der sozialen Sicherung stellen. Freiheit und Entfaltungsm&#246;glichkeiten f&#252;r den Einzelnen wollen wir erreichen, in dem der Staat individuelle, zielgenaue, effektive, wirkungsvolle und wohlwollende Unterst&#252;tzung in unterschiedlichen Lebenslagen gew&#228;hrleistet.</p>
<p>Die Untersuchungen der letzten Jahre zu Armut und Prekariat haben gezeigt, dass nur differenzierte Konzepte den vielf&#228;ltigen Aufgabenstellungen unserer Gesellschaft und der Vielzahl der sozialen Lagen gerecht werden. Im Zentrum steht dabei die Gewichtung zwischen und die Gestaltung von „individuellem Transfer“ und „institutionellem Transfer“. Wir glauben, dass diese Abw&#228;gung f&#252;r unterschiedliche Gruppen unterschiedlich getroffen werden muss.<br />
Dabei wissen wir: der Staat kann jeden Euro, den er einnimmt nur einmal ausgeben &#8211; entweder f&#252;r Infrastruktur oder f&#252;r Transfers. Beide Elemente sind f&#252;r die Sozialpolitik unverzichtbar. Aber wir stehen in der Verantwortung zu entscheiden, mit welchem Einsatz &#246;ffentlicher Mittel wir die gr&#246;&#223;te Wirkung f&#252;r mehr soziale Gerechtigkeit erzielen k&#246;nnen.<br />
Wirkung k&#246;nnen Angebote aber auch nur entfalten, wenn sie nicht in b&#252;rokratischem Aufwand ersticken und die F&#228;higkeiten, Bed&#252;rfnisse und Ziele der betroffenen Individuen aufgreifen. Wir wollen eine soziale Sicherung, die neben individueller Armutsfestigkeit auch soziale Dynamik f&#246;rdert, um so der Verfestigung von Armut zu begegnen.<br />
Die heutige Realit&#228;t wird unseren Anspr&#252;chen an eine faire soziale Sicherung nicht gerecht. Armut verfestigt und vererbt sich, viel zu viele empfinden die Umst&#228;nde staatlicher Leistungen nicht als Hilfe, sondern als Schikane. Strukturelle Gr&#252;nde f&#252;r (Langzeit-) Arbeitslosigkeit sind nicht bew&#228;ltigt. Die meisten Arbeitslosen suchen unabh&#228;ngig von finanzieller Absicherung neue berufliche Perspektiven und ben&#246;tigen Unterst&#252;tzung statt Konzepte, die ihren Ausstieg aus der Erwerbsgesellschaft zementieren.</p>
<p>Ein bedingungsloses Grundeinkommen f&#252;r alle lehnen wir ab. Der daf&#252;r erforderliche Finanzbedarf lie&#223;e sich zwar theoretisch aus dem Volkseinkommen decken, nur bindet ein bedingungsloses Grundeinkommen derart viele Ressourcen, dass dadurch andere notwendige Instrumente der Sozialpolitik in ihrer Substanz gef&#228;hrdet sind. Der erforderliche massive Umbau des Sozial-, Steuer und Arbeitssystems ist in Wirkung und unerw&#252;nschten Seiteneffekten kaum steuer- und gesellschaftlich schwer vermittelbar. Zudem meinen wir, dass ein bedingungsloses Grundeinkommen die damit verkn&#252;pften Hoffnungen keineswegs auch nur ann&#228;hernd erf&#252;llt.<br />
Die Konzentration auf bedingungslose finanzielle Transfers setzt f&#252;r Menschen, die aufgrund von Arbeitslosigkeit und Bildungsdefiziten ausgegrenzt oder von Ausgrenzung bedroht sind, die falsche Priorit&#228;t. Wir brauchen eine Sozialpolitik, die Chancen zur Verbesserung der gesellschaftlichen und finanziellen Teilhabe schafft. Ein bedingungsloses Grundeinkommen f&#246;rdert dagegen die Zweiteilung der Gesellschaft, denn es f&#246;rdert den dauerhaften Ausschluss ganzer sozialer Gruppen aus der Erwerbsgesellschaft. Es teilt die Gesellschaft damit auf in diejenigen, die durch Einkommen oder Kapitaleink&#252;nfte an der Wertsch&#246;pfung partizipieren und diejenigen, die auf dem Niveau des Existenzminimums verharren.</p>
<p>Gr&#252;nde f&#252;r neue soziale Gerechtigkeit und gegen ein bedingungsloses<br />
Grundeinkommen</p>
<p>1. Armut hat unterschiedliche Formen und unterschiedliche Gr&#252;nde Die Anforderungen, die die Menschen an den Sozialstaat stellen, sind h&#246;chst unterschiedlich. Die Modelle eines bedingungslosen Grundeinkommens blenden die Vielschichtigkeit von Problemlagen aus. Die so genannte „Unterschicht“ leidet keineswegs nur an Geldknappheit, sondern braucht umfangreiche und vielf&#228;ltige Unterst&#252;tzung, um fehlende Teilhabe, mangelnde Bildung und die &#8220;Vererbung&#8221; sozialer Benachteiligung &#252;berwinden zu k&#246;nnen. Das mobile, gebildete Prekariat dagegen braucht flexible und m&#246;glichst wenig einschr&#228;nkende Absicherung f&#252;r „die L&#252;cken dazwischen“, um frei agieren und die durchaus vorhandenen Chancen auf zuk&#252;nftig stabilere Verh&#228;ltnisse nutzen zu k&#246;nnen.<br />
Die eine Arbeitslose braucht vor allem rasche und effektive Vermittlung, der andere finanzielle und inhaltliche Unterst&#252;tzung, um neue Perspektiven aufbauen zu k&#246;nnen. Wieder andere sind auf einen zweiten Arbeitsmarkt angewiesen. Der Traum von der „radikalen Vereinfachung“ wird in der sozialen Sicherung f&#252;r Betroffene rasch zum Alptraum, da Einzelfallgerechtigkeit massiv reduziert wird. Auch ein „Wir wollen alles“ geht an der Realit&#228;t vorbei. Bedingungsloses Grundeinkommen und bedarfsabh&#228;ngige Grundsicherung und allgemein zug&#228;ngliche und qualitativ<br />
hochwertige Infrastruktur f&#252;r Bildung, Betreuung und soziale Notlagen sind nicht gleichzeitig finanzierbar. Wir brauchen weder die eine Antwort f&#252;r alles noch alle Antworten f&#252;r eines, sondern die jeweils passende Antwort. Wer sich dieser Komplexit&#228;t unserer komplexen Gesellschaft verweigert, wird trotz bester Absicht den wirklich Bed&#252;rftigen nicht die Hilfe bieten k&#246;nnen, die sie brauchen.</p>
<p>2. Erwerbsarbeit bleibt von zentraler Bedeutung</p>
<p>Erwerbsarbeit bleibt auf absehbare Zeit der Weg zu finanzieller und sozialer Teilhabe in unserer Gesellschaft. Auch deshalb zielen viele Modelle eines bedingungslosen Grundeinkommens in die falsche Richtung. Denn:<br />
- Wir befinden uns keinesfalls am Ende der Erwerbsgesellschaft; um das zu sehen gen&#252;gt ein Blick in so unterschiedliche L&#228;nder wie D&#228;nemark und Gro&#223;britannien. Vielmehr befindet sich die Erwerbsarbeit in einem Prozess der Ver&#228;nderung. Mit dem strukturellen Wandel von einer Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft und dem demografischen Wandel &#228;ndert sich die Struktur des Arbeitsmarkts. Da unsere Strukturen diesem Wandel nicht gerecht werden, kommt es zu erheblichen Problemen. Das kann aber kein Grund sein, sich den Herausforderungen nicht zu stellen. Zumal andere, vergleichbare L&#228;nder die Chancen wesentlich besser zu nutzen verstehen.<br />
- Es ist ein Irrweg, Menschen den Ausstieg aus der Erwerbsgesellschaft zu erleichtern. Gerade M&#252;tter wissen ein Lied davon zu singen, wie die vermeintliche Erwerbspause zum endg&#252;ltigen Verzicht auf berufliche Perspektiven wird. Und wie unzul&#228;nglich diese L&#252;cke f&#252;r die meisten durch ehrenamtliche Arbeit etc. geschlossen wird. Unser Ziel bleibt, jeder und jedem eine ausk&#246;mmliche und m&#246;glichst eigenst&#228;ndige Sicherung des Lebensunterhalts zu erm&#246;glichen.<br />
- Wir wollen, dass andere und/oder neue Formen von Arbeit &#8211; z.B. soziale – aufgewertet werden. Dies funktioniert aber nicht, wenn diese in einen ehrenamtlichen Bereich gedr&#228;ngt werden. Dies soll gerade die Funktion eines bedingungslosen Grundeinkommens sein: Durch die materielle Absicherung sollen die Individuen es sich leisten k&#246;nnen, sich sozialer Arbeit zu widmen, die nicht<br />
entlohnt wird. Auch geschlechterpolitisch h&#228;tte dies gravierende Folgen. Wir m&#252;ssen trennen zwischen unbezahlbarer Mitmenschlichkeit, auf die wir nicht verzichten wollen und professionellen sozialen T&#228;tigkeiten, die entlohnt und aufgewertet werden m&#252;ssen. Gerade im sozialen, Pflege- und Gesundheitsbereich liegt ein erhebliches Potential an Erwerbsarbeit.</p>
<p>3. Deshalb: Schwerpunkt moderner Sozialpolitik ist die Bildung</p>
<p>Alle westlichen Industriegesellschaften waren in den letzten 20 Jahren Zeuge einer steigenden Ungleichheit der Einkommen. Einer der wesentlichen Gr&#252;nde daf&#252;r ist, dass mit der Entwicklung zu einer Dienstleistungs- bzw. Wissensgesellschaft Bildung und K&#246;nnen immer st&#228;rker Voraussetzung f&#252;r die M&#246;glichkeit sind, Arbeit zu finden und ein verl&#228;ssliches und zufrieden stellendes Einkommen zu erzielen. Es ist eine der zentralen Herausforderungen an unsere Gesellschaften, der daraus resultierenden Zweiteilung der Gesellschaft in Gewinner und Verlierer entgegenzuwirken. Dabei liegt die L&#246;sung nicht einfach in einer Erh&#246;hung der Transferleistungen. Neben Verteilungs- gewinnen Zugangs- und Chancengerechtigkeit an Bedeutung. Bildungspolitik wird zum wesentlichen Element sozialer Gerechtigkeit. Hier hat Deutschland enormen Nachholbedarf und dies &#252;ber alle Altersgruppen hinweg: in der fr&#252;hkindlichen, der schulischen, der universit&#228;ren und der Weiterbildung. Wir setzen in der Sozialpolitik einem deutlichen Schwerpunkt auf die Schaffung einer allgemein zug&#228;nglichen, leistungsf&#228;higen Bildungsinfrastruktur.<br />
Gerade die Schw&#228;chsten in unserer Gesellschaft sind darauf angewiesen, ihre Situation verbessern und nicht nur ertr&#228;glich gestalten zu k&#246;nnen. Sie brauchen nicht maximale Freiheit bei minimaler finanzieller Absicherung, sondern eine ambitionierte und vielseitige Unterst&#252;tzung, gerade auch in Form von Bildungsinfrastruktur. Im Moment sind wir noch weit davon entfernt, denjenigen die – ob in der Kindheit, der Schulzeit und Ausbildung, im Beruf oder bei Arbeitslosigkeit – am meisten auf Bildungsangebote anwiesen sind, mit unseren Angeboten zu erreichen und ihnen gerecht zu werden.</p>
<p>4. Eigenst&#228;ndigkeit st&#228;rken statt Abh&#228;ngigkeit zementieren</p>
<p>Wir sehen keinen Sinn darin, generell auf die Anrechnung von Verm&#246;gen oder Einkommen oder die Einforderung von Eigeninitiative zu verzichten. Mit welchem Aufwand und in welcher Form das geschieht, ist eine andere Frage. Wir halten am Subsidiarit&#228;tsprinzip auch im Bezug auf die einzelnen B&#252;rgerInnen fest. Eigenst&#228;ndigkeit und Selbstverantwortung als sinnstiftende Qualit&#228;ten sind staatlichen Eingriffen vorzuziehen. Die jeweils n&#228;chstliegende staatliche Ebene unterst&#252;tzt, solange ein Problem oder eine Aufgabe nicht eigenst&#228;ndig gel&#246;st werden kann. Dabei bleibt Eigenst&#228;ndigkeit Ziel, der Staat tritt in dem Ma&#223;e zur&#252;ck, wie Selbstverantwortung wieder leistbar ist. Sich am Bedarf der Betroffenen zu orientieren ist eine Qualit&#228;t, kein Fehler.</p>
<p>5. Ein bedingungsloses Grundeinkommen leistet nicht, was es verspricht</p>
<p>Den Hoffnungen, die damit verkn&#252;pft werden, wird ein allgemeines bedingungsloses<br />
Grundeinkommen nicht gerecht. Der durch die Bedingungslosigkeit der Leistung erwartete Entb&#252;rokratisierungs- und Humanisierungseffekt wird nicht erreicht. Eine vollst&#228;ndige Pauschalisierung der Sozialleistungen ist hochgradig ungerecht. Selbst bei nur partieller Bedarfspr&#252;fung bleibt deren negative Wirkung (die durch Beh&#246;rdenpraxis bedingt ist) vollst&#228;ndig erhalten. Umso mehr, als die tats&#228;chliche und empfundene Entw&#252;rdigung und G&#228;ngelung der heutigen Praxis zum guten Teil beim Zugang zu F&#246;rderma&#223;nahmen zu verorten ist. Dieser bleibt gerade f&#252;r die Schw&#228;chsten aber auch bei einem bedingungslosen Grundeinkommen das zentrale Instrument f&#252;r Chancengerechtigkeit.</p>
<p>6. Finanzierung</p>
<p>Eine Finanzierung rein &#252;ber Konsumsteuern bewirkt vor allem eines: das Ende der Verteilung der gesellschaftlichen Lasten nach Leistungsf&#228;higkeit und massive Ungleichgewichte in den Handelsbeziehungen.<br />
Ein Grundeinkommen, selbst in moderater H&#246;he von 600 Euro (lt. Althaus Modell), verschlingt 800 Mrd. Euro. Etwas mehr als ein Drittel dessen, was wir in Deutschland insgesamt erwirtschaften und etwas mehr als die j&#228;hrlichen Gesamtausgaben f&#252;r den Sozialstaat.<br />
Um dies zu finanzieren, muss man sich entscheiden: Entweder das Grundeinkommen ersetzt den jetzigen Sozialstaat &#8211; das macht diese Politikoption so attraktiv f&#252;r die Neoliberalen um Thomas Straubhaar und Milton Friedman &#8211; oder man beh&#228;lt zentrale Sozialleistungen bei. Dann ist man aber herausgefordert, den zus&#228;tzlichen Finanzierungsbedarf &#252;ber Steuern- und<br />
Abgabenerh&#246;hung zu finanzieren. In Frage kommen daf&#252;r eigentlich nur die ertragreiche Einkommens- oder Mehrwertsteuer.</p>
<p>Bei Vorschl&#228;gen zur Finanzierung &#252;ber die Einkommensteuer erf&#228;hrt darum der alte Vorschlag einer Flat tax, also eines gleichen Steuersatz f&#252;r alle, eine Renaissance. In manchen Modellen wird ein Einkommensteuersatz von 50% f&#252;r alle vorgeschlagen. Wir lehnen die Einf&#252;hrung einer Flat tax ab. Die progressive Einkommensteuer ist erheblich gerechter und daf&#252;r verantwortlich, dass in Deutschland die Haushaltseinkommen immer noch gleicher verteilt sind als in vielen vergleichbaren L&#228;ndern. Dass sich eine Erh&#246;hung der Mehrwertsteuer auf 40% im vereinten Europa ausschlie&#223;t, versteht sich von selbst. Zudem ist die Mehrwertsteuer keineswegs eine<br />
lenkende und gerechte Steuer. Gerade Geringverdiener, die ihre gesamten Eink&#252;nfte f&#252;r Konsum ausgeben m&#252;ssen, sind davon mehr betroffen als Gutverdiener.<br />
In manchen Begr&#252;ndungszusammenh&#228;ngen des bedingungslosen Grundeinkommens wird der nicht abgedeckte Finanzierungsbedarf durch zus&#228;tzliche Einnahmen aufgrund von positivem Wachstum erkl&#228;rt. Die halten wir zum einen f&#252;r einen ungedeckten Scheck, zum andern hat &#246;konomisches Wachstum oft auch einen &#246;kologischen Preis. Die Schwierigkeiten, den Finanzierungsbedarf eines Grundeinkommens im bestehenden System darzustellen erzwingt es, ein g&#228;nzlich neues System zu entwerfen, dass keinen Bezug mehr zu unserem historisch gewachsenen Sozialstaat<br />
hat. Dies sind die so genannten „Grundeinkommensmodelle“ die durch ihre Einfachheit zun&#228;chst verlockend wirken. Friedrich Merz ist daran gescheitert das Steuersystem auf einem Bierdeckel zu reformieren. Wir wollen darum nicht versuchen f&#252;r das Grundeinkommen &#8211; quasi auf der R&#252;ckseite des Bierdeckels &#8211; auch noch die Arbeitslosenversicherung, das Renten- und das Gesundheitssystem mit zu reformieren.</p>
<p>Aus all diesen Gr&#252;nden halten wir an einem Sozialsystem fest, dass f&#252;r individuelle Problemlagen zielgenaue individuelle L&#246;sungen bietet und mit einer Vielzahl an Instrumenten, mit monet&#228;ren ebenso wie Sachleistungen arbeitet. Im Grundsatzprogramm fordern wir Gr&#252;ne eine Grundsicherung, die zu bekommen ‚ein Recht und kein Almosen’ ist. Bei diesem Gedanken k&#246;nnen und sollten wir wieder ankn&#252;pfen.<br />
Zum einen wollen wir einen Schritt weitergehen und einige Ziele, die mit einem bedingungslosen Grundeinkommen verkn&#252;pft werden aufgreifen. Wir sind &#252;berzeugt, dass sie auf anderen Wegen zuverl&#228;ssiger und effektiver erreicht werden.<br />
Zum anderen wollen wir mit dem n&#246;tigen Mut, der n&#246;tigen Hartn&#228;ckigkeit und Konsequenz die Fehler in der Umsetzung von Hartz IV benennen und korrigieren. Dies ist zwar wenig vision&#228;r, aber verspricht den auf das Sozialsystem unmittelbar Angewiesenen realistischer, schneller und zuverl&#228;ssiger eine sp&#252;rbare Verbesserung ihrer Situation.</p>
<p>Neue Chancen er&#246;ffnen</p>
<p>Wir m&#252;ssen die F&#228;higkeit unserer Gesellschaft, B&#252;rgerInnen in allen Lebenslagen Teilhabe zu erm&#246;glichen deutlich st&#228;rken. Neben Bildungspolitik spielt dabei Arbeitsmarktpolitik eine wichtige Rolle.</p>
<p>Wir wollen den Menschen Chancen er&#246;ffnen und nicht verbauen</p>
<p>Eine intelligente soziale Sicherung passt ihre Bedingungen den Menschen an und denkt<br />
weiter. Auch wenn wir f&#252;r eine Bedarfsorientierung eintreten, wollen wir hier eine deutliche<br />
Flexibilisierung. Ziel bei Arbeitslosigkeit muss sein, Menschen langfristig stabile Erwerbschancen<br />
aufzubauen und nicht, sie schnell aus der Statistik zu bekommen. Gesellschaft und Individuum profitieren dauerhaft, wenn Menschen wieder auf „eigenen F&#252;ssen stehen“.<br />
Diesem Ziel m&#252;ssen auch einzelne Bedingungen (befristet) untergeordnet werden k&#246;nnen.<br />
L&#252;cken in unsteten Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnissen m&#252;ssen ohne gro&#223;en Aufwand &#252;berbr&#252;ckbar sein. Menschen m&#252;ssen die Freiheit bekommen, sich auch auf erst mittelfristig erreichbare, aber dann nachhaltig erfolgversprechende berufliche Ziele zu konzentrieren. Sinnvolle Bildungsma&#223;nahmen m&#252;ssen finanziell abgesichert und unterst&#252;tzt werden. Existenzgr&#252;nderInnen und kleine Selbst&#228;ndige brauchen einen einfachen Zugang zu sozialer Absicherung f&#252;r „Durststrecken“. Menschen muss die notwendige Zeit gegeben werden, einen neuen Weg zu finden, statt sie durch Zwang zu sinnlosen Qualifikationen zu zerm&#252;rben.<br />
Sinnvolles Fordern von Arbeitslosen geschieht &#252;ber zielf&#252;hrende Angebote und der Verkn&#252;pfung von positiver Unterst&#252;tzung mit Anforderungen. Auch bei mangelnder Motivation von Arbeitslosen muss die Problemanalyse und Probleml&#246;sung im Vordergrund stehen. Wir wollen, dass die Menschen und ihre Potentiale und nicht Softwareprobleme, Statistiken, vorgefertigte Eingliederungsvertr&#228;ge und Sollzahlen im Mittelpunkt der Arbeitslosenpolitik stehen. Wir wollen, dass gemeinsam mit den Menschen individuell passende Ziele und Wege dorthin aufgebaut werden und dazu ein vielf&#228;ltiges Instrumentarium zur Verf&#252;gung steht. Der F&#246;rdertopf der Arbeitsagentur darf nicht weiter der Sparstrumpf des Bundeshaushalts sein.</p>
<p>Kontrolle und Zwang sind kein Selbstzweck</p>
<p>Viele Bef&#252;rworterInnen eines bedingungslosen Grundeinkommens mahnen zu Recht an,<br />
das Menschen auch in Arbeitslosigkeit und anderen Problemlagen nicht nur Anspruch auf<br />
W&#252;rde und Selbstbestimmung haben, sondern diese Qualit&#228;ten auch dringend ben&#246;tigen,<br />
um zu Probleml&#246;sung und Selbstmanagement f&#228;hig zu sein. &#220;berbordende B&#252;rokratie und<br />
Kontrollen, G&#228;ngelung, Zwang und Unterordnung pr&#228;gen f&#252;r viele die Praxis von<br />
Arbeitsagenturen und Argen. Doch Hilfe muss auch als solche wahrgenommen werden,<br />
um helfen zu k&#246;nnen.<br />
Auch Kontrolle muss sich rechtfertigen. Dies gilt sowohl im Bezug auf die Wahrung der W&#252;rde des Einzelnen, als auch im Bezug auf Effektivit&#228;t. Ziel von F&#246;rderma&#223;nahmen muss sein, konkrete Chancen sie er&#246;ffnen und nicht, fiktive Motivationen zu pr&#252;fen. Kontrolle in der Leistungsgew&#228;hrung dient vor allem der Bek&#228;mpfung von Schwarzarbeit und wirtschaftlich relevantem Missbrauchs.</p>
<p>Erwerbschancen ausbauen</p>
<p>F&#252;r uns bleibt zentrales Ziel, allen Zugang zu Erwerbsarbeit zu erm&#246;glichen. Das entspricht auch den tats&#228;chlichen W&#252;nschen arbeitsloser Menschen. Befragungen zeigen, dass der allergr&#246;&#223;te Teil der arbeitslos gemeldeten Menschen prim&#228;r an einer R&#252;ckkehr in Erwerbsarbeit interessiert ist, auch unabh&#228;ngig von damit verbundenen finanziellen Verbesserungen. Die Aus&#252;bung einer bezahlten Besch&#228;ftigung tr&#228;gt au&#223;erdem entscheidend zur Lebenszufriedenheit bei. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Arbeitsloser sein Leben als erf&#252;llt ansieht, ist lt. einer Studie von Mitarbeitern des Max-Planck-Instituts f&#252;r Gesellschaftsforschung in K&#246;ln deutlich geringer als bei einem Nicht-Arbeitslosen (und dass sogar bei gleichem Haushaltseinkommen!).<br />
Arbeitslose Menschen haben vor allem Interesse an Hilfen zur erneuten Erwerbst&#228;tigkeit, sei es durch die Schaffung von Arbeitspl&#228;tzen oder Angeboten zur der Verbesserung ihrer Vermittlungschancen. Der Teil der Arbeitslosen, die an einer Erwerbsarbeit ersetzenden<br />
Politik interessiert sind, ist sehr gering.<br />
Wir wollen uns der Aufgabe stellen, dies auch unter den ver&#228;nderten Bedingungen des strukturellen Wandels zu erreichen. Die Erwerbspotentiale des Dienstleistungssektors k&#246;nnen deutlich verbessert werden. So haben die skandinavischen L&#228;nder es geschafft, flexible und unstete Erwerbsverl&#228;ufe so abzufedern, dass sie annehmbare Perspektiven bieten. Wir wollen die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen so verbessern und den Struktur&#228;nderungen anpassen, dass unabh&#228;ngig von konjunkturellen Entwicklungen Arbeitsplatzpotentiale verl&#228;sslich und dauerhaft erschlossen werden.</p>
<p>Sozialsystem anpassen</p>
<p>Die Ausgestaltung des Sozialsystems spielt hier eine wichtige Rolle. Die Sozialversicherungen fangen nicht nur Menschen auf die arbeitslos werden oder aus anderen Gr&#252;nden die Hilfe der Solidargemeinschaft ben&#246;tigen. Die Struktur der Versicherungssysteme hat auch R&#252;ckwirkungen auf den Arbeitsmarkt und die Struktur der Arbeitslosigkeit.<br />
Eine Ursache f&#252;r die hohe Arbeitslosigkeit unter den Geringqualifizierten liegt in der Finanzierung des Sozialstaates. Kaum ein anderes Land finanziert seine Sozialversicherungssysteme mit einem so hohen Abgabenanteil und einem so geringen Steueranteil wie Deutschland. Das verteuert den Faktor Arbeit insbesondere f&#252;r die gering Qualifizierten. Die hohe Abgabenbelastung ist einer der Hauptgr&#252;nde f&#252;r die strukturell hohe Arbeitslosigkeit. Ebenso ist der hohe Anteil der Mini- und Midijobs an entstehenden Arbeitspl&#228;tzen teilweise durch die Art und Weise bedingt wie wir unseren Sozialstaat finanzieren. Weil die Mini- und Midijobs nicht der vollen Abgabenpflicht unterliegen, sind diese Arbeitsformen f&#252;r die Arbeitgeber k&#252;nstlich attraktiv. B&#252;ndnis 90/Die Gr&#252;nen haben hierauf schon vor einiger Zeit mit dem Vorschlag eines “Progressivmodells” f&#252;r die<br />
Sozialabgaben reagiert. Damit soll eine gezielte Senkung der Lohnnebenkosten im unteren Einkommensbereich erreicht werden.<br />
H&#246;here Frauenerwerbsquoten senken die Arbeitslosenquoten. &#220;ber Beseitigung der steuerlichen Fehlanreize, eine elternfreundliche Betreuungsinfrastruktur, durch Lohngerechtigkeit und gendersensible Arbeitsmarktpolitik wollen wir deutliche Signale f&#252;r die F&#246;rderung der Erwerbst&#228;tigkeit von Frauen setzen.</p>
<p>Fazit</p>
<p>Wir setzen uns ein f&#252;r ein soziales Sicherungssystem, dass den Menschen als Individuum mit individuellen Problemen und einem Anspruch auf Respekt, W&#252;rde im Blick hat, Selbstbestimmung st&#228;rkt und Chancen er&#246;ffnet. Gesellschaftlichen Mehrwert entsteht durch die Mitwirkung und Teilhabe aller an der gesellschaftlichen Wertsch&#246;pfung. Die dazu notwendigen Ver&#228;nderungen im System wollen wir differenziert erarbeiten und mit der notwendigen Hartn&#228;ckigkeit durchsetzen.<br />
Wir halten nichts davon, dem Sozialstaat zun&#228;chst mit der Abrissbirne zu Leibe zu r&#252;cken, um hinterher alles neu, sch&#246;ner und besser wieder aufzubauen. Statt auf vision&#228;re Gedanken, die ihre T&#252;cken in der Praxis erst noch entwickeln werden, setzen wir auf reale Verbesserungen</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.grundsicherung-bw.de/2007/07/09/autorinnenpapier-zielgenaue-grundsicherung-und-teilhabeorientierte-arbeitsmarktpolitik/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>9</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Modulares Grundeinkommen</title>
		<link>http://www.grundsicherung-bw.de/2007/06/03/modulares-grundeinkommen/</link>
		<comments>http://www.grundsicherung-bw.de/2007/06/03/modulares-grundeinkommen/#comments</comments>
		<pubDate>Sun, 03 Jun 2007 11:03:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Gastbeitrag</dc:creator>
				<category><![CDATA[02 Ausgestaltung]]></category>
		<category><![CDATA[Gastbeitrag]]></category>
		<category><![CDATA[Modelle & Philosophien]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.grundsicherung-bw.de/2007/06/03/modulares-grundeinkommen/</guid>
		<description><![CDATA[Seit einigen Tagen existiert ein Modell f&#252;r ein &#8220;Modulares Grundeinkommen&#8221; von Gerhard Schick, MdB und anderen. Wir dokumentieren das Positionspapier dieser Gruppe hier als Gastbeitrag. Das Papier ist auch als PDF abrufbar.

Modulares Grundeinkommen
Chance f&#252;r den deutschen Sozialstaat und f&#252;r B&#252;ndnis 90/Die Gr&#252;nen
Ein Diskussionspapier von 
Gerhard Schick MdB, Sprecher BAG Wirtschaft und Finanzen
Christoph Erdmenger, Landesvorsitzender Sachsen-Anhalt
Jens [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><i>Seit einigen Tagen existiert ein Modell f&#252;r ein &#8220;Modulares Grundeinkommen&#8221; von Gerhard Schick, MdB und anderen. Wir dokumentieren das Positionspapier dieser Gruppe hier als Gastbeitrag. Das Papier ist auch als <a href="http://www.gerhardschick.net/images/stories/modularesgrundeinkommen.pdf">PDF</a> abrufbar.</i></p>
<hr noshade>
<h2 align="left">Modulares Grundeinkommen</h2>
<h3 align="left">Chance f&#252;r den deutschen Sozialstaat und f&#252;r B&#252;ndnis 90/Die Gr&#252;nen</h3>
<p>Ein Diskussionspapier von </p>
<p>Gerhard Schick MdB, Sprecher BAG Wirtschaft und Finanzen<br />
Christoph Erdmenger, Landesvorsitzender Sachsen-Anhalt<br />
Jens Kerstan MdHB, stv. Landesvorsitzender Hamburg<br />
Anke Erdmann, Landesvorstand Schleswig-Holstein<br />
Beate M&#252;ller-Gemmeke, Landesvorstand Baden-W&#252;rttemberg<br />
Nils Wiechmann, Landesvorsitzender Rheinland-Pfalz<br />
Inés Brock, L&#228;nderratsdelegierte Sachsen-Anhalt<br />
Jan Fries, Landesvorstand Bremen<br />
Ramona Pop MdA, stv. Fraktionsvorsitzende Berlin </p>
<p>Berlin, 31.5.2007</p>
<hr noshade>
<p>Die deutsche Politik braucht einen Aufbruch in der Sozialpolitik. Davon sind wir fest &#252;berzeugt. Die gr&#252;ne Programmatik ist daf&#252;r eine gute inhaltliche Grundlage. Sie entwickelt aber derzeit noch nicht die notwendige Ausstrahlungskraft. Daher m&#252;ssen wir sie erneuern f&#252;r einen Aufbruch, der ambitionierten gr&#252;nen Konzepten eine reale Chance auf Verwirklichung verspricht. Wie in der Klimapolitik brauchen wir auch in der Sozialpolitik eine realistische Bestandsaufnahme dessen, was wir unter der rot-gr&#252;nen Bundesregierung erreichen konnten, wie dies im Verh&#228;ltnis zu den Notwendigkeiten steht und was deswegen die Aufgabe unserer Partei als Motor gesellschaftlicher Ver&#228;nderung sein muss. Realismus und Radikalit&#228;t sind auch f&#252;r die Sozialpolitik unsere Leitbilder.</p>
<p>Wir teilen nicht die Vorstellung, dass in unserem Sozialstaat alles anders werden muss oder dass es ganz einfach geht. So schlecht ist unser Sozialstaat nicht, als dass wir mit einem gro&#223;en Anlauf seinen vollst&#228;ndigen Untergang riskieren d&#252;rften. Wir glauben aber auch nicht, dass Detailverbesserungen gen&#252;gen. Unser Vorschlag ist deshalb ein modulares Grundeinkommen, das f&#252;r die einzelnen Lebenslagen Alter, Erwerbst&#228;tigkeit, Ausbildung, Studium und Kindheit Grundeinkommen in unterschiedlicher H&#246;he vorsieht.<br />
<span id="more-117"></span><br />
Wir halten ein solches modulares Grundeinkommen, wie wir es im Folgenden skizzieren, f&#252;r eine strategische Chance in doppelter Hinsicht:</p>
<ul>
<li>Das modulare Grundeinkommen ist erstens eine Chance, den deutschen Sozialstaat und darauf aufbauend auch das europ&#228;ische Sozialmodell weiterzuentwickeln.</li>
<li>Es ist zweitens eine Chance f&#252;r B&#252;ndnis 90/Die Gr&#252;nen als Partei, unsere sozialpolitischen Reformvorstellungen inhaltlich und begrifflich zu b&#252;ndeln und damit eine zentrale Rolle in der Debatte &#252;ber einen zukunftsf&#228;higen Sozialstaat zu erreichen. </li>
</ul>
<h3>Chance zur gr&#252;nen Offensive</h3>
<p>Viele der Vorschl&#228;ge, die wir Gr&#252;nen zur Weiterentwicklung des Sozialstaats machen, klingen nach einem „quasi weiter so“. Sie werden an unserem Wollen, K&#246;nnen und Tun in der Regierungszeit gemessen. In so mancher Sozialstaatsdiskussion schwingen die Debatten der letzten Jahre noch zu stark mit. Wir wollen nach vorne blicken, aufbauend auf dem Ist-Zustand mit Mut und Umsicht ambitionierte Ver&#228;nderungen formulieren und durchsetzen. Uns ist wichtig, dass den &#246;kologischen und &#246;konomischen Projekten, die wir f&#252;r die kommenden Jahre formulieren, ein starkes soziales Projekt zur Seite steht. Dazu brauchen wir ein glaubw&#252;rdiges, schrittweise umsetzbares Konzept. </p>
<p>Gr&#252;ne Politik braucht ein starkes soziales Profil. Denn sonst riskiert sie immer wieder, dass &#246;kologische und soziale Ziele gegeneinander ausgespielt werden. Gr&#252;ne Marktwirtschaft ist sozial – oder sie ist nicht gr&#252;n. Klimaschutz wird nur gelingen, wenn die Gesellschaft im tief greifenden Wandel hin zur Nachhaltigkeit alle mitnimmt und wenn wir als diejenigen, die diesen Wandel mit unseren Konzepten vorantreiben, erkennbar soziale Politik machen. Das wird nur gehen, wenn Sozialpolitik gleichzeitig kompetent entwickelt, aber auch verst&#228;ndlich kommuniziert wird. </p>
<p>Wir haben als Partei auf dem Parteitag in N&#252;rnberg die Chance, ein sozialpolitisches Programm f&#252;r die n&#228;chsten Jahren zu beschlie&#223;en, das Motor f&#252;r konkrete Ver&#228;nderungen ist, weil es eine Richtung weist f&#252;r unsere Gesellschaft, in der angesichts des tagespolitischen Hin und Her der Gro&#223;en Koalition derzeit keine klaren Richtungsentscheidungen erkennbar sind. Als gesellschaftlicher Wegweiser sollten wir in der in allen Parteien derzeit offenen sozialpolitischen Diskussion wieder Avantgarde werden. Und wir sollten heute klar machen, wo &#220;bereinstimmungen mit anderen Parteien bestehen und auch, wo Kompromisse sicher nicht m&#246;glich sind. </p>
<p>Gerade nach der Bremer Wahl wird angesichts des Erfolges der Linkspartei eine Diskussion entstehen &#252;ber die Frage der sozialen Gerechtigkeit in der heutigen Zeit – und welche Partei f&#252;r dieses Thema steht. Wir sollten diese Diskussion nicht der SPD und der Linkspartei &#252;berlassen, sondern uns mit einem ausstrahlungsf&#228;higen, intelligenten aber auch realistischen Vorschlag einmischen. Alle Parteien diskutieren grundlegende Reformmodelle – auch die CDU und die FDP. Wir nehmen die Herausforderung an und antworten mit einem Modell, das den Sozialstaat erh&#228;lt und weiterentwickelt, das durch die Modularit&#228;t schrittweise umsetzbar und finanzierbar ist und gleichzeitig optimal f&#252;r jede Zielgruppe gestaltbar. </p>
<p>So wie die B&#252;rgerversicherung f&#252;r unsere vielf&#228;ltigen Vorschl&#228;ge f&#252;r eine Neupositionierung in der Gesundheitspolitik steht und mit dem Motto „Eine f&#252;r alle“ bei aller Komplexit&#228;t klar kommunizierbar ist, brauchen wir in der Sozialpolitik bei aller Komplexit&#228;t ein Projekt, das in unserer Partei verankert und in der Gesellschaft bekannt ist. Dann k&#246;nnen wir damit auch erfolgreich Wahlk&#228;mpfe bestehen und – sei es aus der Opposition oder in der Regierung – die Reformrichtung weisen. Nur mit einem ehrgeizigen Gesamtentwurf, der weit nach vorne weist, wird es gelingen, in der Sozialpolitik diese F&#252;hrungsrolle einzunehmen und unseren Vorschl&#228;gen die Dynamik zu verleihen, die ihnen zur Durchsetzung verhelfen. Wir sollten den Tatsachen ins Auge blicken und anerkennen, dass die derzeit in unserer Partei diskutierten Grundsicherungs- und Grundeinkommens-Vorstellungen n&#228;her beieinander liegen, als viele meinen. Deswegen ist die Chance auf eine Einigung auf diesem Wege greifbar. Wir sollten sie nutzen.</p>
<h3>Probleme, die wir angehen m&#252;ssen</h3>
<p>Wir sind &#252;berzeugt, dass ein modulares Grundeinkommen einen wichtigen Beitrag zur L&#246;sung der Probleme leisten kann, die wir bei der heutigen sozialen Sicherung beobachten: </p>
<ul>
<li><b>Falsche Anreize im Rentensystem:</b> Viele Menschen erreichen durch ihre Einzahlungen in die gesetzliche Rente oder durch die private Altersvorsorge kein existenzsicherndes Einkommen mehr. Sie sind dann auf die Grundsicherung f&#252;r &#196;ltere angewiesen. Dies liegt an der Absenkung des Rentenniveaus und daran, dass aufgrund unsteter Erwerbsverl&#228;ufe und prek&#228;rer Besch&#228;ftigung immer weniger Menschen vier Jahrzehnte oder l&#228;nger Beitr&#228;ge zahlen k&#246;nnen. Wer mit der gesetzlichen, betrieblichen und privaten Altersvorsorge nur das Niveau der Grundsicherung f&#252;r &#196;ltere erreicht, dessen gesamte Altersvorsorge dient de facto nur dazu, dass seine Kommune sp&#228;ter f&#252;r ihn weniger Grundsicherung zahlen muss. F&#252;r diese Menschen w&#228;re es sinnvoller, nicht f&#252;rs Alter vorzusorgen. Die Beitragspflicht in der Rentenversicherung und die F&#246;rderung der betrieblichen und privaten Altersvorsorge halten ihn aber dazu an, trotzdem Altersvorsorge zu betreiben. Wir meinen: Ein Sozialstaat, der die &#228;rmeren Menschen zu Verhaltensweisen zwingt, die ihnen &#246;konomisch schaden, macht einen Fehler. Hier m&#252;ssen wir etwas &#228;ndern. Eine steuerfinanzierte Grundrente, also ein Grundeinkommen, zu dem die beitragsfinanzierte Rente und die Eigenvorsorge hinzukommen, ist die richtige Antwort auf dieses Problem. </li>
<li><b>Bevormundung und B&#252;rokratie:</b> Gr&#252;ne Vorstellungen von Selbstbestimmung sind verletzt, wenn der Staat dar&#252;ber entscheidet, wie lange erwachsene Jugendliche noch zu Hause wohnen d&#252;rfen, welche Wohnung ad&#228;quat ist, ob eine Wohngemeinschaft oder eine Lebensgemeinschaft vorliegt, und wenn in seitenlangen Formularen gro&#223;e Teile der Bev&#246;lkerung ihre gesamte Lebenswirklichkeit ausbreiten m&#252;ssen. Die enorme Sozialstaatsb&#252;rokratie, mit der die Menschen konfrontiert sind, verhindert teilweise neue Jobs, entw&#252;rdigt Menschen, scheint teilweise auch nicht mehr steuerbar. Zu unserer wirtschaftspolitischen Forderung nach weniger B&#252;rokratie passt sie gar nicht. Wir wollen deshalb die Sozialversicherung nicht abschaffen, sondern transparenter und unb&#252;rokratischer gestalten. Das geht zum einen durch eine Lohnsummensteuer. Sie tritt an die Stelle der Einzelmeldungen an die Sozialversicherungen. Die Arbeitgeber bleiben also weiter an der Finanzierung sozialer Sicherung beteiligt, allerdings wird der betriebliche B&#252;rokratieaufwand gemindert. Zum anderen durch ein bedingungsloses Grundeinkommen in Form einer negativen Einkommensteuer und eines Freibetrags bei den Sozialversicherungen. </li>
<li><b>Niedriglohn-Bereich:</b> Mit den Minijobs und Midijobs, mit der F&#246;rderung von Selbst&#228;ndigkeit (fr&#252;her Ich AG und &#220;berbr&#252;ckungshilfe, heute Gr&#252;ndungszuschuss) werden de facto Erm&#228;&#223;igungen bei den Sozialabgaben in unterschiedlicher H&#246;he gew&#228;hrt. Dies ist unsystematisch und hat, gerade bei den Minijobs im gewerblichen Bereich, den unerw&#252;nschte Nebeneffekt, dass Vollerwerbsjobs in Minijobs ohne berufliche Perspektive aufgeteilt werden. So ist der im Haushaltsbereich erfolgreiche Ansatz der Minijobs insgesamt zum Sinnbild daf&#252;r geworden, dass der Sozialstaat sozialpolitisch unerw&#252;nschte Strukturen schafft. Wir wollen durch ein abgabenfreies Existenzminimum und eine geringere Anrechnung von Einkommen auf das Grundeinkommen die Voraussetzung daf&#252;r schaffen, dass ohne Sonderregelungen im Bereich niedriger Einkommen ein erleichterter Zugang zu Besch&#228;ftigung besteht.</li>
<li><b>Kinder-Armut:</b> Viele Alleinerziehende oder Paare rutschen nur deshalb, weil sie Kinder haben, in den ALG II-Bereich. Gleichzeitig ist durch die zum Teil miserable Qualit&#228;t bei Kinderbetreuung und –bildung und die mangelnde Verf&#252;gbarkeit von Betreuungsinfrastruktur ein wichtiges Element einer Existenzsicherung von Kindern, n&#228;mlich der Zugang zu ihrem eigenen Entwicklungspotential &#252;ber Bildung und Ausbildung nicht gew&#228;hrleistet. Ein Grundeinkommen f&#252;r Kinder kann in Verbindung mit mehr Investitionen in die Bildungs- und Betreuungsinfrastruktur eine Antwort geben.</li>
<li><b>Ausbildungsmisere:</b> Gerade mal 47% der Jugendlichen, die eine Ausbildung beginnen wollten, haben im Jahr 2005 auch einen Ausbildungsplatz erhalten. Wenn der Weg in die Ausbildung nicht gelingt, folgt ein Berufsleben als Ungelernte und dies mit der Gewissheit, dass das Risiko f&#252;r Ungelernte, auf soziale Transferleistungen angewiesen zu sein, mehr als doppelt so hoch ist wie f&#252;r andere Erwerbspersonen. Oberstes Ziel in der Berufsbildungspolitik muss sein, dass allen Jugendlichen ein qualifizierter Berufsabschluss erm&#246;glicht wird. Dazu bedarf es einer neuen Arbeitsteilung zwischen Betrieben, Schulen, Staat und Auszubildenden. Allein der Ruf, dass die Betriebe ihrer Verantwortung gerecht werden sollen, schafft keine Wende im Ausbildungsmarkt. Neben einer umfassenden Bildungsreform, verbesserten &#220;berg&#228;ngen von der Schule in den Beruf und einem Recht auf Ausbildung kann ein Grundeinkommen in der Ausbildungsphase hierbei eine Rolle spielen.</li>
<li><b>Defizite in der Bildungsfinanzierung:</b> Die Lebensunterhaltsfinanzierung w&#228;hrend des Studiums ist ma&#223;geblich von den finanziellen M&#246;glichkeiten der Familie abh&#228;ngig und von deren Bereitschaft, diese f&#252;r die Studienfinanzierung einzusetzen oder an der Beantragung von BAf&#246;G mitzuwirken. Dies f&#252;hrt zu Ungerechtigkeiten und ungleichen Startchancen ins Berufsleben. Durch die ver&#228;nderten Studienbedingungen ist das Hinzuverdienen neben dem Studium schwerer geworden. Wenn die Eltern beispielsweise bei Schulabg&#228;ngerInnen aus bildungsfernen Milieus das Studium nicht bezahlen k&#246;nnen oder wollen, ist ein Studienabschluss in der Regelstudienzeit kaum machbar. F&#252;r Deutschland als Wissensgesellschaft muss es aber in den n&#228;chsten Jahren darum gehen, mehr junge Menschen f&#252;rs Studium zu gewinnen. Wir sehen in einem Studierenden-Grundeinkommen einen Baustein daf&#252;r, den notwendigen Zuwachs an Studierenden und Absolventen erreichen zu k&#246;nnen. </li>
<li><b>Ver&#228;nderungen auf dem Arbeitsmarkt:</b> Die These vom Ende der Arbeit teilen wir nicht. Erwerbsarbeit ist kein auslaufendes Modell, wie in vielen L&#228;ndern sichtbar ist. Auch bei uns gibt es viel Besch&#228;ftigung, blo&#223; eben zu h&#228;ufig in Form von Schwarzarbeit. Immer mehr Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnisse entstehen in Bereichen au&#223;erhalb des klassischen Industriearbeitsplatzes: Entlohnte Pflegearbeit und andere Dienstleistungen in privaten Haushalten, k&#252;nstlerische Projekte und andere Dienstleistungen zwischen Ehrenamt, kurzfristiger Projektt&#228;tigkeit und langfristiger Erwerbsarbeit sowie neue Formen von Selbst&#228;ndigkeit machen es sinnvoll, die soziale Sicherung nicht nur in der Krankenversicherung, sondern auch sonst st&#228;rker von dem Bestehen eines Erwerbsarbeitsplatzes zu entkoppeln. Au&#223;erdem brauchen Menschen die M&#246;glichkeit, f&#252;r Weiterbildung, Kinderbetreuung und Pflege von kranken oder &#228;lteren Angeh&#246;rigen ihre Arbeitszeit zu reduzieren. Deswegen wollen wir den Weg der B&#252;rgerversicherung konsequent weitergehen und die soziale Sicherung arbeitsplatzunabh&#228;ngiger gestalten sowie die auf den Faktor Arbeit lastenden Abgaben weiter zugunsten einer allgemeinen Belastung von Einkommen verringern. </li>
</ul>
<h3>F&#252;nf Module als Chance f&#252;r den Sozialstaat</h3>
<p>Wir schlagen vor, das Grundeinkommen, diesen Problemlagen entsprechend, in Modulen zu diskutieren. Dadurch werden die Vor- und Nachteile der einzelnen Reformvorschl&#228;ge &#252;berhaupt erst sichtbar. Die einzelnen Module unseres Grundeinkommens sind unabh&#228;ngig voneinander einf&#252;hrbar, die H&#246;he jeweils den Lebenslagen entsprechend zu w&#228;hlen. Perspektivisch entsteht ein bedingungsloses abgabenfreies Grundeinkommen f&#252;r alle, das aber den einzelnen Lebenslagen angepasst ist. </p>
<p>Unser Grundeinkommens-Vorschlag baut auf der bedarfsorientierten Grundsicherung auf. Das klingt auf den ersten Blick widerspr&#252;chlich: Doch in unserer Vorstellung kann ein Grundeinkommen, wenn es irgendwie finanzierbar sein soll, nicht f&#252;r jeden Menschen in jeder einzelnen Lebenslage existenzsichernd sein. Zu unterschiedlich hoch sind die Bedarfe. Wir brauchen deshalb auch bei einem Grundeinkommen die M&#246;glichkeit, individuelle Bedarfe, die &#252;ber das Grundeinkommen hinausgehen, zu decken. Das erm&#246;glicht eine zielgenaue Bed&#252;rfnissicherung und kann – st&#228;rker als alle anderen Grundeinkommens-Modelle – f&#252;r die Menschen Anreize setzen, aus eigener Kraft dazuzuverdienen. Wir sind daher – aus inhaltlichen Gr&#252;nden, nicht um des Kompromisses willen – f&#252;r eine bedarfsorientierte Grundsicherung und ein bedingungsloses Grundeinkommen. Aufgrund dieser Kombination muss keines der Grundeinkommens-Module von Anfang an die H&#246;he des Existenzminimums erreichen, sondern kann schrittweise eingef&#252;hrt werden. </p>
<p>Notwendig bleibt bei diesem Ansatz, weil er auf der Grundsicherung aufbaut, die Anpassung der H&#246;he des Existenzminimums in einem transparenten Verfahren. Das d&#252;rfte dazu f&#252;hren, dass statt heute 345 Euro dann – entsprechend den Berechnungen der Wohlfahrtsverb&#228;nde – &#252;ber 400 Euro bedarfsorientierte Grundsicherung gezahlt werden m&#252;ssen. </p>
<p>Mit der modularen Ausgestaltung und der schrittweisen Einf&#252;hrung wird ein Grundeinkommen f&#252;r alle umsetzbar. Statt eines globalen Finanzierungsbedarfs von 800 Mrd. € oder mehr, der finanzpolitisch nicht darstellbar ist, kann es in finanzierbaren und politisch handhabbaren Etappen umgesetzt werden. Statt eines Generalumbaus des Sozialstaats mit unkalkulierbaren &#220;bergangsrisiken ergeben sich einzelne Bausteine, die in ihrer Gr&#246;&#223;enordnung mit aktuellen Reformvorhaben wie z.B. der Unternehmensteuerreform vergleichbar und in ihren Auswirkungen &#252;berschaubar sind. Auch l&#228;sst sich in einer modularen Form &#252;berhaupt erst diskutieren, in welchen Lebenslagen welche Priorit&#228;ten zu setzen sind. </p>
<p>Konkret schlagen wir folgende f&#252;nf Module f&#252;r ein Grundeinkommen vor. </p>
<ol>
<li><b>Alters-Grundeinkommen:</b> Das Grundeinkommen f&#252;r Rentnerinnen und Rentner dient als Grundsockel, auf dem die Anspr&#252;che aus der gesetzlichen Rentenversicherung und aus privater und betrieblicher Altersversorgung aufbauen. Dadurch lohnt private oder betriebliche Altersvorsorge auch f&#252;r Menschen mit geringem Lebenseinkommen. Das Grundeinkommen f&#252;r &#196;ltere ist eine steuerfinanzierte Grundrente. </li>
<li><b>Erwerbsphasen-Grundeinkommen:</b> Wir streben ein Grundeinkommen f&#252;r Erwerbsf&#228;hige in H&#246;he des Existenzminimums  an. Das Grundeinkommen wird in Form einer negativen Einkommensteuer ausgestaltet, also vom Finanzamt ausgezahlt und mit der Abgabenpflicht verrechnet. Das hei&#223;t, dass das Grundeinkommen f&#252;r Steuerzahler in dem steuerfreien Grundfreibetrag aufgeht. Die Eink&#252;nfte, die dar&#252;ber liegen, werden wie heute auch mit einem progressiven Steuertarif belegt. Die Arbeitnehmerbeitr&#228;ge zur Sozialversicherung werden erst ab einem Freibetrag erhoben. Die Arbeitgeberbeitr&#228;ge werden als Lohnsummensteuer erhoben. Damit entsteht ein abgabenfreies Existenzminimum, das ohne unsystematische Sonderregelungen den Einstieg in den Arbeitsmarkt bei niedrigen Einkommen erleichtert. Aufgrund der regional sehr unterschiedlichen Kosten f&#252;r das Wohnen, halten wir es f&#252;r sinnvoll, die Kosten f&#252;r die Unterkunft in Form des Wohngelds bedarfsorientiert auszuzahlen und nicht pauschal in einem h&#246;heren Grundeinkommen zu finanzieren.</li>
<li><b>Kinder-Grundeinkommen:</b> Kinder brauchen zwei Formen von Mindestausstattung: ein finanzielles Grundeinkommen an ihre Eltern und eine staatlich unterst&#252;tzte Betreuungs- und Bildungsinfrastruktur hoher Qualit&#228;t. Deshalb bekommen Eltern f&#252;r ihre Kinder ein finanzielles Grundeinkommen. Es f&#252;hrt Familien aus der Armut heraus und sollte daf&#252;r dem Existenzminimum f&#252;r Kinder entsprechen. Au&#223;erdem erhalten Kinder einen Anspruch auf Betreuungs- und Bildungsleistungen vom 1. Lebensjahr an, z.B. in der Form der Kinderbetreuungskarte, mit der &#252;ber die Eltern Kinderbetreuungspl&#228;tze vor Ort finanziert werden k&#246;nnen. </li>
<li><b>Ausbildungs-Grundeinkommen:</b> Auszubildende brauchen ebenfalls noch beide Formen von Existenzsicherung: Das finanzielle Ausbildungs-Grundeinkommen f&#252;r Jugendliche gibt es in Ausbildungsphasen. Es wird erg&#228;nzt um eine aktive Begleitung der Jugendlichen beim &#220;bergang von der Schule in den Beruf und eine aktive Arbeitsmarktpolitik, in der Ausbildung im Mittelpunkt steht. </li>
<li><b>Studierenden-Grundeinkommen:</b> Studierende sollen gerade nicht neben dem Studium arbeiten m&#252;ssen. Hier liegt ein Unterschied zur Situation der meisten Auszubildenden. Deshalb muss ein Studierenden-Grundeinkommen anders ausgestaltet sein als ein Ausbildungs-Grundeinkommen. Neben einem finanziellen Grundeinkommen steht f&#252;r uns das geb&#252;hrenfreie Erststudium als zentraler Baustein einer Mindestausstattung f&#252;r Studierende. </li>
</ol>
<p>Die einzelnen Module unseres Grundeinkommens sind unabh&#228;ngig voneinander einf&#252;hrbar, die H&#246;he jeweils den Lebenslagen entsprechend zu w&#228;hlen. So bleiben auch Korrekturen zwischen den einzelnen Umsetzungsschritten m&#246;glich. Bildungs- und Betreuungsinfrastruktur einerseits und finanzielles Grundeinkommen f&#252;r Kinder andererseits k&#246;nnen nach der Bedarfslage gewichtet werden. Die Reform der Altersversorgung kann unabh&#228;ngig vom Grundeinkommen f&#252;r Erwerbsf&#228;hige eingef&#252;hrt werden. Die soziale Sicherung bei Ausbildung und Studium ist ein weiteres Modul. Perspektivisch entsteht ein bedingungsloses abgabenfreies Grundeinkommen f&#252;r alle, das aber den einzelnen Lebenslagen angepasst ist. </p>
<p>Trotzdem stellt sich die Frage nach der Finanzierung der einzelnen Schritte und des gesamten Ziels. Teile unseres Vorschlags sind bereits gegenfinanziert: </p>
<ul>
<li>F&#252;r die Kinderbetreuungskarte, die als erster Schritt zu dem heutigen Kindergeld hinzuk&#228;me, haben wir Gr&#252;ne als Finanzierung die Abschmelzung des Ehegattensplittings vorgeschlagen. </li>
<li>Das Auszubildenden- und das Studierenden-Grundeinkommen treten an die Stelle des BAf&#246;G und des Kindergelds f&#252;r diese Personengruppen und werden dadurch teilweise finanziert.</li>
<li>Das Erwerbsphasen-Grundeinkommen wird teilweise durch die Einsparungen beim ALG II und Sozialgeld, durch die Lohnsummensteuer sowie die Abschaffung von Mini- und Midijobs finanziert. </li>
<li>Als ein erster Schritt des Alters-Grundeinkommens steht der Steuerzuschuss an die gesetzliche Rentenversicherung abz&#252;glich vor allem der Finanzierung der Kindererziehungszeiten zur Verf&#252;gung, also etwa 63 Mrd. Euro. Das w&#252;rde pro Rentnerin und Rentner bereits &#252;ber 300 Euro Grundrente monatlich ergeben. Dar&#252;ber hinaus wird bei der Grundsicherung f&#252;r &#196;ltere ein relevantes Finanzierungsvolumen frei. </li>
</ul>
<p>Weiteres Finanzierungspotential sehen wir in einer Weiterentwicklung der &#246;kologischen Finanzreform, einer Anhebung der Beitragsbemessungsgrenze und einer Nutzung zus&#228;tzlicher Steuereinnahmen, soweit &#252;ber die Haushaltskonsolidierung hinaus noch Spielr&#228;ume bestehen.</p>
<p>Hei&#223;t Erwerbsphasen-Grundeinkommen, dass auch reiche Menschen etwas vom Staat bekommen? Nein. Denn durch die Verrechnung mit der Einkommensteuer wird Menschen mit steuerpflichtigen Einkommen oberhalb des Freibetrags keine Grundsicherung ausgezahlt. Da wir das Grundeinkommen aber als individuellen Rechtsanspruch ausgestalten wollen, spielen Einkommen des Lebenspartners bei der Auszahlung keine Rolle. Einkommenstarke Lebenspartner m&#252;ssen dann zwar weniger zum Lebensunterhalt des Partners beitragen, tragen aber die Finanzierung des Grundeinkommens.</p>
<h3>Mindestlohn als Voraussetzung</h3>
<p>Fakt ist, dass wir heute mit dem ALG II bereits einen Kombilohn haben, den 540.000 Menschen beziehen. Weitere 2,8 Mio. Menschen h&#228;tten eine Anspruch, verzichten aber aus verschiedenen Gr&#252;nden auf die ihnen zustehenden Leistungen, darunter sogar 500.000 Menschen mit Vollzeitarbeitspl&#228;tzen. Fakt ist auch, dass alle gr&#252;nen Vorschl&#228;ge f&#252;r die Weiterentwicklung der Grundsicherung auf ein Kombi-Einkommen setzen, n&#228;mlich auf die M&#246;glichkeit, in verst&#228;rkter Form bei Bezug von Grundsicherung hinzuzuverdienen. Wir meinen, dass mit unserem Vorschlag des Erwerbsphasen-Grundeinkommens eine bessere Form des Kombi-Einkommens erreicht werden kann. Im Kern entspricht er einer negativen Einkommensteuer – also der Idee, das f&#252;r diejenigen, die unter einem bestimmten Einkommensniveau sind, eine umgekehrte, „negative“ Steuerzahlung erfolgt, n&#228;mlich vom Finanzamt zum B&#252;rger statt wie normal vom B&#252;rger zum Finanzamt. </p>
<p>Die bestehenden wie die neu vorgeschlagenen Kombilohn- oder Kombieinkommensysteme machen Vertr&#228;ge mit extrem niedrigen L&#246;hnen zu Lasten der sozialen Sicherungssysteme attraktiv. Ein allgemein absinkendes Lohnniveau halten wir f&#252;r sozialpolitisch unerw&#252;nscht und wirtschaftspolitisch gef&#228;hrlich. Deshalb ersetzt ein Grundeinkommen Mindestl&#246;hne nicht, sondern beides erg&#228;nzt sich. Richtig bleibt deshalb die Beschlusslage unserer Partei im Wahlprogramm 2005, die wir inzwischen konkretisiert haben: Wir brauchen regional- und branchenspezifische Mindestl&#246;hne, erg&#228;nzt um eine rechtlich verbindliche Untergrenze. Diese w&#228;re in Anlehnung an das britische Vorbild von einer „Low-pay-Commission“ festzulegen.  </p>
<h3>Gesellschaftliche Teilhabe sichern</h3>
<p>Die H&#246;he des Grundeinkommens sollte unter sozial-, arbeitsmarkt- und finanzpolitischen Gesichtspunkten festgelegt werden. In einem ersten Schritt k&#246;nnte zun&#228;chst ein Grundeinkommens- Sockel gezahlt werden, der nicht Existenz sichernd ist. Diejenigen, die nicht in der Lage sind, ein zus&#228;tzliches Einkommen zu erwirtschaften, k&#246;nnen zus&#228;tzlich die &#220;bernahme der Wohnkosten bzw. Wohngeld beantragen, das aber bed&#252;rftigkeitsgepr&#252;ft ist.</p>
<p>Einige Vorschl&#228;ge aus der Bundestagsfraktion gehen in eine &#228;hnliche Richtung, z.B. die Forderungen nach einer geringeren Anrechnung von Zuverdiensten im ALG II, der Individualisierung und der Erh&#246;hung der Regelleistungen. Dies h&#228;tte auch eine Ausweitung der Anspruchsberechtigten um mehrere Millionen B&#252;rgerInnen zur Folge. Das ordnungspolitische Manko dieses Vorschlags w&#228;re, dass sich alle BezieherInnen einer Bed&#252;rftigkeitspr&#252;fung aussetzen m&#252;ssten, bevor sie staatliche Leistungen erhalten. Ein bedingungslos ausgezahlter Grundsockel in H&#246;he von beispielsweise 500 Euro w&#252;rde nach Sch&#228;tzungen f&#252;r 90 % der von Einkommensarmut betroffenen B&#252;rgerInnen und B&#252;rgern ausreichen, bei einem Grundsockel von 400 Euro sch&#228;tzen wir, dass etwa die H&#228;lfte der von Einkommensarmut betroffenen ausreichend versorgt w&#228;re und sich keiner Bed&#252;rftigkeits&#252;berpr&#252;fung unterziehen m&#252;ssen. Die anderen, f&#252;r die mit dem Grundeinkommen plus (falls vorhanden) eigenem Erwerbseinkommen das Existenzminimum noch nicht gedeckt ist, k&#246;nnen erg&#228;nzende Leistungen (z.B. Wohngeld) beziehen. Je h&#246;her das bedingungslose Grundeinkommen, desto mehr Menschen m&#252;ssen sich nicht mehr der b&#252;rokratischen Bedarfspr&#252;fung unterziehen, desto besser sind die Hinzuverdienstm&#246;glichkeiten und damit die Anreizeffekte.</p>
<p>Ein Staat, der alle Menschen gleich behandelt, ist nicht sozial. Die Hilfen f&#252;r besondere Lebenslagen, die insbesondere Menschen mit Behinderungen zukommen, aber auch beispielsweise Alleinerziehenden, m&#252;ssen neben einem Grundeinkommen bestehen bleiben, ebenso Pf&#228;ndungsgrenzen. Viele Menschen brauchen dar&#252;ber hinaus, aufgrund besonderer sozialer Problemlagen wie &#220;berschuldung, Krankheit oder Drogenabh&#228;ngigkeit, Sprach- oder anderen Integrationsproblemen eine individuelle Betreuung, die dezentral vor Ort stattfinden und besondere Problemlagen ber&#252;cksichtigen muss. Diesen speziellen Problemlagen wird aber eine aufgebl&#228;hte Bundesb&#252;rokratie nicht gerecht, deren Verwaltungsanweisungen auf die konkreten Verh&#228;ltnisse vor Ort nicht eingehen k&#246;nnen. Deswegen muss das F&#246;rdern dezentral, vor Ort, in den Kommunen geleistet werden, unabh&#228;ngig von N&#252;rnberg. So wird der Ort unseres Parteitags auch zur Aussage! </p>
<p>Gesellschaftliche Teilhabe entsteht nicht automatisch. Sie ist kein Mechanismus, bei dem man in &#246;konomischen Modellen Transferentzugsraten senkt und – schwups – die Arbeitslosen integriert sind. So sind Menschen nicht, so funktionieren M&#228;rkte nicht, insbesondere nicht Arbeitsm&#228;rkte. Eine wirksame Arbeitsmarktpolitik, also eine Politik der aktiven Integration von Arbeitslosen, eine Politik der Unterst&#252;tzung f&#252;r jeden einzelnen, auch im Rahmen eines Dritten Arbeitsmarkts und staatlich organisierter Arbeitsvermittlung bleibt notwendig, unabh&#228;ngig von der H&#246;he eines Erwerbsphasen-Grundeinkommens. Gleiches gilt f&#252;r Kinder, Auszubildende und Studierende: Ungleiche Startchancen werden in ihrer Wirkung nicht nur durch finanzielle Transfers begrenzt, sondern vor allem auch durch ein leistungsf&#228;higes Bildungssystem und durch gezielte Beratung, Begleitung und Ausbildungsangebote an der Schnittstelle vom Bildungssystem zum Arbeitsmarkt. </p>
<h3>Nicht alle Grundeinkommen sind gr&#252;n</h3>
<p>Heute ist die Situation so, dass viele derer, die eine sozialere Gesellschaft w&#252;nschen und Ver&#228;nderungen in der Sozialpolitik wollen, Modelle eines bedingungslosen Grundeinkommens diskutieren in der Hoffnung nach einem einfachen und fairen Sozialstaat. Das Grundeinkommens-Modell von G&#246;tz Werner, in dem alle Transferzahlungen des Sozialstaats abgeschafft werden und daf&#252;r jeder ein Grundeinkommen erh&#228;lt, in dem s&#228;mtliche Steuern au&#223;er der Umsatzsteuer abgeschafft werden und diese auf 50% angehoben werden soll, findet zahlreiche Anh&#228;nger. Dabei schafft G&#246;tz Werner praktisch den gesamten Sozialstaat ab. Jede einzelne der von ihm en bloc vorgeschlagenen Ver&#228;nderungen w&#252;rde den entsetzten Aufschrei aller derer provozieren, die sich f&#252;r soziale Projekte einsetzen: Abschaffung der Erbschaftsteuer, Abschaffung der Einkommensteuer, Abschaffung des BAf&#246;G, der Arbeitslosenversicherung, der Rentenversicherung, etc. Und doch stehen die Vorstellungen des DM-Chefs paradoxerweise f&#252;r einen Neuaufbruch in der Sozialpolitik. Wir halten dieses Modell nicht nur von der Finanzierungsseite her f&#252;r Gr&#252;ne f&#252;r ungeeignet und gr&#252;nen Werten widersprechend. Auch sozialpolitisch ist der Vorschlag von G&#246;tz Werner ein gef&#228;hrlicher Harakiri. Und genau deswegen m&#252;ssen wir diesem Modell, das f&#252;r viele gro&#223;e Attraktivit&#228;t entfaltet, ein kraftvolles gr&#252;nes Gegenmodell entgegensetzen. </p>
<p>Das Hamburger Wirtschaftsforschungsinstitut HWWI ist nicht ganz so radikal. Es schafft „nur“ die Progression in der Einkommensteuer, die Arbeitslosenversicherung, die Rentenversicherung und wenige andere Elemente des Sozialstaats ab. Kann unsere Konsequenz aus den Hartz-Protesten und dem Entstehen der Linkspartei, die ganz stark auf die Angst zur&#252;ckzuf&#252;hren sind, schon ein Jahr nach Beginn der Arbeitslosigkeit auf Sozialhilfeniveau zu landen, darin bestehen, dass wir durch die Abschaffung der Arbeitslosenversicherung den Menschen dieses Einkommensniveau schon am ersten Tag nach der K&#252;ndigung zumuten? Diese Schlu&#223;folgerung w&#228;re politisch wahnwitzig. Auch sehen wir keinen Grund, unsere Bedenken gegen eine Flat-rate-Einkommensbesteuerung, die wir im Wahlkampf 2005 gegen&#252;ber Professor Kirchhof vorgebracht haben, nun &#252;ber Bord zu werfen. Ein Grundeinkommen rechtfertigt nicht, alle anderen umverteilenden Elemente des Sozialstaats abzuschaffen. Ganz im Gegenteil: Wir werden die progressive Einkommensteuer brauchen, um ein Grundeinkommen finanzieren zu k&#246;nnen.  </p>
<p>&#196;hnlich wie der Vorschlag des HWWI sieht das Grundeinkommensmodell von Th&#252;ringens Ministerpr&#228;sident Althaus (CDU) aus. Er schafft es, die Interessen des wirtschaftspolitischen Fl&#252;gels nach weniger B&#252;rokratie z.B. durch die Abschaffung wichtiger Teile des Sozialstaats und weniger Umverteilung im Einkommensteuerrecht einerseits und die sozialpolitischen Wurzeln der Union in der christlichen Soziallehre andererseits zu kombinieren. Auch das FDP-B&#252;rgergeld steht letztlich f&#252;r eine &#220;berwindung des Sozialstaats. Diese Forderungen k&#246;nnen eine immense soziale Sprengkraft erzeugen und zu einem sozialstaatlichen R&#252;ckschritt f&#252;hren, gerade weil sie als finanzierbar gelten und sich deshalb nicht den &#252;blichen haushaltspolitischen H&#252;rden sozialpolitischer Ver&#228;nderungen gegen&#252;bersehen. Solche Grundeinkommens-Modelle, die weniger kosten als die heutigen Systeme, sind nicht besser als die mit Finanzierungsbedarf, sondern gef&#228;hrlicher. Denn sie enthalten den radikalen Abbau des Sozialstaats.</p>
<h3>Auf dem Weg zu gesellschaftlichen Mehrheiten</h3>
<p>Umso wichtiger ist ein gr&#252;ner Vorschlag f&#252;r die Weiterentwicklung des Sozialstaats, der trotz der sozialpolitisch notwendigen Differenzierung eine klare und verst&#228;ndliche Aussage enth&#228;lt: Jeder und jede bekommt ein Grundeinkommen, das frei von Sozialabgaben und Steuern ist, angepasst nach den Lebenslagen Kindheit, Ausbildungsphase bzw. Studium, Erwerbsphase und Alter. Hei&#223;t das, dass wir f&#252;r die gro&#223;e, ewige H&#228;ngematte f&#252;r alle eintreten? Nein. Zu Recht stellt die Gesellschaft die Forderung nach Gegenleistungen auf. Aber sie sollte es nicht mit der Pflicht tun, Hunderte von sinnlosen Bewerbungen vorzuweisen, sondern mit konkreter Unterst&#252;tzung vor Ort und mit einem Sozialsystem, das an keiner Stelle ein Mehr an Arbeitsleistung bestraft oder Abgaben verlangt, die dem einzelnen nichts nutzen. </p>
<p>Wir sind &#252;berzeugt, dass wir f&#252;r einen solchen Vorschlag nicht nur im innergr&#252;nen Ringen um die Zukunft unserer sozialpolitischen Programmatik, sondern auch in der deutschen Gesellschaft breite Zustimmung finden k&#246;nnen. Denn darauf muss unser Parteitagsbeschluss im November zielen: auf gesellschaftliche Mehrheiten f&#252;r ein kraftvolles gr&#252;nes Konzept zum Umbau des Sozialstaates. </p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.grundsicherung-bw.de/2007/06/03/modulares-grundeinkommen/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>13</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Individuen und Institutionen</title>
		<link>http://www.grundsicherung-bw.de/2007/05/25/individuen-und-institutionen/</link>
		<comments>http://www.grundsicherung-bw.de/2007/05/25/individuen-und-institutionen/#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 25 May 2007 10:18:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Gastbeitrag</dc:creator>
				<category><![CDATA[01 Grundsatzfragen]]></category>
		<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Gastbeitrag]]></category>
		<category><![CDATA[Kritik & Utopie]]></category>
		<category><![CDATA[Modelle & Philosophien]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.grundsicherung-bw.de/2007/05/25/individuen-und-institutionen/</guid>
		<description><![CDATA[Anmerkungen zur aktuellen Grundsicherungs-Debatte aus emanzipatorischer und gerechtigkeitsorientierter Perspektive
Gastbeitrag von Peter Siller, Leiter der Abteilung Inland der Heinrich-B&#246;ll-Stiftung
In der politischen Landschaft der Bundesrepublik ist un&#252;bersehbar, dass die Suchbem&#252;hungen – und teilweise auch die Sehnsucht – nach einer gr&#246;&#223;eren politischen Erz&#228;hlung wachsen. Trotz und gegen die Thesen vom Siegeszug des Pragmatismus, vom Verschwinden der Lager und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3 align="left">Anmerkungen zur aktuellen Grundsicherungs-Debatte aus emanzipatorischer und gerechtigkeitsorientierter Perspektive</h3>
<p><a href='http://www.grundsicherung-bw.de/wp-content/uploads/2007/05/peter_siller.jpg' title='Peter Siller'><img class="alignright" width=129 height=200 src='http://www.grundsicherung-bw.de/wp-content/uploads/2007/05/peter_siller.jpg' alt='Peter Siller' /></a><i>Gastbeitrag von <a href="http://www.boell.de/de/04_thema/4071.html">Peter Siller</a>, Leiter der Abteilung Inland der Heinrich-B&#246;ll-Stiftung</i></p>
<p>In der politischen Landschaft der Bundesrepublik ist un&#252;bersehbar, dass die Suchbem&#252;hungen – und teilweise auch die Sehnsucht – nach einer gr&#246;&#223;eren politischen Erz&#228;hlung wachsen. Trotz und gegen die Thesen vom Siegeszug des Pragmatismus, vom Verschwinden der Lager und vom Ende der Gro&#223;theorie ist in verschiedenen politischen Lagern eine zumindest zaghafte Suchbewegung sichtbar, in der nach tragf&#228;higen Begriffen und Formeln gesucht wird, die den „Plot“ einer solchen politischen Erz&#228;hlung bilden k&#246;nnten. Das gilt mehr als f&#252;r andere Parteien f&#252;r die Gr&#252;nen, bei denen erst langsam wirklich ankommt, dass die urspr&#252;nglich ambitionierte Erz&#228;hlung der eigenen Regierungszeit nicht nur j&#228;h abbricht, sondern mit Blick auf die zweite Legislatur kaum im Ged&#228;chtnis der B&#252;rgerinnen und B&#252;rger h&#228;ngen geblieben ist. Doch auch unabh&#228;ngig von den Gr&#252;nen gibt es einige Indizien, dass Selbstverwirklichungs-Optimismus, Erlebnis-Paradigma und Ironie der neunziger Jahre zwar nicht verschwunden sind, aber doch gegen&#252;ber dem Bed&#252;rfnis nach einem st&#228;rkeren politischen Narrativ zur&#252;ckgetreten sind.</p>
<p><span id="more-114"></span><br />
Best&#228;rkt wird das Bed&#252;rfnis nach einer politischen Erz&#228;hlung durch eine ver&#228;nderte Rezeption der gesellschaftlichen Realit&#228;t, mit der ein Ende alter, vertrauter Erz&#228;hlungen einherging. Ein entscheidender Wendepunkt dieser Rezeption waren ohne Zweifel die Anschl&#228;ge des 11. September, mit denen das bisher eher abstrakte Ende der alten, nach Bl&#246;cken geordneten Welt konkret wurde. Hinzu kamen aber auch die innergesellschaftlichen Analysen einer neuen „Unterschicht“ bzw. „Unterklasse“ sowie einer Prekarisierung der Mittelschichten, die ihrerseits der Erz&#228;hlung vom „rheinischen Kapitalismus“ und dem damit einhergehenden Wohlfahrtsversprechen f&#252;r alle endg&#252;ltig ein Ende setzten. Und auch das Ende der &#246;kologischen Sorglosigkeit wurde f&#252;r Viele in der Gesellschaft erst in der j&#252;ngsten Vergangenheit von einer abstrakten Vorhaltung zu einem konkreten Faktum.</p>
<h4>1. Erz&#228;hlungen nach den Ideologien</h4>
<p>Dieses Bewusstsein f&#252;r die Notwendigkeit einer gr&#246;&#223;eren Erz&#228;hlung ist – entgegen dem postmodernen Diktum vom „Ende der gro&#223;en Erz&#228;hlungen“ (Lyotard, La condition postmoderne) &#8211; f&#252;r das politische Klein-Klein und all die pragmatischen Schritte ist eine gro&#223;e Chance. Denn ohne eine Auskunft &#252;ber die Wegweiser des eigenen politischen Handelns, ohne Landkarte und Kompass, verliert sich jede einzelne Handlung in Beliebigkeit. Verloren geht damit der Anspruch, die B&#252;rgerinnen und B&#252;rger von einem politischen Kurs zu &#252;berzeugen, Gr&#252;nde und Hintergr&#252;nde zu benennen. Verloren geht damit letztlich die Chance, Menschen f&#252;r eine bestimmte Politik zu gewinnen.<br />
Diese Effekte sind jedoch nur dann als positiv zu bewerten, wenn der Inhalt – wenn man so will der „Plot“ – der politischen Erz&#228;hlung stimmt. Auf der Suche nach der gr&#246;&#223;eren Erz&#228;hlung kommt es deshalb darauf an, die Gefahren und Untiefen in der beschriebenen Sehnsucht zu erkennen und zu ber&#252;cksichtigen. Eine politische Erz&#228;hlung darf kein Selbstzweck sein, dem man Inhalte beliebig unterordnet. Vielmehr m&#252;ssen in der Politik am Anfang Ideen, Grunds&#228;tze und Kriterien, aus deren Vollzug in der politischen Praxis sich dann eine bestimmte Erz&#228;hlung ergibt. Dort, wo die Sehnsucht nach der gro&#223;en Erz&#228;hlung am Anfang steht, und nicht die Anteil nehmende Zuwendung zur Welt, verkehrt sie sich zur blinden Ideologie. Eine gr&#246;&#223;ere politische Erz&#228;hlung rechtfertigt sich also durch ihre Inhalte und muss den Menschen zugewandt sein, anstatt sich im Erz&#228;hlrausch abzuwenden. Es geht um eine Erz&#228;hlung von Selbstbestimmung und Gerechtigkeit, die Konsistenz einfordert, die ein Stachel ist und die Sinne sch&#228;rft, f&#252;r das, was vorgeht in der Welt.<br />
Wie k&#246;nnte eine gr&#246;&#223;ere Erz&#228;hlung von Gerechtigkeit und Selbstbestimmung aussehen, die weder nostalgisch im Gestern schwelgt noch den Menschen eine Geschichte &#252;berst&#252;lpt, die nichts mit ihrer eigenen zu tun hat. Eine solche Erz&#228;hlung muss berichten, wo man her kommt, sie muss beschreiben, wo man steht, und sie muss ausblicken, wo es hingeht.<br />
Sie muss also erstens den Mut haben, von den eigenen Erfahrungen zu berichten und diese zu bewerten. Das gilt f&#252;r die l&#228;ngeren Entwicklungslinien, f&#252;r die gro&#223;en Br&#252;che und Umbr&#252;che. Das gilt mit Blick auf die Gr&#252;nen aber auch f&#252;r die j&#252;ngste Vergangenheit der Regierungserfahrung von 1998 bis 2005.<br />
Sie muss zweitens den Mut haben zur erkennbaren Verortung &#8211; in den konkreten Konzepten, aber auch in den grundlegenden Werten und Motiven. F&#252;r eine gr&#246;&#223;ere Erz&#228;hlung reicht es in keiner Weise aus, dem reinen Pragmatismus zu entkommen. Es bedarf vielmehr einer kontroversen, streitbaren Verortung in der nur scheinbar konsensualen Welt der „Werte“. Der politische Rekurs auf die Notwendigkeit einer „Werteorientierung“ ist inzwischen zur hohldrehenden Leerformel geworden, zur Nebelkerze der eigenen Ratlosigkeit. Denn erst wenn man im Universum m&#246;glicher „Werte“ streitbar benennt, welche der eigenen Politik eine Richtung geben sollen, und welche nicht, in welcher Interpretation und Anordnung, und in welcher nicht, wird aus dem Blendwerk eine erkennbare Position, von der aus sich etwas erz&#228;hlen l&#228;sst. „Werte“ zu haben ist kein Wert an sich. Und das Etikett „werteorientiert“ ist auch nicht geeignet, um damit spezifische und hoch strittige Weltbilder zu kaschieren &#8211; ein beliebter semantischer Trick gerade bei Konservativen, die sich offenkundig gar nicht vorstellen k&#246;nnen, dass es noch andere Werteanordnungen und politische Weltbilder gibt, als die eigenen.<br />
Streitbarkeit ist hinsichtlich der Jetzt-Zeit nicht nur mit Blick auf die normative Ebene der Werte unabdingbar, sondern auch mit Blick auf die Beschreibung der sozialen Realit&#228;t. Auch hier wird oft &#8211; unter Hinzuziehung der immer gleichen Schlagw&#246;rter &#8211; ein Konsens angenommen, anstatt sich in dem diversen und auch widerspr&#252;chlichen Spektrum der Klassen-, Schichten- und Sozialanalysen zu verorten. Diese Verortung ist aber notwendig, um einen eigenen Blick auf die Welt zu werfen.<br />
Und schlie&#223;lich drittens erfordert sie den Mut, die politische Erz&#228;hlung in die Zukunft weiter zu schreiben, in Anerkennung ihrer Unsicherheiten und Unw&#228;gbarkeiten, aber doch mit der Courage zu Konzepten und Vorschl&#228;gen, wie es weiter gehen soll.<br />
Und wie k&#246;nnte eine Erz&#228;hlung f&#252;r Europa oder gar f&#252;r die Welt aussehen, wenn sie uns schon im Nahbereich solche Schwierigkeiten bereitet? In wieweit lassen sich diese Erz&#228;hlungen &#252;berhaupt (noch) trennen? F&#252;r ein vollst&#228;ndiges Narrativ ist der nationale Bezugsrahmen heute v&#246;llig unzureichend. Das macht die Aufgabe nicht leichter.<br />
Zu einer gemeinsamen Erz&#228;hlung wird sie nur, wenn sie sich vom Bild von Sender und Empf&#228;nger l&#246;st, wenn sie im Gespr&#228;ch erz&#228;hlt wird. Eine politische Erz&#228;hlung, die sich an alle richtet, darf nicht zu abstrakt sein, darf sich aber auch nicht auf ein thematisches Segment oder eine Klientel zur&#252;ckziehen. Sie erfordert im politischen Raum Begriffe und Bilder die verst&#228;ndlich sind, ohne sich anzubiedern. Sie verlangt eine gewisse Einfachheit und Klarheit, ohne verk&#252;rzend bzw. einf&#228;ltig zu sein oder zu behaupten, alles erkl&#228;ren zu k&#246;nnen. Sie erfordert Raum f&#252;r Interpretation und Fantasie, aber gleichzeitig muss sie in den Grundz&#252;gen konsistent sein. Sie erfordert Reflexion und Beharrlichkeit, also Dinge, mit denen der aktuelle Politikbetrieb seine Schwierigkeiten hat.</p>
<h4>2. Suche nach Stoffen</h4>
<p>Bei aller Unsicherheit und Unklarheit: Es gibt zaghafte Ans&#228;tze gr&#246;&#223;erer politischer Erz&#228;hlungen. „Gerechtigkeit durch mehr Freiheit“ war der Kernslogan f&#252;r den bisherigen CDU-Grundsatzprogramm-Prozess und zierte eine Zeit lang jedes Rednerpult der Parteivorsitzenden Angela Merkel. Dieser „Plot“ bildete in gewisser Weise auch die Blaupause der Union f&#252;r den Bundestagswahlkampf 2005 und dahinter stand eine klare wirtschaftsliberale Haltung, die versuchte, sich auch noch den Begriff der Gerechtigkeit anzueignen bzw. diesen umzuschreiben. Dass das alles nicht gut zur diagnostizierten sozialen Verunsicherung der „Unter-“ und „Mittelschichten“ passte, zeigte sich dann im Wahlergebnis und wurde im Anschluss revidiert. Aber immerhin: Es war der Ansatz einer Erz&#228;hlung.<br />
Die SPD weigerte sich im Bundestagswahlkampf 2005 &#252;berhaupt noch etwas zu erz&#228;hlen. Von der eigenen, rot-gr&#252;nen Geschichte distanzierte man sich, und eine andere Erz&#228;hlung hatte man nicht in petto. Ein – wenn auch nicht umgesetzter – Ansatz w&#228;re die Figur der „solidarischen Mitte“ aus dem Bundestagsprogramm gewesen, die immerhin anders als die Formel von der „neuen Mitte“ eine Mittelschichtspolitik mit dem Ansatz einer Integration aller in die sozio&#246;konomische Mitte verband. Ein weiterer Ansatz findet sich in der Kernformulierung des Entwurfs f&#252;r ein neues Grundsatzprogramm vom „vorsorgenden Sozialstaat“. Hier wiederum wird der Sozialstaats-Gedanke mit der Nachhaltigkeit zusammengeschlossen – ein f&#252;r die Sozialdemokratie ungewohntes, aber f&#252;r eine neue sozialdemokratische Erz&#228;hlung durchaus aussichtsreiches Unterfangen. Schade nur, dass die SPD mit dem Parteivorsitzenden Beck einen „Erz&#228;hler“ hat, zu dem dieser Stoff einfach nicht passt. Insofern ist es konsequent, dass er sich daran erst gar nicht versucht.<br />
Und die Gr&#252;nen? Auch hier tut man sich schwer – und doch finden sich einige gute Expoées, die weitergef&#252;hrt werden m&#252;ssten. Mit dem Begriff der „Erweiterten Gerechtigkeit“ gibt es einen hervorragenden Begriff f&#252;r das ideelle Zentrum gr&#252;ner Politik, aus dem aber noch keine Erz&#228;hlung geworden ist. Der gr&#252;ne Anspruch ist reklamiert, Gerechtigkeit mit Selbstbestimmung zu verbinden und mit Blick auf die neuen sozialen Lagen und Bedrohungen neu auszurichten. „Erz&#228;hlt“ ist dieser Stoff noch nicht, weder mit Blick auf die soziale Bedrohung durch den Klimawandel, noch mit Blick auf die neuen Formen sozialer Exklusion in unserer Gesellschaft, noch mit Blick auf die globale Transformation.<br />
Andere Vorschl&#228;ge f&#252;r die gr&#252;nen Erz&#228;hlung liegen in einem „radikalen Realismus“ als Haltung zu den gro&#223;en Transformationen der Gegenwart, in der Proklamation des Begriffs der „&#214;ffentlichen G&#252;ter“ oder auch der „Commons“, in der Forderung nach einer „Neuen Institutionenpolitik“ („Institution matters“) und dem damit verbundenen Verweis auf das „Skandinavische Modell“, in der unbestimmten Formel der „Teilhabe“ oder in dem unbestimmten und normativ fragw&#252;rdigen Narrativ der „Mitte“.<br />
Auf einer konkreteren Ebene feiert die Figur der „Grundeinkommens“ gerade im gr&#252;nen Milieu eine gewisse Renaissance bei der Suche nach der gr&#252;nen Erz&#228;hlung. Dieses Motiv ist nicht neu, sondern kann auf eine Jahrzehnte lange Ideengeschichte zur&#252;ck blicken. Und doch scheint es derzeit – nach &#252;ber einem Jahrzehnt weitgehender Abstinenz – f&#252;r einen Teil der Gr&#252;nen die richtige Ingredienz, um das erz&#228;hlerische Fantasma in der Nachregierungs-&#196;ra zu befl&#252;geln. Bis hin zum neunen politischen „Erweckungserlebnis“ mit allem dazugeh&#246;rigen Missionarstum. Und dies obgleich es in den unterschiedlichsten Gestalten und aus den unterschiedlichsten Lagern auftaucht. Von seinem neoliberalen „Erfinder“ Milton Friedmann bis zur linksradikalen Tradition von Gorz bis Engler. Vom Paradigma der „Kulturgesellschaft“ &#252;ber den Drogerie-Unternehmer G&#246;tz Werner bis zum „B&#252;rgergeld“ von Althaus oder der FDP.<br />
Im Kontrast dazu steht der Begriff der „Grundsicherung“, und auch hierum versammeln sich zahlreiche Gr&#252;ne. Konzepte der „Grundsicherung“ zielen ebenfalls auf eine Strategie der individuellen Absicherung unter Bedingungen von Armutskreisl&#228;ufen und Prekarit&#228;t, sind jedoch breiter angelegt, da sie neben der Frage individueller Transfers auch die institutionellen Elemente sozialer Sicherheit einbeziehen und zugleich die Forderung der „Bedingungslosigkeit“ von Sozialtransfers  in Frage stellen oder zumindest differenzieren.<br />
Ziel der folgenden Ausf&#252;hrungen ist es &#8211; sozusagen einige Stufe unter den wichtigen aber abstrakten &#220;berlegungen zum Begriff der Erweiterten Gerechtigkeit &#8211; einige andere Motive einer m&#246;glichen gr&#252;nen Erz&#228;hlung auf ihrer Tragf&#228;higkeit zu untersuchen. Ausgangspunkt ist dabei ein Blick auf den Begriff des „&#214;ffentlichen Guts“ bzw. der Proklamation eines „Vorrangs der &#246;ffentlichen G&#252;ter“. Hierbei geht es zun&#228;chst darum, einen im politischen Raum sehr vagen und zugleich hoch suggestiven Begriff sinnvoll zu bestimmen. Dies m&#252;ndet mit Blick auf die Analysen der sozialen Lagen in unserer Gesellschaft in eine Unterscheidung zwischen „individuellem Transfer“ und „institutionellem Transfer“, ohne die sich die Konsequenzen der Forderung nach einem „Vorrang &#246;ffentlicher G&#252;ter“ nicht beschreiben lassen. Daraus wiederum werden einige R&#252;ckschl&#252;sse auf Tragf&#228;higkeit und Grenzen von „Grundsicherung“ und „Grundeinkommen“ als Stoff einer gr&#252;nen Erz&#228;hlung gezogen.</p>
<h4>3. Was ist ein „&#214;ffentliches Gut“?</h4>
<p>Greifen wir also einen Erz&#228;hlfaden gr&#252;ner Politik auf und schauen, was sich daraus machen l&#228;sst: Die Geschichte von der Bedeutung oder auch vom Vorrang „&#246;ffentlicher G&#252;ter“ bzw. von „Commons“, wie man im internationalen Raum – mit anderer Akzentuierung – sagen w&#252;rde. &#214;ffentliche G&#252;ter, das klingt gut, das klingt nach Gemeinwohl und Vergesellschaftung und nach einem einigerma&#223;en klaren Begriff, auf den man eine politische Erz&#228;hlung aufbauen kann. Aber was meinen wir eigentlich genau, wenn wir von einem &#246;ffentlichen Gut sprechen? Bei genauerer Betrachtung verwandelt sich die vermeintliche Klarheit schnell in Verwirrung.<br />
Seinen Ursprung hat der Begriff des „&#214;ffentlichen Guts“ in den Wirtschaftswissenschaften. Von dort aus wurde er schnell auch ausschlaggebend f&#252;r Teile des &#246;ffentlichen Rechts. Nach der herrschenden Meinung in wirtschaftswissenschaftlichen Theorie l&#228;sst sich ein „&#246;ffentliches Gut“ entweder kumulativ oder alternativ durch die Merkmale der Nichtausschlie&#223;barkeit und der Nichtrivalit&#228;t im Konsum definieren. Ein solches Gut kann nach dieser Bestimmung ohne Beeintr&#228;chtigung der einzelnen Nutzer von vielen gleichzeitig genutzt werden, so dass es unm&#246;glich oder ineffizient ist, weitere Nutzer auszuschlie&#223;en. Ursache der Nichtausschlie&#223;barkeit seien technische Effekte, die nicht durch entsprechende Marktmechanismen widergespiegelt werden.<br />
Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass in den angesprochenen Wissenschaften als typische &#246;ffentliche G&#252;ter etwa die innere Sicherheit, die Rechtsordnung, das W&#228;hrungssystem, Staatsfunktionen wie Polizei, Justiz, Gesetzgebung oder die Landesverteidigung angesprochen werden und keineswegs jene G&#252;ter, die im politischen Raum unter dem Rubrum „&#246;ffentliches Gut“ verhandelt werden, wie etwa Kinderbetreuung, Bildung, Wasserversorgung oder &#228;hnliches. Letztere sind n&#228;mlich – bei allen Querverbindungen &#8211; sehr wohl ausschlie&#223;bar und unterliegen auch der Rivalit&#228;t im Konsum. Selbst mit Blick auf so unteilbare Dinge, wie etwa das Klima stellt sich bei genauerer Betrachtung heraus, dass etwa Umweltbedingungen und Umweltbelastungen durch die Klimasituation sehr wohl verteilbar sind, nach geographischer Lage, nach „arm“ und „reich“ o.&#228;. Darin liegt ja gerade ein Grund f&#252;r die Notwendigkeit, die Klimadebatte mit der Gerechtigkeitsfrage zu verbinden, wie es die Formel vom „Klima der Gerechtigkeit“ zum Ausdruck bringt.<br />
Im politischen Raum muss also etwas anderes gemeint sein, wenn es sich dabei tats&#228;chlich um einen einigerma&#223;en trennscharfen Begriff handeln soll, und nicht nur um rhetorisches Blendwerk. Sinnvollerweise gemeint sind mit der Rede vom &#246;ffentlichen Gut wohl Grundg&#252;ter, von denen wir annehmen und f&#252;r die wir begr&#252;nden k&#246;nnen, dass Teilhabe an ihnen jeder und jedem offen stehen sollte. Eine Spezifizierung dieser G&#252;ter folgt freilich starken normativen Annahmen und ist zudem ab einem bestimmten Punkt von den subjektiven Bedeutungszuschreibungen an G&#252;ter durch die Individuen selbst abh&#228;ngig, und damit auch von den jeweiligen sozialen und kulturellen Kontexten der Zeit. (Das Gut „Arbeit“ beispielsweise hatte zu unterschiedlichen Epochen nicht nur sehr unterschiedliche Bestimmungen, sondern auch sehr unterschiedliche Bedeutungszuschreibungen. Daran zeigt sich die Situiertheit &#246;ffentlicher G&#252;ter in einem bestimmten Kontext.)<br />
Definiert man &#246;ffentliche G&#252;ter als Grundg&#252;ter, an denen alle teil haben sollen, so stehen an erster Stelle ganz basale Anspr&#252;che wie das Recht, &#252;berhaupt Rechte zu haben, die grundlegenden Menschenrechte, Demokratie und Mitspracherechte, aber auch grundlegende Ressourcen wie Nahrung, Wasser oder ein Dach &#252;ber dem Kopf. All das aber taucht scheinbar paradoxerweise in der bundesrepublikanischen Debatte um &#246;ffentliche G&#252;ter ebenfalls nicht auf. Der Grund ist nicht, dass es sich dabei nicht um &#246;ffentliche G&#252;ter handelt, sondern dass uns der Zugang zu diesen G&#252;tern offenkundig so selbstverst&#228;ndlich erscheint, dass sie gar nicht mehr genannt werden.<br />
Im Zentrum der Rede von „&#246;ffentlichen G&#252;tern“ stehen vielmehr offensichtlich gerade die G&#252;ter, deren Status umstritten ist. G&#252;ter, von denen man meint, explizit sagen zu m&#252;ssen, dass es sich dabei um „&#246;ffentliche“ handelt, weil das Teile der Gesellschaft anders sehen. In diesen Bereichen ist es jedoch gleichzeitig besonders schwer zu beschreiben was genau gemeint ist, wenn wir etwas als „&#246;ffentliches Gut“ bezeichnen. Also zum Beispiel: welche Bildungsm&#246;glichkeiten, oder welche Arbeitsm&#246;glichkeiten &#8211; und bis zu welchem Grad.<br />
Gerade im gr&#252;nen Milieu scheint die Versuchung gro&#223;, den Begriff des „&#246;ffentlichen Guts“ m&#246;glichst weit zu fassen. (Eine &#228;hnliche Psychologie greift im Diskurs um die Interpretation der Menschenrechte, in dem man auch am Liebsten jeden sinnvollen Anspruch zum Menschenrecht erkl&#228;ren w&#252;rde). Das Problem dieser weiten Auslegungen liegt jedoch darin, dass die normativ wichtigen Begriffe „schw&#228;cher“ werden, wenn man sie zu „weit“ fast. Wenn alle G&#252;ter „&#246;ffentliche G&#252;ter“ sind, ist am Ende keines mehr eins. (Und wenn alle Rechte „Menschenrechte“ sind, ist am Ende ebenfalls keines mehr eins.) Die Durchschlagskraft politisch-moralischer Kategorien bezieht sich gerade daraus, dass ihr Kern erkennbar bleibt und sie nicht bis zur Unkenntlichkeit „gestreckt“ werden. Das ist auch wichtig, wenn eine gr&#252;ne Erz&#228;hlung gelingen soll.</p>
<h4>4. Hoheitliche und marktf&#246;rmige Gew&#228;hrleistung</h4>
<p>Wenn wir nun etwas klarer haben, was ein „&#246;ffentliches Gut“ auszeichnet bleibt die Frage, was im politischen Raum eigentlich daraus folgt.<br />
Eine Annahme, die mitunter mit dem Status eines Guts als „&#246;ffentlich“ verbunden wird, ist die Notwendigkeit der staatlichen Erbringung und eine entsprechende Fassung als hoheitliche Aufgabe. Aus den Kriterien der Nichtausschlie&#223;barkeit bzw. Nichtrivalit&#228;t wird geschlussfolgert, dass mit Blick auf &#246;ffentliche G&#252;ter der Markt versagen muss, da hier das Spiel von Angebot und Nachfrage au&#223;er Kraft gesetzt ist.<br />
Mit Blick auf die vorgeschlagene Definition des „&#214;ffentlichen Guts“ jenseits von Nichtausschlie&#223;barkeit und Nichtrivalit&#228;t l&#228;sst sich jedoch dieser R&#252;ckschluss von der „&#214;ffentlichkeit“ eines Guts auf seine staatliche Erbringung nicht Aufrecht erhalten. Selbst die „klassisch“ hoheitlichen Bereiche erbringen bei sorgf&#228;ltiger Abgrenzung der darin zusammengefassten Angebote jedenfalls zum Teil Leistungen, die unter entsprechenden ordnungspolitischen Bedingungen auch von Privaten angeboten werden k&#246;nnen. F&#252;r die Frage, ob und in wie weit ein &#246;ffentliches Gut durch den Staat zu erbringen ist bzw. sinnvoller Weise durch den Markt, h&#228;ngt vielmehr von der &#246;konomischen, sozialen und auch kulturellen Bedingung einer Gesellschaft ab und von den ordnungspolitischen Arrangements, f&#252;r die sie sich entscheidet. Grundlegende knappe Ressourcen wie Brot oder Butter wurden beispielsweise unter bestimmten Bedingungen strikt hoheitlich verwaltet, um ein Minimum f&#252;r alle zu gew&#228;hrleisten. Heute werden sie in unserer Gesellschaft unproblematisch &#252;ber den Markt zur Verf&#252;gung gestellt. Stattdessen stellt sich mit Bezug auf andere G&#252;ter die Frage nach dem politischen Arrangement zwischen Staat und Markt. In der Bildung, in der Umweltfrage, aber auch mit Blick auf den Arbeitsmarkt.<br />
Auch wird aus dem Status des „&#246;ffentlichen Guts“ mitunter die Notwendigkeit einer Gew&#228;hrleistung ohne Gegenleistung gefolgert. Doch auch diese Schlussfolgerung erweist sich als haltlos, wenn wir ber&#252;cksichtigen, dass selbst basale Ressourcen wie Nahrung, Kleidung oder Wohnung unproblematisch mit einer Gegenleistung in Form von Bezahlung verbunden sein k&#246;nnen, soweit der Empf&#228;nger zu dieser Gegenleistung in der Lage ist. Gemeint ist also zun&#228;chst einmal nur die Notwendigkeit einer „B&#252;rgschaft“ des Staates, die unter Bedingungen von Mittellosigkeit greift.<br />
Gleichwohl hat diese staatliche „B&#252;rgschaft“ f&#252;r &#246;ffentliche G&#252;ter weitreichende Konsequenzen f&#252;r Selbstverst&#228;ndnis und Aufgabenbeschreibung des Staates. Der Staat &#8211; und damit die Demokratie &#8211; sind verantwortlich f&#252;r die Gew&#228;hrleistung &#246;ffentlicher G&#252;ter. Dabei steht ihm die Entscheidung offen, ob er dieses Ziel marktf&#246;rmig &#252;ber eine entsprechende Ordnungspolitik erreichen will oder unmittelbar staatlich oder ob gar kein Handlungsbedarf besteht, weil der Zugang zu einem &#246;ffentlichen Gut bereits auf der Grundlage geltender Arrangements besteht.<br />
Dabei unterliegt es &#252;ber die festgeschriebenen Menschen- und B&#252;rgerrechte hinaus dem demokratischen Diskurs, welchen G&#252;tern eine Gesellschaft den Status eines „&#246;ffentlichen Guts“ zuweisen will und auf welchem Weg sie die Gew&#228;hrleistung dieses Guts f&#252;r alle erbringen will. Deshalb ist die Debatte um &#246;ffentliche G&#252;ter eng mit der Frage der Demokratie verkoppelt. Eine Politik der &#246;ffentlichen G&#252;ter braucht den Mut zum offenen Austragen der mitunter kontroversen Grundannahmen und manchmal auch komplexen Abw&#228;gungsfragen, die sich bei der Bestimmung und Gew&#228;hrleistung eines &#246;ffentlichen Guts stellen. Die Neigung mancher, diese Fragen der Bestimmung und Gew&#228;hrleistung als Frage von Menschen- oder B&#252;rgerrechten weitgehend aus dem demokratischen Prozess auszublenden und unmittelbar zu Rechtsfragen zu erkl&#228;ren, die man am Besten direkt beim Bundesverfassungsgericht einklagt, ist vor diesem Hintergrund nicht nur falsch, sondern auch alles andere als „republikanisch“. Anstatt in der demokratischen Auseinandersetzung zu streiten, werden so letztlich Gr&#252;nde und Argumente verweigert.</p>
<h4>5. Zweierlei Ausschluss</h4>
<p>Wenn wir nun fragen, welche Politiken, welche Strategien, und auch: welche Erz&#228;hlungen, notwendig sind, um den Menschen die reale Teilhabe an den &#246;ffentlichen G&#252;ter zu gew&#228;hrleisten, ist unabdingbar, die konkrete soziale Situation der Menschen genauer zu betrachten. Konzepte und Strategien, die sich f&#252;r die objektiven Lagen und die subjektiven Begehren der Menschen, auf die sie zielen, nicht interessieren, k&#246;nnen nicht gelingen. Mehr noch: Sie richten sich gegen die Individuen, in deren Namen gesprochen wird. In den letzten Jahren hatten wir eine Vielzahl von Studien und Analysen, die sich mit den sozialen Lagen und der sozialen Entwicklung in der bundesrepublikanischen Gesellschaft befasst haben. Und auch wenn viele Daten noch fehlen und viele damit verbundene Interpretationen unhaltbar sind, so haben wir doch eine Grundlage, um genauere Aussagen zu treffen, wie soziale Ausschluss in verschiedenen Teilen der Gesellschaft funktioniert. Die Rede von der „sozialen Frage“, von „Exklusion“ und „Armut“ wird in der politischen Debatte nach wie vor sehr pauschal und eigentlich ohne echtes Interesse f&#252;r die Betroffenen gef&#252;hrt wird. Aus Subjekten werden so Objekte gemacht, die ohne Blick auf die Welt in die falsch gestanzten Schablonen gezw&#228;ngt werden.<br />
F&#252;r eine Strategie der „&#246;ffentlichen G&#252;ter“ wie auch einer darauf aufbauenden „Grundsicherung“ kommt es mindestens darauf an, zwei sehr grundlegende Mechanismen von Exklusion und damit zwei sehr unterschiedliche Gruppen zu unterscheiden. Auf der einen Seite gibt es eine wachsende Zahl an „Armutskarrieren“, in denen sich Bildungs- und Einkommensarmut von Generation zu Generation vererbt. F&#252;r diese Gruppe – abgekoppelt von Bildung und Mobilit&#228;t – beruht die Exklusion auf einer strukturellen Unterprivilegierung, die dann paternalistisch mit den Begriff „Unterschicht“ oder gar „Unterklasse“ belegt wird. Auf der anderen Seite gibt es eine wachsende Zahl von Menschen, die gut gebildet und hoch mobil sind, aber gleichwohl – oder gerade deshalb &#8211; mit einer hohen sozialen „Prekarit&#228;t“ konfrontiert sind. Einkommensphasen wechseln hier mit Arbeitslosigkeit, auf das Gro&#223;projekt folgt der Taxi-Job und viele finden nie den Ausweg aus der Praktikums-Falle. (Hinzu kommt die Angst derer, die gar nicht ausgeschlossen sind, sich jedoch von Ausschluss bedroht f&#252;hlen.) Dahinter stehen v&#246;llig andere Situationen und andere Milieus.<br />
Nat&#252;rlich gibt es zwischen diesen beiden sozialen Lagen zahlreiche Mischformen und es gibt weitere Faktoren, wie beispielsweise Alleinerziehungsverantwortung, Pflegeverantwortung, Alter, Sprachschwierigkeiten, Behinderung oder Krankheit, die in Kombination mit anderen Faktoren zu Mechanismen des sozialen Ausschlusses f&#252;hren k&#246;nnen. Gleichwohl ist es wichtig festzuhalten, dass es zwischen einem stabilen Ausschluss auf Grund von Armutsvererbung und Bildungsarmut und einem prek&#228;ren Ausschluss trotz hoher Mobilit&#228;t und guter Bildung erhebliche Unterschiede gibt.<br />
Eine Politik, die sich um die grundlegenden Unterschiede dieser Exklusions-Lagen nicht schert, die zu dieser Differenzierung nicht in der Lage ist, wird keinem helfen. Weder den „H&#228;ngengebliebenen“ noch den „Prek&#228;ren“. Mehr noch: Sie ist letztlich zur Klientelpolitik verdammt. Denn wer beispielsweise unterstellt, die sozialen Probleme des mobilen, gebildeten Prekariats (etwa aus gr&#252;nen Milieus) seien auf alle verallgemeinerbar, macht am Ende eben doch nur Politik f&#252;r die eigene Klientel. Das gilt auch umgekehrt: Wer so tut, als w&#228;re die einzige soziale Gef&#228;hrdungslage in der sog. klassischen „Unterschicht“ zu finden (wie das etwa in der Linkpartei und Teilen der SPD unterstellt wird), der interessiert sich offenkundig auch nur f&#252;r soziale Fragen des eigenen Milieus. Von einer Politik der Gerechtigkeit kann jedoch nur die Rede sein, wenn sie  &#8211; unabh&#228;ngig von der eigenen Parteiklientel &#8211; die Kraft zur Parteinahme f&#252;r Schw&#228;chere aufbringt, ganz gleich in welchen Milieus sie sich finden lassen.</p>
<h4>6. Institutionelle und individuelle Transfers</h4>
<p>Verfolgt man nun die Konsequenzen einer solchen Unterscheidung von Lebenslagen weiter, so st&#246;&#223;t man auf eine weitere Unterscheidung &#246;ffentlicher G&#252;ter. Es wird deutlich, dass sich bestimmte &#246;ffentliche G&#252;ter nur in einem gesellschaftlich koordinierten, solidarischen Akt f&#252;r alle generieren lassen, w&#228;hrend andere durch einzelne Privatanbieter f&#252;r alle generierbar sind. Trinkwasser ist eine lebensnotwendige Ressource, die aber in der Bundesrepublik momentan auch &#252;ber Privatanbieter f&#252;r alle erwerblich ist. (Das ist in anderen Regionen der Welt ganz anders, und auch hier sieht man wieder die Situiertheit eines &#214;ffentlichen Guts und ihre Konsequenzen f&#252;r die Gew&#228;hrleistung). Bildung hingegen ist ein Gut, das f&#252;r alle nur &#252;ber den Zugang zu einer koordinierten Bildungsinstitution generiert werden kann. Zwar k&#246;nnen sich nat&#252;rlich die Reichen und Wohlhabenden zusammentun, und sich ihre eigene Bildungseinrichtung schaffen. Als &#246;ffentliche Institution, in denen ein &#246;ffentliches Gut allen zur Verf&#252;gung steht, ist dies aber allein &#252;ber eine individuelle, monet&#228;re Koordination nicht m&#246;glich. Hier erfordert es eine andere Art der koordinierten, solidarischen Investition in &#246;ffentliche Institutionen.<br />
Gerade grundlegende ideelle G&#252;ter wie etwa Bildung oder Gesundheit setzen aber h&#228;ufig genau einen solchen institutionellen Akt voraus. (Und es ist zu fragen, in wie weit das auch f&#252;r Institutionen der Arbeit gilt). W&#228;hrend es bei der prek&#228;ren Mittelschicht eher darum geht, die bereits erreichten institutionellen Vorteile in eine entsprechende Lebenspraxis umzusetzen, ist mit Blick auf die soziale Exklusion der bildungsarmen, stetig Ausgeschlossenen genau ein Ausschluss von jenen G&#252;tern festzustellen, die nur &#252;ber eine Politik der Institutionen zu gew&#228;hrleisten sind. Ohne ein Bewusstsein f&#252;r diese Institutionen bleibt Freiheit f&#252;r diese Menschen ein leeres Versprechen, denn es fehlt die gute Schule auf die man auch gehen kann, der Arzt, der einen auch versorgt, und das Arbeitsamt, das auch wirklich unterst&#252;tzt.<br />
Hierin liegt die tiefe gerechtigkeitspolitische Bedeutung der Parole „Institution Matters!“. Gesellschaftliche Solidarit&#228;t zeigt sich im Umgang mit den Institutionen, auf die die Menschen angewiesen sind, um an &#246;ffentlichen G&#252;tern teil zu haben. &#214;ffentliche Institutionen sind wichtig.<br />
Auch aus diesem Pl&#228;doyer f&#252;r &#246;ffentliche, allgemein zug&#228;ngliche Institutionen folgt nicht zwingend eine rein hoheitliche Handlungsform, da die Gew&#228;hrleistung unter Umst&#228;nden auch &#252;ber private Tr&#228;ger gesteuert werden kann. &#214;ffentliche Institutionen m&#252;ssen nicht zwingend staatlich sein. Es erfordert jedoch die staatliche Gew&#228;hrleistung dieser Institutionen, ihrer Qualit&#228;t, entsprechender Zugangsrechte, wie auch ihrer finanziellen Absicherung. Da hier also in jedem Fall eine gro&#223;e staatliche Koordinierungsleistung gefordert ist, ist der hoheitliche Anteil bei der Gew&#228;hrleistung solcher Institutionen in jedem Fall gro&#223;, selbst wenn der Tr&#228;ger ein Privater sein sollte oder die Binnensteuerung modernen Management-Ans&#228;tzen folgt.<br />
Gerade in dieser Hinsicht ist das skandinavische Modell mit seinem Arrangement von &#246;ffentlichem Dienstleistungssektor und Steuerpolitik hoch interessant. So sind qualitative Dienstleistungen in Bereichen wie Bildung oder Gesundheit f&#252;r alle zug&#228;nglich, und nicht nur f&#252;r die, die sich&#8217;s leisten k&#246;nnen. Wenn Steuereinnahmen in Dienstleistungen wie Bildung oder Betreuung „ausgezahlt“ werden, hei&#223;t das aber auch, dass es weniger Bares gibt, solange kein Bedarf festgestellt ist. Die Statussicherung nimmt also ab, die soziale Grundsicherung zu.<br />
Aus dem ideellen Zentrum von Gerechtigkeit und Selbstbestimmung ergibt sich also vor dem Hintergrund der beschriebenen sozialen Realit&#228;t die Dringlichkeit institutioneller Investitionen als kollektiver Akt der Gew&#228;hrleistung grundlegender, &#246;ffentlicher G&#252;ter. Das muss zum Bestandteil der „gr&#252;nen Erz&#228;hlung“ werden, wenn diese sich nicht nur an das eigene Milieu adressieren, sondern zum Anwalt der sozial Schw&#228;cheren werden will. Gerade als Partei der einkommensstarken und gebildeten Mittelschicht k&#246;nnen die Gr&#252;nen die Kraft zu diesem Akt der Solidarit&#228;t aufbringen.</p>
<h4>7. &#214;ffentliche G&#252;ter und Grundsicherungs-Modelle</h4>
<p>Geht man nun einen Schritt weiter und fragt nach der Bedeutung der bisherigen Erz&#228;hlung f&#252;r die aktuelle Debatte um Grundsicherung bzw. Grundeinkommen, so st&#246;&#223;t man auf ein weites Feld von Anschlussfragen. In jedem Fall folgt aus den bisherigen &#220;berlegungen nicht, dass &#220;berlegungen der Grundsicherung im Sinne von neuen Arrangements des individuellen Transfers falsch sind. Es verbietet sich jedoch zumindest eine Vereinseitigung von Reformans&#228;tzen zugunsten von Formen des Individualtransfers. L&#228;sst man sich auf einen Abw&#228;gungsprozess hinsichtlich der Mittelverteilung unter Bedingungen limitierter Ressourcen ein, hinter dem einschl&#228;gige Milieuinteressenstehen, so kommt es am Ende wohl darauf an, wie viel an Gew&#228;hrleistung &#252;ber individuellen Transfer m&#246;glich ist, nach dem die grundlegenden institutionellen Gew&#228;hrleistungen erfolgt sind.<br />
Wer sich dieser Abw&#228;gung verweigert und sie als „zu wenig radikal“ zur&#252;ckweist hat nicht verstanden was „Radikalit&#228;t“ in Moral und Politik sinnvoller Weise bedeuten muss: Sich unter Bedingungen beschr&#228;nkter Ressourcen zu entscheiden. Unter den irrealen Bedingungen unbeschr&#228;nkter Ressourcen br&#228;uchte es vermutlich weder der Politik, noch des Rechts, vielleicht sogar nicht einmal der Moral. Radikalit&#228;t aber, die in diesem irrealen Raum verharrt, die nicht von dieser Welt ist, bleibt entweder auf dem Papier oder richtet sich im Moment ihrer Realisierung gegen die Subjekte der vermeintlichen F&#252;rsorge.<br />
Es sind grunds&#228;tzliche, idealistische Gr&#252;nde, die eine Aussage verlangen, was man in Folge einer Entscheidung bereit ist, an anderer Stelle zu unterlassen. Diese Abw&#228;gung und damit auch die Benennung von Zahlen ist deshalb nicht nur Beiwerk, sondern steht mit im Zentrum der politisch-moralischen Legitimation. Und die Zahlen, die wir bei aller Varianz bislang kennen, machen den Grundeinkommens-Enthusiasmus einiger mit Blick auf die erforderliche Abw&#228;gung von individuellen und institutionellen Transfers nicht gerade plausibler.</p>
<h4>8. Ende der Erwerbsarbeit?</h4>
<p>Eine These, die den meisten Konzepten eines Grundeinkommens zu Grund liegt, besteht in der Feststellung einer Unm&#246;glichkeit, die strukturelle (Erwerbs-)Arbeitslosigkeit in unserer Gesellschaft nochmals zu &#252;berwinden. In dem Ziel der Vollerwerbs-Gesellschaft liege die eigentliche Realit&#228;tsverweigerung. Zwar k&#246;nne sich die Arbeitslosigkeit je nach Konjunktur und Arbeitsmarkt-Strategien erh&#246;hen oder senken, der Grundtatbestand struktureller Massenarbeitslosigkeit aber bleibe in jedem Fall bestehen.<br />
Es bedarf noch nicht einmal des Blicks in andere L&#228;nder, um zu erkennen, dass diese Hypothese falsch ist. (Die Erwerbsquote in anderen europ&#228;ischen L&#228;ndern ist wesentlich h&#246;her als bei uns). Schon eine noch abstrakte arbeitmarktpolitische &#220;berlegung zeigt, dass die M&#246;glichkeit einer gravierenden Senkung der Arbeitslosigkeit etwa durchaus m&#246;glich ist, wenn man bereit ist, einen entsprechenden Preis daf&#252;r zu bezahlen: Billigl&#246;hne, Working-Poor, tiefe Einschnitte in das Sozialsystem und rigide Kontrolle. Die Frage lautet also nicht, ob sich strukturelle Arbeitslosigkeit &#252;berwinden l&#228;sst oder nicht, sondern ob sie sich auf eine Art und Weise &#252;berwinden l&#228;sst, die mit unseren starken Vorstellungen von Selbstbestimmung und Gerechtigkeit vereinbar ist.<br />
Dabei ist zudem zu ber&#252;cksichtigen, dass das Potential an gesellschaftlich sinnvoller Arbeit mit dem Anwachsen der gesellschaftlichen Herausforderungen und Probleme gerade rapide im Bewusstsein steigt. Die Frage, unter welchen Bedingungen wir leben wollen und welche gesellschaftlichen Herausforderungen wir damit verbinden, muss mit der Arbeitsfrage verkoppelt werden. Dabei geht es nicht darum, der Wirtschaft genaue Wachstumsbereiche „vorzugeben“. Wo genau wirtschaftliche Entwicklung stattfindet, entscheidet sich immer auch im wirtschaftlichen Wettbewerb. Es geht aber sehr wohl darum, die gesellschaftlichen Anforderungen an den Arbeitsbedarf der Zukunft zu beschreiben, ja &#252;berhaupt erst zu entdecken, und so &#252;ber die Richtung der staatlichen Unterst&#252;tzung und Flankierung bestimmter Entwicklungen mitzubestimmen. Die Bed&#252;rfnisse einer alternden Gesellschaft, von der Gesundheitspolitik &#252;ber die Pflege bis hin zu einer altersgerechten Kommunalpolitik, markieren ein zentrales Besch&#228;ftigungsfeld der Zukunft. Die erh&#246;hten Bildungsanforderungen einerseits und die gestiegenen Anzahl an Kinderbetreuungsaufgaben andererseits stellen ein zweites entscheidendes Besch&#228;ftigungsfeld dar. Der steigende Druck auf neue Energiequellen, Energieeffizienz und Energieeinsparung f&#252;hren zu einem weiteren Besch&#228;ftigungsfeld, das von gro&#223;er arbeitspolitischer Bedeutung sein wird. Gleiches gilt f&#252;r die L&#246;sung der Mobilit&#228;tsfrage, die ein erhebliches Ma&#223; an Arbeit erfordern wird. Und &#196;hnliches gilt f&#252;r die anderen technologischen Bereiche, in denen Kreativit&#228;t und Innovationsgeist gefragt sind, die sich schlie&#223;lich auch im industriellen Sektor in Form neuer Produkte niederschlagen. Schlie&#223;lich wird bei der Arbeit der Zukunft die Frage des kommunalen Zusammenlebens eine wichtige Rolle spielen, denn hier hat die Gesellschaft ihren konkreten Ort, von der kulturellen und jugendkulturellen Bet&#228;tigung &#252;ber soziale Anlaufstellen bis hin zu Stadtteil- und Infrastruktur-Gestaltung. Neue Besch&#228;ftigungsfelder sind also insbesondere in den Bereichen zu suchen, in denen sich aufgrund ver&#228;nderter gesellschaftlicher Verh&#228;ltnisse neuer Arbeitsbedarf entsteht.<br />
Die Bundesrepublik muss einen qualitativ hochwertigen Dienstleistungssektor aufbauen, in der Bildung, der Gesundheit, der Freizeit, der Mobilit&#228;t, der Infrastruktur. Hier liegt die Bundesrepublik im europ&#228;ischen Vergleich 15% zur&#252;ck. Und hier geht es um keine „einfachen“ Dienstleistungen, sondern irgendwie auch um ein gutes Leben, das es ja in Wahrheit nur im Plural gibt. Es geht um Wissen, um Kommunikation, um Kinder und Alte, also um uns alle. Die L&#228;nder, in denen die Besch&#228;ftigungsquoten erheblich h&#246;her liegen als in Deutschland haben ihre Erfolge insbesondere in diesen Bereichen erzielt, die dem internationalen Wettbewerb weniger ausgesetzt sind. Dazu geh&#246;ren das Gesundheitswesen einschlie&#223;lich der Pflege- und Betreuungsdienste, Bildung und Weiterbildung, Unterhaltung, Freizeit, Sport und Tourismus, Instandhaltung und Instandsetzung, Einzelhandel, Restaurants, Hotels, und so fort. Im Wesentlichen geht es hier also um personenbezogene, soziale Dienstleistungen, die lokal konsumiert und lokal erbracht werden. In den besch&#228;ftigungspolitisch besonders erfolgreichen L&#228;ndern verdankt dieser Bereich sein dynamisches Wachstum zudem der Transformation unbezahlter Haus- und Familienarbeit in bezahlte Erwerbsarbeit. Sie erm&#246;glicht hoch qualifizierten Frauen die Verbindung von Mutterschaft und anspruchsvoller Berufst&#228;tigkeit und erzeugt zugleich die Nachfrage nach Dienstleistungen zu ihrer Entlastung und Unterst&#252;tzung.<br />
Hinzu kommt, dass wir mit Blick auf die globale Transformation der &#214;konomie m&#246;glicherweise vor einer gewissen Renaissance des produktiven Sektors in der Bundesrepublik stehen. So richtig die These von der wachsenden Bedeutung von Wissen und auch Kultur in modernen Gesellschaften ist, so richtig ist auch, dass die Vorstellung einer arbeitsteiligen Welt, in der die einen f&#252;r das Wissen und die anderen f&#252;r das Produzieren zust&#228;ndig sind, auf Dauer nicht funktionieren wird. Der Leitgedanke „Je billiger andere sind, desto besser m&#252;ssen wir sein“ (Horst K&#246;hler), klingt vielleicht beim ersten h&#246;ren gut, ist aber faktisch wie normativ grob irref&#252;hrend. Denn zum einen holen die Schwellen-L&#228;nder, die am Anfang nur Produktionsst&#228;dte und verl&#228;ngerte Werkbank waren, nach und nach das Wissen und das Knowhow nach, wie wir an China oder Indien beobachten k&#246;nnen. Und zum anderen sollten wir diesen Prozess begr&#252;&#223;en und mit unterst&#252;tzen. Alles andere w&#228;re paternalistisch und arrogant. Insofern kommt es f&#252;r unsere Gesellschaft darauf an, das Wissens- und Kulturparadigma mit dem Gedanken eines nachhaltigen, &#246;kologisch und sozial ausgerichteten Produktivsektors neu zu verbinden. (Die Frage der Verg&#252;tung &#252;ber den ersten Arbeitsmarkt stellt sich f&#252;r den Dienstleistungsektor freilich anders als f&#252;r den Produktivsektor und darin liegt ein Grund des skandinavischen Modells, den Bereich qualitativer Dienstleistungen st&#228;rker als steuerfinanzierten oder zumindest mischfinanzierten &#246;ffentlichen Sektor zu fassen.)<br />
In unserer Gesellschaft gibt es viel zu tun und damit ohne Zweifel auch viel Arbeit. Was bleibt, ist die Frage nach der Entlohnung dieser Arbeit und damit nach dem Zusammenhang von Erwerbsarbeit und Anerkennung.</p>
<h4>9. Arbeit und Anerkennung</h4>
<p>Hinsichtlich des Zusammenhangs von Erwerbsarbeit und Anerkennung enthalten die Konzepte des Grundeinkommens ebenfalls eine starke These, n&#228;mlich, dass es den Konnex zwischen Arbeitleistung und finanzieller Entlohnung zu durchbrechen gelte. Kritisiert und attackiert wird eine vermeintlich &#252;berholte Arbeitskultur, in der Einkommen f&#228;lschlicher Weise an Arbeit gekoppelt w&#252;rde. Einkommen w&#252;rde man aber nicht „verdienen“, sondern sei – unabh&#228;ngig von der Arbeitsleistung &#8211; ein „B&#252;rgerrecht“.<br />
Nun l&#228;sst sich in der Tat beobachten, dass sich in bestimmten Milieus der soziokulturellen Mittelschicht der Wunsch nach Annerkennung von Arbeit ein St&#252;ck weit von der Frage der finanziellen Entlohnung entkoppelt hat. Insofern ist es konsequent, dass der Umfang an ehrenamtlicher T&#228;tigkeit in bestimmten Bereichen zugenommen hat. Ebenso unbestreitbar ist aber, dass die Frage der Entlohnung von T&#228;tigkeit nach wie vor tief in die soziale Grammatik von Anerkennung in unserer Gesellschaft eingeschrieben ist. (Gerade im Bereich der Erziehungs- und Familienarbeit, die bislang einseitig zu Lasten der Frauen „ehrenamtlich“ abgewickelt wurde, zeigt sich dieser Konnex zwischen Entlohnung und Anerkennung.) Die Vorstellung diesen Anspruch auf Anerkennung &#252;ber Entlohnung &#8211; sozusagen ex machina &#8211; als kulturellen Irrweg zu brandmarken und au&#223;er Kraft zu setzen, d&#252;rfte nicht nur praktisch unm&#246;glich sein, sondern hei&#223;t auch, die faktischen Anspr&#252;che von Individuen auf Anerkennung zu verweigern.<br />
In diesem Zusammenhang gilt es auch nochmals zu bedenken, worin eigentlich genau die „Anerkennungsleistung“ einer Entlohnung in Geld besteht. Bei aller berechtigten Kritik an der Verselbstst&#228;ndigung von Geld als Fetisch und Selbstzweck im Sp&#228;tkapitalismus, darf nicht &#252;bersehen werden, dass Geld in vielerlei Hinsicht eine Grundvoraussetzung ist, um abstrakte Freiheitsoptionen auch tats&#228;chlich realisieren zu k&#246;nnen, ob es sich dabei um Mobilit&#228;t, kulturelle Zug&#228;nge oder anderes handelt. Diese sehr fundamentale Funktion von Einkommen und Verm&#246;gen pauschal als „oberfl&#228;chlich“ oder „konsumistisch“ zu gei&#223;eln, kann vermutlich nur Milieus einfallen, die so saturiert sind, dass sie die materiellen Grundlagen des eigenen Postmaterialismus aus dem Blick verloren haben.<br />
Auch gibt es einen erkl&#228;rungsbed&#252;rftigen, aber sinnvollen Konnex zwischen Anerkennung durch Entlohnung und Leistung, selbst wenn man die ebenfalls notwendige Frage nach dem Zusammenhang zwischen Leistungsanreizen und Wertsch&#246;pfung noch au&#223;er Acht l&#228;sst. Das Prinzip der Leistungsgerechtigkeit ist in unserer Gesellschaft zweifelsohne verankert. Wer mehr arbeitet, mehr Verantwortung &#252;bernimmt, ein h&#246;heres Risiko eingeht, sich gr&#246;&#223;ere Anstrengungen aufl&#228;dt oder schwierigere Aufgaben &#252;bernimmt soll daf&#252;r belohnt werden. Anstatt also den Begriff der Leistung unter Anerkennungs-Gesichtspunkten einfach zu negieren, k&#228;me es vielmehr darauf an, darauf hin zu weisen wie der Begriff der „Leistungsgerechtigkeit“ im neoliberalen Raum pervertiert wird. Ein ad&#228;quat interpretiertes Prinzip der Leistungsgerechtigkeit ist f&#252;r eine Politik der Gerechtigkeit notwendig, es bestehen aber starke Zweifel, dass ein solches derzeit ann&#228;herungsweise realisiert ist. Unabl&#228;ssig wird dieses Ideal in der derzeitigen Reformdebatte ins Feld gef&#252;hrt. Behauptet wird, die Ausgeschlossenen wollten nicht arbeiten und in Deutschland lohne sich Leistung nicht mehr. Fakt ist aber, dass in Deutschland das Leistungsverst&#228;ndnis im Wandel begriffen ist. W&#228;hrend fr&#252;her die eigene Anstrengung als Indikator f&#252;r Leistung betrachtet wurde, scheint heute &#252;berwiegend ein Leistungsbegriff zu gelten, der nur noch auf den Erfolg schaut, also in der Regel auf den finanziellen Output. Das blo&#223;e Einstreichen hoher Gewinne scheint selbst dann eine gro&#223;e &#8220;Leistung&#8221;, so k&#246;nnte man meinen, wenn jemand gar nicht arbeitet.<br />
Ob es den sogenannten „Fahrstuhleffekt“ noch gibt, bei dem alle nach oben fahren, egal von welchem Niveau aus, scheint mehr als fragw&#252;rdig. Es gibt mehr als ein Anzeichen daf&#252;r, dass wir in einer Zeit leistungsloser Radikal&#252;bersch&#252;sse f&#252;r ein Milieu von Globalisierungs- und Modernisierungsgewinnern leben, denen reale oder drohende Modernisierungsverluste im unteren Drittel der Gesellschaft gegen&#252;berstehen. W&#228;hrend etwa vom Sozialhilfeempf&#228;nger mit moralischer Emphase eine gemeinn&#252;tzige „Gegenleistung“ f&#252;r seine nackte Existenzsicherung eingeklagt wird, lebt die Erbengeneration auf der gesicherten Grundlage von Verm&#246;gensertr&#228;gen – und damit bestenfalls von der Leistung ihrer Vorfahren. Eine &#8211; man ist versucht zu sagen „neofeudale“ &#8211; Oberschicht entsteht, in der man niemals Begriffe wie „Zumutbarkeitsgrenze“ oder „Anrechnung des Partnereinkommens“ h&#246;ren wird. Das Problem besteht nicht in der nat&#252;rlichen Ungleichheit der Talente und Energien, die die Einzelnen voneinander unterscheiden, sondern in der gravierenden, v&#246;llig leistungsentkoppelten Ungleichheit der &#246;konomischen und gesellschaftlichen Teilhabe.</p>
<h4>10. Erwerbsarbeit und Wertsch&#246;pfung</h4>
<p>Hinzu kommt die volkswirtschaftliche Frage nach dem Zusammenhang von entlohnungsgesteuerten Leistungsanreizen und Wertsch&#246;pfung. Von Vertretern des Grundeinkommens wird der Konnex zwischen Wettbewerb durch Entlohnungsanreize und marktwirtschaftlicher Wertsch&#246;pfung tendenziell bestritten. W&#228;hrend es in fr&#252;heren Grundeinkommens-Philosophien eher die fortschreitenden Rationalisierung war, also die Ersetzung von Menschenarbeit durch Maschinenarbeit, die zu der Annahme vom Ende des Zusammenhangs zwischen Erwerbsarbeit und Wertsch&#246;pfung f&#252;hrte, so sind es heute eher die wachsenden Kapitalertr&#228;ge und die entsprechenden Verm&#246;gensanh&#228;ufungen, die zu dieser Hypothese f&#252;hren. Auch hierin liegt jedoch ein Kurzschluss: So unhinnehmbar die massive Akkumulation von Kapitalverm&#246;gen ist, so falsch ist die Annahme, dass in der Anh&#228;ufung von Verm&#246;gen &#252;ber Kapitalertr&#228;ge bereits ein Beitrag zur Wertsch&#246;pfung liege. Im Gegenteil: Nur durch einen st&#228;rkeren steuerlichen Zugriff auf Kapitalertr&#228;ge (insbesondere durch das an anderer Stelle ausgef&#252;hrte Modell einer Einkommenssteuer-Reform) ist jene Quersubventionierung von Arbeit und Arbeitsleistung m&#246;glich, die wir dringend f&#252;r die Erzeugung von gesellschaftlichem Mehrwert brauchen.<br />
Die Annahme, dass die Generierung von allgemeinem Wohlstand auf die dynamisierende Wirkung einer Anreizstruktur &#252;ber Erwerbsarbeit verzichten k&#246;nnte, ist unhaltbar. (Ein interessantes Anschauungsfeld ist in diesem Zusammenhang die Relation von Schwarzarbeit und Entlohnungsstruktur). Das Wettbewerbs-Moment &#252;ber angemessene Entlohnung tr&#228;gt zu einer Wertsch&#246;pfungs-Dynamik bei, die bei einer entsprechenden Einhegung auch den Schw&#228;chsten in der Gesellschaft zu Gute kommt. Genau darin liegt der gerechtigkeitstheoretische Grund etwa bei Rawls, selbst ohne eine ausgepr&#228;gte Idee von Leistungsgerechtigkeit gewisse Ungleichheiten in der Verteilung zu akzeptieren, n&#228;mlich dann, wenn auch die sozial Schw&#228;cheren profitieren.</p>
<h4>11. Finanzierung und Finanzierungszwecke</h4>
<p>Wenn die These stimmt, dass es in der Politik darauf ankommt, unter Bedingungen limitierter Ressourcen gerechtigkeitsorientierte Entscheidungen &#252;ber den Einsatz von Mitteln zu treffen, dann ist die Finanzierungsfrage – mit all den beschriebenen Effekten f&#252;r Wertsch&#246;pfung und Verteilung – mehr als ein technisches Problem. Die Finanzierungsfrage steht mit im Kern einer politischen Strategie, die sich f&#252;r Schwerpunkte und Akzente bewusst entscheidet. Mit Blick auf die verschiedenen Modelle der Grundsicherung geht es dabei unter anderem um eine Anordnung von individuellen und institutionellen Transfers.<br />
In der Debatte zu Grundeinkommensmodellen gibt es hinsichtlich der Finanzierungsfrage viele verschiedene Auffassungen, Herangehensweisen und Ergebnisse. Unterschiedliche Sichtweisen und mitunter auch gro&#223;e Unklarheiten gibt es hinsichtlich der H&#246;he eines Grundeinkommens, hinsichtlich der Finanzierungsmodelle und der steuerpolitischen Ausgestaltung (Einkommens- und/oder Verbrauchsbesteuerung), hinsichtlich einer evtl. Erg&#228;nzung um bedarfsorientierte Elemente, wie auch hinsichtlich einer Kombination mit Mindestlohn-Modellen.<br />
Unabh&#228;ngig vom gew&#228;hlten Modell l&#228;sst sich in jedem Fall sagen, dass die Umverteilungs-Volumina gigantisch sind. Da die verfassungsrechtlich gesch&#252;tzten Rentenversicherungsanspr&#252;che nicht zur Gegenfinanzierung heranziehbar sind, wird das Umverteilungsvolumen selbst f&#252;r ein eher bescheidenes Niveau von monatlich 800 Euro auf mindestens 200 Mrd. Euro pro Jahr gesch&#228;tzt. Die meisten Vorschl&#228;ge liegen weit dar&#252;ber. Betrachtet man die dazu geh&#246;rigen Finanzierungsvorschl&#228;ge, so wird schnell deutlich, dass diese gerade mit Blick auf die verfolgte Intention von mehr Inklusion und mehr Autonomie h&#246;chst problematisch sind.<br />
Ein Vorschlag besteht in einer Finanzierung &#252;ber die Mehrwertsteuer. Dabei ist von einem Mehrwertsteuersatz von mehr als 40 % die Rede (G&#246;tz Werner u.a.). Dieser Finanzierungsvorschlag richtet sich jedoch gerade gegen diejenigen, die Beg&#252;nstigt werden sollen. Geringeinkommensbezieher haben allemal die Hauptlast h&#246;herer Preise zu tragen. Gewiss lie&#223;en sich Lebensmittel und Mieten weiterhin von der Steuererh&#246;hung ausnehmen. Aber auch Unterhaltungs- und Mobilit&#228;tsg&#252;ter z&#228;hlen zum kulturellen Existenzminimum. Vor dem Hintergrund eines ohnehin sehr bescheidenen Lebensstandards w&#228;re hier eine massive Verteuerung die Konsequenz, auch wenn sich das Einkommen erh&#246;hen w&#252;rde. Zudem w&#228;re die Konsequenz eine massive D&#228;mpfung des Konsums, was den Exklusionsdruck wiederum erh&#246;hen w&#252;rde (Wiesenthal).<br />
Ein anderer Vorschlag setzt zur Finanzierung eines Grundeinkommens auf die Einkommenssteuer, teilweise unter Einbeziehung einer sog. „negativen Einkommenssteuer.“ Dabei scheint bereits &#228;u&#223;erst fragw&#252;rdig, ob eine solche Einkommenssteuer-Reform das notwendige Volumen generieren kann, ohne unter Bedingungen einer globalen Wirtschaft &#246;konomische Effekte zu erzeugen, die selbst starke Idealisten nicht wollen k&#246;nnen.<br />
Hinzu kommt, dass auch einkommenssteuerbasierte Finanzierungsmodelle in der notwendigen Gr&#246;&#223;enordnung unter Gerechtigkeitsgesichtspunkten katastrophale Verteilungs-Effekte gegen die Interessen derer zeitigen k&#246;nnen, die eigentlich entlastet werden sollen. Das zeigt sich etwa mit Blick auf das Grundeinkommens-Modell von Th&#252;ringens Ministerpr&#228;sident Dieter Althaus. Sein Konzept f&#252;r ein &#8220;solidarisches B&#252;rgergeld&#8221; sieht 800 bedingungslose Euro f&#252;r jeden Erwachsenen und 500 Euro f&#252;r jedes Kind vor. Von diesem Geld gehen jeweils 200 Euro als Gesundheitspr&#228;mie ab. Im Gegenzug sollen, mit Ausnahme der Krankenversicherung, alle existierenden Sozialleistungen und Steuervorteile gestrichen werden. Finanzieren will Althaus dieses Modell mit einer „Flat Tax“ von 50 Prozent. Wer mehr als 1.600 Euro verdient, erh&#228;lt die H&#228;lfte des B&#252;rgergeldes, zahlt daf&#252;r einen Steuersatz von nur 25 Prozent. Althaus will also Menschen mit kleinen Einkommen doppelt so stark besteuern wie Besserverdiener. Gleichzeitig entfiele mit der progressiven Einkommensteuer ein zentrales Umverteilungsinstrument. Hinzu kommt, dass die meisten Empf&#228;nger nach dem Althaus-Modell weniger Geld in der Tasche h&#228;tten als heute. Dass das Althaus-Modell den Staat in extreme Finanzn&#246;te bringen w&#252;rde, erkennen auch die Autoren der j&#252;ngsten Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung zum solidarischen B&#252;rgergeld. Sie bescheinigen dem Konzept eine Finanzierungsl&#252;cke von 190 Milliarden Euro. Insgesamt w&#252;rde das solidarische B&#252;rgergeld demnach 740 Milliarden Euro j&#228;hrlich kosten. Dies entspricht knapp einem Drittel der Wirtschaftsleistung Deutschlands. Um diese Summe aufzubringen m&#252;sste der Einkommensteuersatz nicht bei 50 Prozent f&#252;r Geringverdiener und 25 Prozent f&#252;r Besserverdiener liegen, sondern bei 80 und 30 Prozent. In der Welt des solidarischen B&#252;rgergeldes k&#246;nnte ein Geringverdiener von einem Euro Gehalt also gerade 20 Cent behalten (Schneider).<br />
Doch selbst wenn es m&#246;glich w&#228;re, das Umverteilungsvolumen gerecht und ohne ein &#220;berwiegen der negativen volkswirtschaftlichen Effekte aufzubringen, w&#228;re ein bedingungsloses Grundeinkommen (gleich welcher Auspr&#228;gung) in jedem Fall nur m&#246;glich, wenn man die erh&#246;hten steuerlichen Realertr&#228;ge einseitig in das Grundeinkommen investiert. Die notwendige und beschriebene Offensive bei institutionellen Investitionen w&#228;re dadurch verbaut. Das hei&#223;t jedoch, dass ein entscheidendes Moment von Grundsicherung und Teilhabe gekappt wird, mit fatalen Konsequenzen f&#252;r die Ausgeschlossenen aus der sog. „Unterschicht“.<br />
Es besteht kein Zweifel, dass die Bundesrepublik h&#246;here steuerliche Realertr&#228;ge und deshalb eine Reform der Einkommenssteuer ben&#246;tigt. Der Grund f&#252;r die Notwendigkeit h&#246;herer Steuereinnahmen kann jedoch keineswegs nur im Bereich eines anderen Arrangements von individuellen Transfers liegen. Insbesondere geht es um Investitionen in &#246;ffentliche Institutionen und &#246;ffentliche G&#252;ter, aber auch um eine Senkung der Lohnnebenkosten und ein Abschmelzen des Schuldenbergs. Daf&#252;r m&#252;ssen Steuerschlupfl&#246;cher geschlossen, Steuerflucht bek&#228;mpft, aber auch auf intelligente Weise die Steuern erh&#246;ht werden. Notwendig ist ein Steuermodell, durch das wir nicht das Gegenteil von dem bewirken, was wir erreichen wollen, n&#228;mlich h&#246;here Realertr&#228;ge. Deshalb m&#252;ssen wir verhindern, dass h&#246;here Steuern die Steuerflucht dramatisch erh&#246;hen, und dass &#252;ber Steuern der Faktor Arbeit wieder verteuert wird. Hohe Unternehmenssteuern alleine fallen deshalb aus. Schwierig ist auch eine hohe Mehrwertssteuer, denn die belastet die sozial Schw&#228;cheren &#252;berproportional, haut auf die Konjunktur und erfasst vor allem den Dienstleistungsbereich, den wir ja gerade f&#246;rdern wollen. Sinnvoll ist vielmehr die Erh&#246;hung der privaten Einkommenssteuer. Dabei m&#252;ssen – anders als in Skandinavien &#8211; auch die privaten Kapitalertr&#228;ge voll einbezogen werden und nicht nur die gef&#228;hrdeten Arbeitseinkommen. Wenn es stimmt, dass eine Million&#228;rssteuer zwar gut w&#228;re, aber das Volumen alleine nicht bringt, dann muss das Geld auch aus der gehobenen Mittelschicht kommen, bei den gut und besser Verdienenden. Keine solidarische Modernisierung ohne den Beitrag der gehobenen Mittelschicht.<br />
F&#252;r das Ziel von Investitionen in &#246;ffentliche Institutionen und damit in eine sp&#252;rbare qualitative Verbesserung von &#246;ffentlichen Sektoren wie Bildung, Gesundheit, Pflege oder Kinderbetreuung besteht dar&#252;ber hinaus eine gute Aussicht, dass sich die Bereitschaft f&#252;r eine solidarische Finanzierung &#252;ber Steuern auch herstellen l&#228;sst. Wer sieht, wie sich die &#246;ffentliche Infrastruktur verbessert, wie das allgemeine Angebot an guten Schulen, guten Krankenh&#228;usern. und &#246;kologischer Mobilit&#228;t steigt, wird eher zu einer entsprechenden Solidarleistung bereit sein. Auch das zeigen die Erfahrungen aus dem skandinavischen Raum.</p>
<h4>12. B&#252;rokratie und Bedarf</h4>
<p>So richtig die Notwendigkeit von B&#252;rokratieabbau in der Bundesrepublik ist, so richtig ist der Hinweis, dass eine Politik der Gerechtigkeit konkrete Lebenssituationen der B&#252;rgerinnen und B&#252;rger nicht ausblenden darf. Nat&#252;rlich st&#246;&#223;t die Ber&#252;cksichtigung von Bed&#252;rftigkeiten im demokratischen Rechtsstaat an Grenzen, wenn der Verwaltungsapparat nicht zum Kontrollapparat werden soll. Deshalb bedarf es Grenzen und Typisierungen. Genauso klar ist aber, dass etwa Schwerbehinderte mehr Ressourcen ben&#246;tigen als Nichtbehinderte oder Erziehende mehr als Nichterziehende. Wer schon diese Bed&#252;rfnisorientierung des Sozialstaats als „B&#252;rokratie“ gei&#223;elt, hat die Gerechtigkeitsfunktion des Sozialstaats nicht verstanden.<br />
Eine Vereinfachung und Zusammenfassung der zahlreichen und komplexen Zuwendungs-Quellen von Sozialtransfers macht freilich Sinn und w&#228;re ein wichtiger Schritt der Entb&#252;rokratisierung, der im Interesse der Empf&#228;nger liegt. Notwendig ist auch eine Verlagerung der Aufgaben von der fernen B&#252;rokratie einer zentralen Arbeitsagentur auf die &#8211; mit der konkreten Situation vertrauten &#8211; Kommunen vor Ort. Insbesondere aber sollten dort Pauschalierungen bei Sozialtransfers greifen, wo bestimmte Gruppen besonders belastet sind und deshalb dringend Entlastung brauchen. Wer etwa Kinder allein erziehend betreut, sollte ohne die Forderung nach einem Nachweis der Arbeitsbereitschaft unb&#252;rokratisch eine Grundsicherung bekommen.</p>
<h4>13. Grundsicherung und Grundrente</h4>
<p>Die vorgetragenen grundlegenden Einw&#228;nde gegen das Konzept eines bedingungslosen Grundeinkommens – von der Anerkennungsfrage &#252;ber die Wertsch&#246;pfungsdynamik bis hin zur Bedeutung institutioneller Transfers – legen umgekehrt eine Aktualisierung der Debatte um eine Grundrente als Sicherung gegen Alterarmut nahe. Weder verbindet sich die Rente per se mit der Frage der Entlohnung von aktueller Arbeit, noch stellt sich hier die Frage &#246;konomischer Dynamik durch Arbeitsanreize. Gleichzeitig ist das notwendige steuerliche Umverteilungsvolumen zwar betr&#228;chtlich, jedoch vergleichsweise &#252;berschaubar und l&#228;sst Raum f&#252;r die notwendige Politik institutioneller Investitionen. Die Notwendigkeit von Bedingungen hinsichtlich Gegenleistung, Zeit oder Verm&#246;genshintergrund k&#246;nnten damit entfallen. Klar ist, dass die Umstellung auf eine armutsfeste Grundrente schon alleine auf Grund der Rechtsanspr&#252;che langfristig angelegt sein m&#252;sste. Finanzierbar aber w&#228;re eine Systemumstellung innerhalb des Grundsatzes der Umlagefinanzierung. Die Einnahmen m&#252;ssten in erster Linie durch die vorgeschlagene Reform der Einkommenssteuer sowie durch die Beseitigung indirekter Steuersubventionen gew&#228;hrleistet werden.</p>
<h4>14. Br&#252;cken-Grundsicherung und Bildungs-Grundsicherung</h4>
<p>Eine angemessene Strategie der Grundsicherung muss sich zusammensetzen aus einem Konzept &#246;ffentlicher Institutionen und einem Konzept individueller Transfers. Auch hinsichtlich des Arrangements individueller Transfers besteht trotz aller zu ber&#252;cksichtigenden &#246;konomischen Effekte einer Steuerpolitik, die auf die Erh&#246;hung von Einnahmen zielt, durchaus Gestaltungsspielraum. Dabei handelte es sich dann um ein Element, in einer Grundsicherungsstrategie, die gleicherma&#223;en institutionelle Transfers und eine entsprechende Gew&#228;hrleistung umfasst.<br />
Kaum aufrecht zu erhalten ist vor diesem Hintergrund aber die Idee eines in jeder Hinsicht „bedingungslosen“ Grundeinkommens, die vermutlich nicht nur f&#252;r sich betrachtet an &#246;konomische Grenzen st&#246;&#223;t, sondern in jedem Fall eine gerechtigkeitstheoretisch fatale Vereinseitigung zugunsten des individuellen Transfers und damit gegen die nur institutionell zu gew&#228;hrleistenden Teilhabechancen zahlreicher Menschen in unserer Gesellschaft gerichtet ist.<br />
Nimmt man die drei m&#246;glichen Bedingungen die an ein Grundeinkommen gekn&#252;pft werden k&#246;nnen, n&#228;mlich Gegenleistung, Verm&#246;genshintergrund und Zeit mit den gerechtigkeitsorientierten Erw&#228;gungen und den &#246;konomischen Effekten zusammen, so k&#246;nnte ein sinnvoller Vorschlag f&#252;r eine neue Form des Individualtransfers auf zwei Denkrichtungen basieren.<br />
Ein Ansatz k&#246;nnte darin bestehen, dass der individuelle Sozialtransfer f&#252;r eine begrenzte Zeit (zB. 1 Jahr) und eine begrenzte Anzahl ohne die Erwartung einer Gegenleistung und ohne Bed&#252;rftigkeitsnachweis ausgezahlt wird. Ziel einer solchen befristeten L&#246;sung w&#228;re es, Br&#252;cken zwischen Phasen der Erwerbsarbeit zu bauen, die den unsteten, prek&#228;ren Lebensl&#228;ufen zu mehr Sicherheit und Kontinuit&#228;t verhelfen. T&#228;tigkeiten und Projekte k&#246;nnten auch in Phasen der Erwerbsarbeitlosigkeit ohne den Druck der Arbeitsagentur fortgesetzt werden, soweit es sich dabei um eine begrenzte Zwischenphase handelt. Dieser Vorschlag ginge &#252;ber das jetzige ALG I hinaus, da er nicht nur die Anforderungen absenkt, sondern auch f&#252;r diejenigen gelten w&#252;rde, die in k&#252;rzeren Phasen der Erwerbslosigkeit keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld I haben. (Den Verm&#246;genshintergrund eines Empf&#228;ngers dabei v&#246;llig au&#223;er Acht zu lassen, widerspr&#228;che vermutlich selbst f&#252;r eine befristete L&#246;sung dem Gerechtigkeitsgef&#252;hl der allermeisten, selbst wenn die wohlhabenden Empf&#228;nger mehr einbezahlen, als sie am Ende heraus bekommen. Zudem liegt hierin eine unn&#246;tige steuerpolitische Umw&#228;lzungspumpe, die das Gef&#252;hl von Steuerbelastung erh&#246;ht, ohne den Zweck dieser Belastung plausibel machen zu k&#246;nnen.) In dem Vorschlag einer solchen Br&#252;cken-Grundsicherung w&#228;re der sinnvolle Ansatz von Grundeinkommens-Konzepten aufgehoben, der viel beschworenen Gruppe der Mobilen und Gebildeten mit unsteten Lebensl&#228;ufen und tempor&#228;ren L&#246;chern in der Erwerbsbiographie eine Hilfestellung zu geben. Diese Gruppe k&#246;nnte dann in Phasen ohne Erwerbsarbeit ungehindert von l&#228;stiger B&#252;rokratie ihren kreativen oder auch sozialen T&#228;tigkeiten nachgehen, von denen auch die Gesellschaft als Ganze profitiert. Die zeitliche Befristung w&#252;rde die Auszahlung an einem formalen Kriterium fest machen und damit unb&#252;rokratisch und ohne Paternalismus f&#252;r alle gelten.<br />
Mit Blick auf eine Reform der individuellen Sozialtransfers muss auch die Idee einer Bildungs-Grundsicherung entwickelt und realisiert werden. F&#252;r Phasen der Bildung oder Weiterbildung sollte der Druck von Gegenleistung und komplexen Bed&#252;rftigkeitsnachweisen entfallen. Bildung ist Bedingung genug, um phasenweise ein existenzsicherndes Einkommen zu erhalten. Verbunden werden k&#246;nnte dieser Gedanke mit den &#220;berlegungen zu einem „Bildungsguthaben“, das f&#252;r alle gilt, und sich &#252;ber alle Lebensphasen erstreckt.</p>
<h4>15. Schluss</h4>
<p>Gleichzeitig bleiben nach diesem Konzept ausreichend Ressourcen f&#252;r am Bedarf orientierte Leistungen und f&#252;r eine Institutionenpolitik im Namen der Teilhabechancen einer ganz anderen Gruppe, die sich weder als prek&#228;r noch als unstetig beschreiben l&#228;sst, sondern stabil im Keller sitzt. F&#252;r die Gr&#252;nen muss es in den n&#228;chsten Jahren darum gehen, eine auf reale Teilhabe zielende Politik der &#246;ffentlichen Institutionen zu entwickeln und zu konkretisieren. Hier sind jetzt konkrete Konzepte und konkrete Antworten gefragt, von der Schulreform &#252;ber die Reform des Gesundheitswesens bis hin zu einer Reform der Institutionen des Arbeitsmarkts. Emanzipation ist gerade mit Blick auf diese Gruppe ohne ein Bewusstsein f&#252;r die freiheitserm&#246;glichende Kraft von Institutionen nicht m&#246;glich. Wer Freiheit ins rein „Private“ verdr&#228;ngt verkennt die emanzipatorische Bedeutung des &#246;ffentlichen Raums. Wer Freiheit von Formen kollektiver Solidarit&#228;t isoliert, verneint sie im Ergebnis. Freiheit misst sich f&#252;r die Menschen nicht nur am privaten Transfer, sie misst sich auch an der M&#246;glichkeit, eine gute Schule zu besuchen, im Krankheitsfall Zugang zu einem guten Krankenhaus zu haben und im Falle der Arbeitslosigkeit an der Wiedererlangung von akzeptabler Arbeit. Sie bemisst sich an der M&#246;glichkeit von Mobilit&#228;t in einer &#246;ffentlichen Infrastruktur und am Zugang zu den Institutionen des kulturellen Lebens. Deshalb handelt es sich bei individuellen Transfers und institutionellen Transfers um zwei Seiten der gleichen Medaille: der Erm&#246;glichung von gelebter Freiheit und Selbstbestimmung f&#252;r alle.</p>
<p><small>Berlin, 16. April 2007 – Peter Siller</small></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.grundsicherung-bw.de/2007/05/25/individuen-und-institutionen/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>6</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Marktliberal-konservatives Grundeinkommen (taz)</title>
		<link>http://www.grundsicherung-bw.de/2007/03/27/marktliberal-konservatives-grundeinkommen-taz/</link>
		<comments>http://www.grundsicherung-bw.de/2007/03/27/marktliberal-konservatives-grundeinkommen-taz/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 27 Mar 2007 08:00:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Till Westermayer (Administration, KV Breisgau-Hochschwarzwald)</dc:creator>
				<category><![CDATA[02 Ausgestaltung]]></category>
		<category><![CDATA[Fundsache]]></category>
		<category><![CDATA[Kritik & Utopie]]></category>
		<category><![CDATA[Modelle & Philosophien]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.grundsicherung-bw.de/2007/03/27/marktliberal-konservatives-grundeinkommen-taz/</guid>
		<description><![CDATA[Eines der &#8220;Themen des Tages&#8221; der heutigen taz ist &#8212; anl&#228;sslich der Ver&#246;ffentlichung einer Studie des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts &#8212; das Grundeinkommen. Dazu gibt es einige Artikel und einen Kommentar, die auch f&#252;r unsere Debatte interessant sind. Das gilt umso mehr, als sich die Frage stellt, wie weit gr&#252;ne &#220;berlegungen mit den eher konservativen und liberalen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Eines der &#8220;Themen des Tages&#8221; der heutigen taz ist &#8212; anl&#228;sslich der Ver&#246;ffentlichung einer Studie des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts &#8212; das Grundeinkommen. Dazu gibt es einige Artikel und einen Kommentar, die auch f&#252;r unsere Debatte interessant sind. Das gilt umso mehr, als sich die Frage stellt, wie weit <a href="http://www.grundsicherung-bw.de/2007/03/13/war-es-das/">gr&#252;ne &#220;berlegungen</a> mit den eher konservativen und liberalen Modellen, die hier diskutiert werden, zusammenpassen. </p>
<ul>
<li><a href="http://www.taz.de/pt/2007/03/27/a0168.1/text">Kurz&#252;berblick Modelle</a></li>
<li>Katharina Koufen: <a href="http://www.taz.de/pt/2007/03/27/a0166.1/text">Eine risikoreiche Revolution</a> (Bericht)</li>
<li>Katharina Koufen: <a href="http://www.taz.de/pt/2007/03/27/a0070.1/text">Vorteile liegen auf der Hand</a> (Kommentar)</li>
<li>Hannes Koch: <a href="http://www.taz.de/pt/2007/03/27/a0170.1/text">CDU: Sozialethik und Liberalismus</a> (Bericht)</li>
<li><a href="http://www.taz.de/pt/2007/03/27/a0167.1/text">&#8220;Die Arbeit von einer gro&#223;en B&#252;rde befreien&#8221;</a> (Interview)</li>
</ul>
<p><b>Update:</b> Auf der Website des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts sind einige <a href="http://www.hwwi.org/Das_Grundeinkommen_i.1238.0.html">Materalien</a> zu der Pressekonferenz zu finden, auf der der taz-Artikel beruht.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.grundsicherung-bw.de/2007/03/27/marktliberal-konservatives-grundeinkommen-taz/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>19</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Politik oder Utopie des Grundeinkommens?</title>
		<link>http://www.grundsicherung-bw.de/2007/03/21/politik-oder-utopie-des-grundeinkommens/</link>
		<comments>http://www.grundsicherung-bw.de/2007/03/21/politik-oder-utopie-des-grundeinkommens/#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 21 Mar 2007 22:11:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Till Westermayer (Administration, KV Breisgau-Hochschwarzwald)</dc:creator>
				<category><![CDATA[02 Ausgestaltung]]></category>
		<category><![CDATA[04 Metaebene]]></category>
		<category><![CDATA[Kritik & Utopie]]></category>
		<category><![CDATA[Modelle & Philosophien]]></category>
		<category><![CDATA[Statement]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.grundsicherung-bw.de/2007/03/21/politik-oder-utopie-des-grundeinkommens/</guid>
		<description><![CDATA[Beim Nachdenken &#252;ber die Blog-Beitr&#228;ge, die sich bisher angesammelt haben, aber auch &#252;ber das eine oder andere, was ich bisher so zum Grundeinkommen gelesen und gefunden habe, ist mir eine interessante Konfliktlinie aufgefallen, die vielleicht auch die eine oder andere Debatte hier erkl&#228;ren kann. Es werden n&#228;mlich zwei ganz unterschiedliche Dinge mit der Forderung nach [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Beim Nachdenken &#252;ber die Blog-Beitr&#228;ge, die sich bisher angesammelt haben, aber auch &#252;ber das eine oder andere, was ich bisher so zum Grundeinkommen gelesen und gefunden habe, ist mir eine interessante Konfliktlinie aufgefallen, die vielleicht auch die eine oder andere Debatte hier erkl&#228;ren kann. Es werden n&#228;mlich zwei ganz unterschiedliche Dinge mit der Forderung nach einem Grundeinkommen verbunden &#8212; so jedenfalls meine Beobachtung. </p>
<p>Auf der einen Seite wird das Grundeinkommen als durchaus &#8220;realpolitische&#8221; gemeinte Anpassung der derzeitigen sozialen Sicherungssysteme an eine ver&#228;nderte gesellschaftliche Lage diskutiert. Dabei geht es zum einen darum, dass ein Grundeinkommen bestimmte Probleme sp&#228;tmoderner Gesellschaften besser abfedern kann als das derzeitige Sozialsystem, oder auch darum, dass ein Grundeinkommen effizienter und unb&#252;rokratischer ist. Bei dieser Betrachtungsweise eines Grundeinkommens spielen Transformationsfragen eine gro&#223;e Rolle: wie ist es &#8212; unter dem gegebenen politischen System und den &#8220;Altlasten&#8221; der Bismarckschen Sozialpolitik &#8212; am besten m&#246;glich, sich in Richtung einer pauschalisierten und nicht an Bedarfspr&#252;fungen gekoppelten, von Erwerbst&#228;tigkeit weitgehend entkoppelten Zahlung an alle zu bewegen. Modelle wie die <a href="http://www.grundsicherung-bw.de/2007/02/12/gesunde-skepsis-oder-realistische-erwartungen-an-ein-gruenes-grundeinkommen/">&#8220;Gr&#252;ne Grundsicherung&#8221;</a> von Thomas Poreski sehen sich explizit in dieser Debattenlage: es geht darum, die Nahziele eines Grundeinkommens m&#246;glichst reibungslos und auf dem Gegebenen aufbauend zu erreichen. Entsprechend sehen derartige Modelle Kompromisse vor (Machbarkeit, Finanzierbarkeit), was zum Beispiel die H&#246;he eines Grundeinkommens angeht. Der Zeithorizont f&#252;r erste Schritte eines so gedachten Grundeinkommens liegt im Rahmen der &#252;blichen politischen Halbwertszeiten &#8212; in f&#252;nf oder zehn Jahren k&#246;nnte es so weit sein.</p>
<p>Auf der anderen Seite wird unter &#8220;Grundeinkommen&#8221; etwas ganz anderes verstanden. Oberfl&#228;chlich gibt es durchaus &#196;hnlichkeiten mit dem gerade eben beschriebenen. Allerdings wird die Entkopplung der grundlegenden Bed&#252;rfnisbefriedigung vom Zwang zur Erwerbsarbeit in diesen Varianten ganz anders aufgeh&#228;ngt. Die Debatte geht eher in Richtung einer neuen &#8220;gro&#223;en Idee&#8221;; Bef&#252;rworterInnen eines Grundeinkommens in diesem eher utopischen Sinne sehen darin kein Instrument unter vielen, sondern vermuten, dass die Einf&#252;hrung eines Grundeinkommens einen Prozess gesellschaftlichen Wandels ausl&#246;sen wird, der vergleichbar mit den Konsequenzen der Erfindung des Nationalstaats, der Schriften von Marx und Engels, der Idee der Demokratie oder auch des Leitbilds &#8220;Normalarbeitsverh&#228;ltnis&#8221; sein wird. Ein derartig aufgeladenes Grundeinkommen wird dann auch zeitlich viel weiter gefasst. Transformationsfragen und Kleinigkeiten wie politische Verfahren interessieren nicht; wichtig ist es, die revolution&#228;re Idee in den gebildeten Schichten zu verbreiten und darauf zu warten, dass die Zeit f&#252;r das Grundeinkommen kommt, auch wenn das erst in ein oder zwei Generationen der Fall sein wird. </p>
<p>Die <a href="http://www.grundsicherung-bw.de/2007/03/14/bericht-vom-armutskongress/">Beobachtung</a> zweier grunds&#228;tzlich unterschiedlichen Diskussionslinien (die es &#228;hnlich ja auch anderswo gibt) bedeutet nun nicht, dass diese gegeneinander ausgespielt werden m&#252;ssen. Vielmehr gibt es durchaus &#220;berschneidungen zwischen den Zielen &#8212; die weitere Verbreitung der Idee &#8220;Grundeinkommen&#8221; etwa d&#252;rfte beiden Richtungen gefallen. Wichtig ist mir diese Beobachtung deshalb, weil ich glaube, dass einige sich im Kreis drehenden Debatten sich durch eine Reflektion &#252;ber diese beiden Standpunkte vermeiden lassen. Wer vom neuen Menschen spricht, der ohne Zwang t&#228;tig ist, wird bei denjenigen, die im Grundeinkommen ein realistisches Instrument der Sozialpolitik sehen, auf wenig Verst&#228;ndnis sto&#223;en. Umgekehrt erscheint es den &#8220;PolitikerInnen&#8221; seltsam, ja dubios, wenn relevante Transformationsprobleme (sagen wir, die Fragen einer EU-weiten Mehrwertsteuer-Harmonisierung) einfach mit dem Argument weggewischt werden, der Sache nicht zu dienen. Insofern m&#246;chte ich dies als Pl&#228;doyer daf&#252;r verstehen, vor derartigen Argumentenaust&#228;uschen kurz innezuhalten und dar&#252;ber nachzudenken, ob die Argumente eigentlich auf der gleichen Ebene liegen.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.grundsicherung-bw.de/2007/03/21/politik-oder-utopie-des-grundeinkommens/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>5</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Eine Frage der Werte</title>
		<link>http://www.grundsicherung-bw.de/2007/03/19/eine-frage-der-werte/</link>
		<comments>http://www.grundsicherung-bw.de/2007/03/19/eine-frage-der-werte/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 19 Mar 2007 11:01:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Gastbeitrag</dc:creator>
				<category><![CDATA[02 Ausgestaltung]]></category>
		<category><![CDATA[Gastbeitrag]]></category>
		<category><![CDATA[Höhe & Finanzierung]]></category>
		<category><![CDATA[Modelle & Philosophien]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.grundsicherung-bw.de/2007/03/19/eine-frage-der-werte/</guid>
		<description><![CDATA[Gastbeitrag von Boris Palmer, MdL, Oberb&#252;rgermeister der Stadt T&#252;bingen
Umverteilen von oben nach unten und effektiv Familien unterst&#252;tzen &#8211; das geht am besten, wenn man ein Grundeinkommen einf&#252;hrt. Es lie&#223;e sich problemlos finanzieren
&#8220;W&#252;rden Sie aufh&#246;ren zu arbeiten, wenn es ein bedingungsloses Grundeinkommen g&#228;be?&#8221; Mit dieser Frage verbl&#252;fft Prof. G&#246;tz Werner, Chef von 23.000 Mitarbeitern, regelm&#228;&#223;ig seine [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href='http://www.flickr.com/photos/dustpuppy/405555727/' title='Boris Palmer'><img class="alignright" src='http://www.grundsicherung-bw.de/wp-content/uploads/2007/03/boris-palmer.jpg' alt='Boris Palmer' /></a><em>Gastbeitrag von <a href="http://www.boris-palmer.de">Boris Palmer</a>, MdL, Oberb&#252;rgermeister der Stadt T&#252;bingen</em></p>
<p>Umverteilen von oben nach unten und effektiv Familien unterst&#252;tzen &#8211; das geht am besten, wenn man ein Grundeinkommen einf&#252;hrt. Es lie&#223;e sich problemlos finanzieren</p>
<p>&#8220;W&#252;rden Sie aufh&#246;ren zu arbeiten, wenn es ein bedingungsloses Grundeinkommen g&#228;be?&#8221; Mit dieser Frage verbl&#252;fft Prof. G&#246;tz Werner, Chef von 23.000 Mitarbeitern, regelm&#228;&#223;ig seine Gespr&#228;chspartner. Um den Gesch&#228;ftsf&#252;hrer der Drogeriekette dm &#252;ber Konsumsteuer und Grundeinkommen dozieren zu h&#246;ren, pilgern im S&#252;den der Republik auch mal 1.500 Menschen in eine Kirche und zahlen bereitwillig 15 Euro Eintritt. Die Mischung aus Milliard&#228;r und Marx fasziniert. Und die meisten Zuh&#246;rer stellen f&#252;r sich fest: Nein, ich w&#252;rde auch mit einem Grundeinkommen bestimmt nicht aufh&#246;ren zu arbeiten.<br />
<span id="more-79"></span><br />
G&#246;tz Werner will allen B&#252;rgern monatlich 1.500 Euro auszahlen, ohne dies an Bedingungen zu kn&#252;pfen oder mit dem Erwerbseinkommen zu verrechnen. Er sieht darin die Antwort auf das Verschwinden der Erwerbsarbeit. Wenn Maschinen immer mehr Arbeit f&#252;r den Menschen erledigen, werde dieser nicht wirtschaftlich &#252;berfl&#252;ssig, sondern frei f&#252;r Kulturleistungen, f&#252;r die Arbeit am Menschen.</p>
<p>F&#252;r die Finanzierung seiner Vision schl&#228;gt Werner einen radikalen Umbau des Steuersystems vor. Die Mehrwertsteuer soll alle anderen Steuern ersetzen und s&#228;mtliche staatlichen Leistungen und Transferzahlungen abdecken. Bedingungsloses Grundeinkommen und Ende des Steuerdschungels &#8211; zu sch&#246;n, um wahr zu sein. Oder?</p>
<p>Th&#252;ringens Ministerpr&#228;sident Dieter Althaus (CDU) hat erst vor kurzem mit einem eigenen Vorschlag f&#252;r ein Grundeinkommen &#252;berrascht. Das Unbehagen an der Zerst&#246;rung des Sozialstaats durch sogenannte Reformen hat so weite Teile der Gesellschaft erfasst, dass Alternativentw&#252;rfe gefragt sind. Es gilt, einige elementare gesellschaftliche Fragen zu stellen.</p>
<p>Erstens: Setzen wir ein Recht aller B&#252;rger auf ein Leben ohne Armut an die Stelle von b&#252;rokratischer Ermittlung des Anspruchs auf Hilfe und entw&#252;rdigender Kontrolle ? Zweitens: Gehen wir im Sozialsystem von der Leitidee der Lebensstandardsicherung zur Grundsicherung &#252;ber? Drittens: Wagen wir den Wechsel von der Beitragsfinanzierung zur Steuerfinanzierung des Sozialstaats? Bejahen wir diese drei Fragen, schaffen wir die Grundlage f&#252;r einen neuen sozialpolitischen Enthusiasmus.</p>
<p>Ein armutsfestes Grundeinkommen nicht an Bedingungen zu kn&#252;pfen, l&#246;st bei &#214;konomen die Angst vor einer Faultierpr&#228;mie aus. Zu Unrecht. Menschen finden Best&#228;tigung in Arbeit und werden sie auch weiter suchen. Wo die Arbeitslosigkeit niedrig ist, bet&#228;tigen sich die Menschen auch im Ehrenamt: 4,5 millionenfach allein in Baden-W&#252;rttemberg. Und sogar &#246;konomisch bleibt Arbeit mit einem Grundeinkommen attraktiv, weil zus&#228;tzliches Erwerbseinkommen nicht verrechnet wird.</p>
<p>Nach meiner Meinung kann ein bedingungsloses Grundeinkommen nur Grundbed&#252;rfnisse abdecken, aber auch nicht weniger. G&#246;tz Werners Vorstellung von 1.500 Euro monatlich erscheint mir doch zu paradiesisch. 800 Euro f&#252;r Erwachsene und 400 Euro f&#252;r Kinder liegen in der H&#246;he des soziokulturellen Existenzminimums. Dies w&#252;rde brutto 720 Milliarden Euro pro Jahr kosten.</p>
<p>Kindergeld, Baf&#246;g, Arbeitslosengeld II oder Wohngeld m&#252;ssten im Gegenzug entfallen. F&#252;r die Kranken- und Pflegeversicherung w&#228;re eine Kopfpauschale von 150 Euro f&#252;r Erwachsene sinnvoll, die aus dem Grundeinkommen bezahlt wird. Die Rentenversicherung befindet sich durch K&#252;rzungen ohnehin auf dem besten Weg zu einer Grundsicherung. Ihre heutigen Zahlungen w&#252;rden ebenso wie Pensionen mit dem Grundeinkommen verrechnet, das damit zu einer Mindestrente w&#252;rde.</p>
<p>Derzeit werden &#252;ber die sozialen Transfersysteme nach Angaben des Bundesfinanzministeriums in der Summe rund 550 Milliarden Euro bewegt. F&#252;r das Grundeinkommen und die verbleibenden Leistungen aus dem heutigen System w&#228;ren 900 Milliarden Euro notwendig. Die Finanzierungsl&#252;cke von 350 Milliarden Euro erscheint riesig, l&#228;sst sich aber schlie&#223;en.</p>
<p>Wenn der Staat das Existenzminimum durch direkte Zahlungen garantiert, kann der Grundfreibetrag bei der Einkommensteuer entfallen. In Kombination mit einer Erh&#246;hung der Steuers&#228;tze auf das Niveau von 1998 kann die Ertragskraft der Einkommensteuer um 100 Milliarden Euro gesteigert werden.</p>
<p>Alle Steuern durch die Mehrwertsteuer zu ersetzen geht zu weit, aber eine schrittweise Erh&#246;hung von 16 auf 38 Prozent w&#252;rde 190 Milliarden f&#252;r das Grundeinkommen erbringen. Damit lie&#223;en sich die Sozialversicherungsbetr&#228;ge von derzeit 42 auf etwa 20 Prozent f&#252;r die verbleibenden Leistungen der Rentenversicherung und der Arbeitslosenversicherung senken. Die daraus resultierenden Wachstumsimpulse k&#246;nnten die verbleibende L&#252;cke von 60 Milliarden Euro schlie&#223;en.</p>
<p>Das Grundeinkommen bewirkt eine Umverteilung von oben nach unten und besonders zu Familien. Zwei Beispiele: Eine Familie mit zwei Kindern und einem Jahreseinkommen von 40.000 Euro zahlt derzeit 4.500 Euro Steuern und erh&#228;lt 4.000 Euro Kindergeld, zahlt netto also 500 Euro pro Jahr. Mit Grundeinkommen, aber ohne Freibetr&#228;ge und Kindergeld sowie nach Abzug der Kopfpauschale erhielte sie nach meinen Berechnungen eine j&#228;hrliche Gutschrift (negative Einkommensteuer) von rund 15.000 Euro. Ein Single mit einem Jahreseinkommen von 80.000 Euro zahlt derzeit 25.000 Euro Steuern und m&#252;sste trotz Grundeinkommen k&#252;nftig etwa 28.000 Euro Steuern entrichten.</p>
<p>Die h&#246;here Mehrwertsteuer w&#252;rde sich im Durchschnitt kaum auf die Konsumentenpreise auswirken. Handwerksleistungen w&#252;rden zum Beispiel nicht teurer, weil die h&#246;here Mehrwertsteuer und die niedrigeren Sozialversicherungsbeitr&#228;ge sich gegenseitig aufheben. Teurer w&#252;rden allerdings Importwaren und Produkte mit einem geringen Arbeitsaufwand.</p>
<p>F&#252;r deutsche Verh&#228;ltnisse k&#228;me eine solche Reform vermutlich einer Revolution gleich. Paradiesische Zust&#228;nde w&#252;rden dadurch nicht einkehren. Wer dauerhaft von 800 Euro zu leben versucht, wird feststellen, dass dies m&#246;glich, wenn auch nicht luxuri&#246;s ist. Aber f&#252;r viele Probleme k&#246;nnte dieses Konzept attraktive L&#246;sungen anbieten:</p>
<p>Kinderarmut w&#252;rde hoch wirksam bek&#228;mpft, Familien profitieren enorm von der Bedingungslosigkeit des Grundeinkommens. Die im internationalen Vergleich exorbitant hohen Lohnnebenkosten w&#252;rden durch die Umschichtung zur Mehrwertsteuer drastisch reduziert. Weil die Mehrwertsteuer im Export nicht anf&#228;llt, w&#252;rde die Konkurrenzf&#228;higkeit der deutschen Wirtschaft erheblich gesteigert, Importe w&#252;rden st&#228;rker zur Finanzierung des Staates beitragen. In der Verwaltung der Armut w&#252;rden zwar viele Stellen wegfallen, insgesamt d&#252;rfte die Besch&#228;ftigung aber deutlich zunehmen.</p>
<p>Jenseits &#246;konomischer Umw&#228;lzungen w&#252;rde ein neues Leitbild die Gesellschaft pr&#228;gen. Subjekt des Sozialstaats w&#228;re wieder der Mensch mit seinen F&#228;higkeiten und Bed&#252;rfnissen.</p>
<p><small>Zuerst erschienen in der <i>tageszeitung</i> vom 8.9.2006, Seite 11. Foto: <a href="http://www.flickr.com/people/dustpuppy/">Bj&#246;rn Láczay</a></small></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.grundsicherung-bw.de/2007/03/19/eine-frage-der-werte/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>14</slash:comments>
		</item>
	</channel>
</rss>

