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	<title>Grüne Grundsicherungsdebatte &#187; 01 Grundsatzfragen</title>
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	<description>Ein Diskussionsblog der Grünen Baden-Württemberg</description>
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		<title>Metzgers &#196;u&#223;erungen sind nicht akzeptabel</title>
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		<pubDate>Wed, 21 Nov 2007 11:39:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Till Westermayer (Administration, KV Breisgau-Hochschwarzwald)</dc:creator>
				<category><![CDATA[01 Grundsatzfragen]]></category>
		<category><![CDATA[Fundsache]]></category>
		<category><![CDATA[Modelle & Philosophien]]></category>

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		<description><![CDATA[Bez&#252;glich des aktuellen STERN-Interviews mit Oswald Metzger haben die gr&#252;nen Landesvorsitzenden eine beachtenswerte Pressemitteilung herausgegeben, die im Folgenden dokumentiert ist:
Stuttgart, 21. November 2007
Gr&#252;ne Landesvorsitzende zu Oswald Metzgers Interview auf stern.de: Metzgers &#196;u&#223;erungen sind nicht akzeptabel
Die gr&#252;nen Landesvorsitzenden Petra Selg und Daniel Mouratidis kritisieren Oswald Metzgers &#196;u&#223;erungen zu Sozialhilfeempf&#228;ngern scharf: „Es ist absolut unakzeptabel, wenn Oswald [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Bez&#252;glich des aktuellen <a href="http://www.stern.de/politik/deutschland/603071.html?q=metzger">STERN-Interviews</a> mit Oswald Metzger haben die gr&#252;nen Landesvorsitzenden eine beachtenswerte Pressemitteilung herausgegeben, die im Folgenden dokumentiert ist:</p>
<p>Stuttgart, 21. November 2007</p>
<h3>Gr&#252;ne Landesvorsitzende zu Oswald Metzgers Interview auf stern.de: Metzgers &#196;u&#223;erungen sind nicht akzeptabel</h3>
<p>Die gr&#252;nen Landesvorsitzenden Petra Selg und Daniel Mouratidis kritisieren Oswald Metzgers &#196;u&#223;erungen zu Sozialhilfeempf&#228;ngern scharf: „Es ist absolut unakzeptabel, wenn Oswald Metzger eine Bev&#246;lkerungsgruppe als Ganze in einer solchen Art und Weise verunglimpft. Wir fordern ihn deshalb auf, sich bei den Betroffenen f&#252;r seine &#196;u&#223;erungen zu entschuldigen.“</p>
<p>Aus Sicht der gr&#252;nen Landesvorsitzenden schade Metzger damit auch der innergr&#252;nen Diskussion um die Zukunft der sozialen Sicherung: „Unsere Partei f&#252;hrt seit &#252;ber einem Jahr eine intensive Debatte &#252;ber einen neuen Aufbruch in der Sozialpolitik, der niemanden ausgegrenzt und durch den alle eine Chance zur Entfaltung ihrer F&#228;higkeiten bekommen. Oswald Metzger hat sich bislang in diesen Debattenprozess kaum eingebracht. Wenn er  nun Sozialhilfeempf&#228;nger pauschal verurteilt und die beiden vorliegenden gr&#252;nen Modelle einer bedarfsorientierten Grundsicherung und eines bedingungslosen Grundeinkommens als »Wahl zwischen Pest und Cholera« diffamiert, dann ist das eine &#252;ble Polemik, die dem Debatten-Stil der Gr&#252;nen widerspricht“, sagten Selg und Mouratidis.</p>
<p>Selg und Mouratidis forderten Metzger au&#223;erdem auf, nicht st&#228;ndig &#246;ffentlich &#252;ber seine politische Zukunft zu spekulieren: „Oswald Metzger sollte sich einmal in aller Ruhe im stillen K&#228;mmerchen Gedanken &#252;ber seine politische Verortung machen und den Dialog mit der Partei suchen, anstatt permanent in den Medien mit einem Parteiwechsel zu kokettieren.“</p>
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		<title>Arbeit von Hartz-IV-Empf&#228;ngerInnen oft nicht anerkannt</title>
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		<pubDate>Fri, 17 Aug 2007 13:16:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Till Westermayer (Administration, KV Breisgau-Hochschwarzwald)</dc:creator>
				<category><![CDATA[01 Grundsatzfragen]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeit & Beschäftigung]]></category>
		<category><![CDATA[Bildung & Teilhabe]]></category>
		<category><![CDATA[Fundsache]]></category>

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		<description><![CDATA[Mal abgesehen davon, dass sich auch gerne andere an der Debatte beteiligen d&#252;rfen, m&#246;chte ich mich doch schon wieder zu Wort melden, und zwar mit einem Hinweis auf einer Studie an der Uni Leipzig, wo unter arbeitspsychologischen Gesichtspunkten untersucht wird, ob die (bezahlte und unbezahlte) Arbeit von Hartz-IV-Empf&#228;ngerInnen gesellschaftlich anerkannt ist &#8212; ja ein wichtiges [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Mal abgesehen davon, dass sich auch gerne andere an der Debatte beteiligen d&#252;rfen, m&#246;chte ich mich doch schon wieder zu Wort melden, und zwar mit einem Hinweis auf einer Studie an der Uni Leipzig, wo unter arbeitspsychologischen Gesichtspunkten untersucht wird, ob die (bezahlte und unbezahlte) Arbeit von Hartz-IV-Empf&#228;ngerInnen gesellschaftlich anerkannt ist &#8212; ja ein wichtiges Motiv in dieser ganzen Debatte. Interessant sowohl f&#252;r Anh&#228;ngerInnen des Prinzips &#8220;Motivation durch Zwang&#8221; (muss ich das jetzt als Ironie kennzeichnen?) als auch f&#252;r Grundeinkommensbef&#252;rworterInnen ist das Fazit der <a href="http://idw-online.de/pages/de/news222099">Pressemitteilung</a> zur Studie:<br />
<blockquote>Ein wichtiges Ergebnis der Studie ist, dass gesellschaftliche Anerkennung nicht ausschlie&#223;lich &#252;ber T&#228;tigkeiten auf dem ersten Arbeitsmarkt vermittelt wird. Eine positive Bedeutung scheinen generell solche Arbeitst&#228;tigkeiten zu haben, die regelm&#228;&#223;ig ausgef&#252;hrt werden, soziale Kontakte auch au&#223;erhalb des eigenen Haushalts und der Familie erm&#246;glichen und einen gen&#252;gend gro&#223;en Handlungsspielraum bieten: &#8220;Hartz-IV&#8221;-Empf&#228;ngerInnen, die den Eindruck &#228;u&#223;ern, selbst &#252;ber ihre Arbeit entscheiden zu k&#246;nnen, erfahren gr&#246;&#223;ere Anerkennung durch ihr gesellschaftliches Umfeld als diejenigen, die angeben fremdbestimmt zu handeln.</p>
<p>Zum Teil zeigen sich sogar deutlich niedrigere Depressivit&#228;tswerte. Dr. G&#246;ttling folgert daraus: &#8220;Erstens erscheint es aus arbeitspsychologischer Sicht grunds&#228;tzlich nicht sinnvoll, Bezieher staatlicher Leistungen unter Androhung von Sanktionen in beliebige &#8216;Ma&#223;nahmen&#8217; zu vermitteln. Zweitens sollten Mitarbeiter, ob bezahlt oder unbezahlt, die M&#246;glichkeit haben, Arbeitsaufgaben und -beziehungen ihren eigenen Bed&#252;rfnissen entsprechend mitzugestalten. Den Einzelnen stellt sich dabei nat&#252;rlich immer die Aufgabe, die eigenen Interessen auch zu &#228;u&#223;ern und entsprechende Handlungsspielr&#228;ume einzufordern.&#8221;</p></blockquote>
<p>Die komplette <a href="http://dol.dl.uni-leipzig.de/receive/DOLDissHabil_disshab_00000768">Dissertation</a> von Dr. Sascha G&#246;ttling mit dem Titel &#8220;Am Rande der Arbeitsgesellschaft &#8211; psychologische Analyse der Arbeit langzeiterwerbsloser Menschen&#8221;, auf der die Pressemitteilung beruht, kann &#252;brigens auch online nachgelesen werden.</p>
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		<title>Aufbruch in der Sozialpolitik dringend notwendig</title>
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		<pubDate>Wed, 08 Aug 2007 14:05:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Till Westermayer (Administration, KV Breisgau-Hochschwarzwald)</dc:creator>
				<category><![CDATA[01 Grundsatzfragen]]></category>
		<category><![CDATA[Fundsache]]></category>
		<category><![CDATA[Rente & soz. Sicherheit]]></category>

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		<description><![CDATA[&#8220;Die &#252;berw&#228;ltigende Mehrheit der Bundesb&#252;rger lehnt die Sozialpolitik der Gro&#223;en Koalition ab. Das geht aus einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Emnid im Auftrag der Wochenzeitung «Die Zeit» hervor. Demnach sind 72 Prozent der Befragten der Auffassung, die Regierung m&#252;sse mehr f&#252;r soziale Gerechtigkeit tun, nur 16 Prozent folgen der Regierungspolitik.&#8221; (Quelle: Netzeitung)
Mehr ist dazu eigentlich gar [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>&#8220;Die &#252;berw&#228;ltigende Mehrheit der Bundesb&#252;rger lehnt die Sozialpolitik der Gro&#223;en Koalition ab. Das geht aus einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Emnid im Auftrag der Wochenzeitung «Die Zeit» hervor. Demnach sind 72 Prozent der Befragten der Auffassung, die Regierung m&#252;sse mehr f&#252;r soziale Gerechtigkeit tun, nur 16 Prozent folgen der Regierungspolitik.&#8221; (Quelle: <a href="http://www.netzeitung.de/deutschland/707430.html">Netzeitung</a>)</p>
<p>Mehr ist dazu eigentlich gar nicht zu sagen. (Au&#223;er vielleicht noch der Link zur <a href="http://www.zeit.de/online/2007/32/links-umfrage">ZEIT</a>).</p>
]]></content:encoded>
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		<title>Mut zum Grundeinkommen (Redebeitrag)</title>
		<link>http://www.grundsicherung-bw.de/2007/07/04/mut-zum-grundeinkommen-redebeitrag/</link>
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		<pubDate>Wed, 04 Jul 2007 12:08:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Till Westermayer (Administration, KV Breisgau-Hochschwarzwald)</dc:creator>
				<category><![CDATA[01 Grundsatzfragen]]></category>
		<category><![CDATA[Kritik & Utopie]]></category>
		<category><![CDATA[Statement]]></category>

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		<description><![CDATA[Michael hat ja bereits &#252;ber den Ablauf des Landesausschusses berichtet und auf den Beschluss hingewiesen. Falls es jemand interessiert, hier mein kurzes Redemanuskript (habe mich nicht ganz dran gehalten, aber einen Eindruck gibt es schon). Vielleicht folgen ja andere dem Beispiel.
Liebe Freundinnen und Freunde, 
zuerst einmal freut es mich, dass sich zum Thema Zukunft der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><i>Michael hat ja bereits &#252;ber den Ablauf des Landesausschusses <a href="http://www.grundsicherung-bw.de/2007/07/03/landesausschuss-in-pforzheim-eckpunkte-zur-neuen-sozialen-sicherung-beschlossen/">berichtet</a> und auf den Beschluss hingewiesen. Falls es jemand interessiert, hier mein kurzes Redemanuskript (habe mich nicht ganz dran gehalten, aber einen Eindruck gibt es schon). Vielleicht folgen ja andere dem Beispiel.</i></p>
<p>Liebe Freundinnen und Freunde, </p>
<p>zuerst einmal freut es mich, dass sich zum Thema Zukunft der sozialen Sicherung in den letzten Monaten eine durchaus lebhafte Debatte entwickelt hat. Bei allem Lob der Debatte ist es aber doch so, dass viele es jetzt mit der Angst zu tun bekommen, und sich, statt nach vorne zu denken, lieber in Bedenkentr&#228;gerei &#252;ben. Etwas zugespitzt gesagt: wem sonst keine Reform zu schnell gehen kann, der oder die entdeckt jetzt ein Herz f&#252;r den alten Sozialstaat. Hier ist es wichtig, Mut zu machen.</p>
<p>All diesen – und allen anderen auch – m&#246;chte ich sagen, dass es vielleicht falsch ist, ein bedingungsloses Grundeinkommen als ein Projekt aufzufassen, das von heute auf morgen umsetzbar sein k&#246;nnte. Das ist eigentlich f&#252;r uns als Partei gar nicht so neu. „Die Welt retten“, „den Klimawandel aufhalten“, gegen die Stromkonzerne auf die Abschaltung s&#228;mtlicher Atomkraftwerke und Kohlekraftwerke hinzuarbeiten – das sind, ersteinmal, genau so weitreichende, schwierig umzusetzende und trotzdem wichtige Projekte. Wir Gr&#252;nen haben im Themenfeld der Umweltpolitik aber auch gezeigt, dass wir beides k&#246;nnen: das gro&#223;e Projekt, das unrealistisch wirken mag, und die kluge, tagespolitische Umsetzung dieses Projektes. Auch das Erneuerbare-Energien-Gesetz, auch der rot-gr&#252;ne Atomausstieg haben den Solaranteil noch nicht auf 100 % gesteigert. Aber wir sind dran – und haben dieses Ziel weiter vor Augen. Warum soll diese Kombination aus langfristiger Perspektive und Realpolitik beim Grundeinkommen nicht m&#246;glich sein?</p>
<p>Der Soziologe Ulrich Beck hat vor inzwischen 20 Jahren die Diagnose der „Risikogesellschaft“ aufgeworfen. Risikogesellschaft hat dabei einen doppelten Sinn. Der Begriff zielt sowohl auf die &#246;kologischen, von allen zu tragenden und oft von wenigen verantworteten Risiken ab, als auch auf neue soziale Verwerfungen. Heute k&#246;nnte noch die globale Komponente hinzugef&#252;gt werden. Risikogesellschaft, sozial interpretiert bedeutet: Uns geht zwar nicht die Arbeit aus, aber die Beteiligung an Erwerbsarbeit wird unsicherer und schwankt im Lebenslauf. Es kommt zu Polarisierungen zwischen denen, die viel mehr arbeiten, und denen, die aus der Erwerbsarbeit gedr&#228;ngt werden. Flexibilisierung zeigt ihr Doppelgesicht – mehr Freiheit, aber zugleich einen st&#228;rker werdenden Zugriff der Arbeitswelt auf das ganze Leben. Wir leben heute in dieser vor 20 Jahren prognostizierten Risikogesellschaft. Nicht nur die Renten sind unsicher. Ganze Lebensl&#228;ufe sind zunehmender Ungewissheit ausgesetzt (auch wenn das im schw&#228;bischen Kernland vielleicht noch nicht so deutlich zu sp&#252;ren ist wie anderswo).</p>
<p>Als gr&#252;ne Partei sollten wir diese neue soziale Frage ernst nehmen. Das gro&#223;e Projekt Grundeinkommen stellt eine gute Antwort daf&#252;r dar. Vielleicht erscheint es auf den ersten Blick als nicht finanzierbar und schwer umzusetzen. Unsere Aufgabe ist es, hier nicht den Mut zu verlieren! Gr&#252;ne Qualit&#228;t ist es, bei schwierigen Problemen einen langen Atem zu zeigen und intelligente L&#246;sungen zu finden. Das bedingungslose Grundeinkommen mit seinen emanzipatorischen Anspr&#252;chen, mit seinem Vertrauen in die Menschen und mit seinen Forderungen an gesellschaftliche Solidarit&#228;t stellt den Ma&#223;stab dar, an dem sich gr&#252;ne Sozial- und Arbeitsmarktpolitik messen lassen muss. Lasst uns gemeinsam auf diese Perspektive hinarbeiten – mit Realismus und ohne Furcht!</p>
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		<title>Individuen und Institutionen</title>
		<link>http://www.grundsicherung-bw.de/2007/05/25/individuen-und-institutionen/</link>
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		<pubDate>Fri, 25 May 2007 10:18:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Gastbeitrag</dc:creator>
				<category><![CDATA[01 Grundsatzfragen]]></category>
		<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Gastbeitrag]]></category>
		<category><![CDATA[Kritik & Utopie]]></category>
		<category><![CDATA[Modelle & Philosophien]]></category>

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		<description><![CDATA[Anmerkungen zur aktuellen Grundsicherungs-Debatte aus emanzipatorischer und gerechtigkeitsorientierter Perspektive
Gastbeitrag von Peter Siller, Leiter der Abteilung Inland der Heinrich-B&#246;ll-Stiftung
In der politischen Landschaft der Bundesrepublik ist un&#252;bersehbar, dass die Suchbem&#252;hungen – und teilweise auch die Sehnsucht – nach einer gr&#246;&#223;eren politischen Erz&#228;hlung wachsen. Trotz und gegen die Thesen vom Siegeszug des Pragmatismus, vom Verschwinden der Lager und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3 align="left">Anmerkungen zur aktuellen Grundsicherungs-Debatte aus emanzipatorischer und gerechtigkeitsorientierter Perspektive</h3>
<p><a href='http://www.grundsicherung-bw.de/wp-content/uploads/2007/05/peter_siller.jpg' title='Peter Siller'><img class="alignright" width=129 height=200 src='http://www.grundsicherung-bw.de/wp-content/uploads/2007/05/peter_siller.jpg' alt='Peter Siller' /></a><i>Gastbeitrag von <a href="http://www.boell.de/de/04_thema/4071.html">Peter Siller</a>, Leiter der Abteilung Inland der Heinrich-B&#246;ll-Stiftung</i></p>
<p>In der politischen Landschaft der Bundesrepublik ist un&#252;bersehbar, dass die Suchbem&#252;hungen – und teilweise auch die Sehnsucht – nach einer gr&#246;&#223;eren politischen Erz&#228;hlung wachsen. Trotz und gegen die Thesen vom Siegeszug des Pragmatismus, vom Verschwinden der Lager und vom Ende der Gro&#223;theorie ist in verschiedenen politischen Lagern eine zumindest zaghafte Suchbewegung sichtbar, in der nach tragf&#228;higen Begriffen und Formeln gesucht wird, die den „Plot“ einer solchen politischen Erz&#228;hlung bilden k&#246;nnten. Das gilt mehr als f&#252;r andere Parteien f&#252;r die Gr&#252;nen, bei denen erst langsam wirklich ankommt, dass die urspr&#252;nglich ambitionierte Erz&#228;hlung der eigenen Regierungszeit nicht nur j&#228;h abbricht, sondern mit Blick auf die zweite Legislatur kaum im Ged&#228;chtnis der B&#252;rgerinnen und B&#252;rger h&#228;ngen geblieben ist. Doch auch unabh&#228;ngig von den Gr&#252;nen gibt es einige Indizien, dass Selbstverwirklichungs-Optimismus, Erlebnis-Paradigma und Ironie der neunziger Jahre zwar nicht verschwunden sind, aber doch gegen&#252;ber dem Bed&#252;rfnis nach einem st&#228;rkeren politischen Narrativ zur&#252;ckgetreten sind.</p>
<p><span id="more-114"></span><br />
Best&#228;rkt wird das Bed&#252;rfnis nach einer politischen Erz&#228;hlung durch eine ver&#228;nderte Rezeption der gesellschaftlichen Realit&#228;t, mit der ein Ende alter, vertrauter Erz&#228;hlungen einherging. Ein entscheidender Wendepunkt dieser Rezeption waren ohne Zweifel die Anschl&#228;ge des 11. September, mit denen das bisher eher abstrakte Ende der alten, nach Bl&#246;cken geordneten Welt konkret wurde. Hinzu kamen aber auch die innergesellschaftlichen Analysen einer neuen „Unterschicht“ bzw. „Unterklasse“ sowie einer Prekarisierung der Mittelschichten, die ihrerseits der Erz&#228;hlung vom „rheinischen Kapitalismus“ und dem damit einhergehenden Wohlfahrtsversprechen f&#252;r alle endg&#252;ltig ein Ende setzten. Und auch das Ende der &#246;kologischen Sorglosigkeit wurde f&#252;r Viele in der Gesellschaft erst in der j&#252;ngsten Vergangenheit von einer abstrakten Vorhaltung zu einem konkreten Faktum.</p>
<h4>1. Erz&#228;hlungen nach den Ideologien</h4>
<p>Dieses Bewusstsein f&#252;r die Notwendigkeit einer gr&#246;&#223;eren Erz&#228;hlung ist – entgegen dem postmodernen Diktum vom „Ende der gro&#223;en Erz&#228;hlungen“ (Lyotard, La condition postmoderne) &#8211; f&#252;r das politische Klein-Klein und all die pragmatischen Schritte ist eine gro&#223;e Chance. Denn ohne eine Auskunft &#252;ber die Wegweiser des eigenen politischen Handelns, ohne Landkarte und Kompass, verliert sich jede einzelne Handlung in Beliebigkeit. Verloren geht damit der Anspruch, die B&#252;rgerinnen und B&#252;rger von einem politischen Kurs zu &#252;berzeugen, Gr&#252;nde und Hintergr&#252;nde zu benennen. Verloren geht damit letztlich die Chance, Menschen f&#252;r eine bestimmte Politik zu gewinnen.<br />
Diese Effekte sind jedoch nur dann als positiv zu bewerten, wenn der Inhalt – wenn man so will der „Plot“ – der politischen Erz&#228;hlung stimmt. Auf der Suche nach der gr&#246;&#223;eren Erz&#228;hlung kommt es deshalb darauf an, die Gefahren und Untiefen in der beschriebenen Sehnsucht zu erkennen und zu ber&#252;cksichtigen. Eine politische Erz&#228;hlung darf kein Selbstzweck sein, dem man Inhalte beliebig unterordnet. Vielmehr m&#252;ssen in der Politik am Anfang Ideen, Grunds&#228;tze und Kriterien, aus deren Vollzug in der politischen Praxis sich dann eine bestimmte Erz&#228;hlung ergibt. Dort, wo die Sehnsucht nach der gro&#223;en Erz&#228;hlung am Anfang steht, und nicht die Anteil nehmende Zuwendung zur Welt, verkehrt sie sich zur blinden Ideologie. Eine gr&#246;&#223;ere politische Erz&#228;hlung rechtfertigt sich also durch ihre Inhalte und muss den Menschen zugewandt sein, anstatt sich im Erz&#228;hlrausch abzuwenden. Es geht um eine Erz&#228;hlung von Selbstbestimmung und Gerechtigkeit, die Konsistenz einfordert, die ein Stachel ist und die Sinne sch&#228;rft, f&#252;r das, was vorgeht in der Welt.<br />
Wie k&#246;nnte eine gr&#246;&#223;ere Erz&#228;hlung von Gerechtigkeit und Selbstbestimmung aussehen, die weder nostalgisch im Gestern schwelgt noch den Menschen eine Geschichte &#252;berst&#252;lpt, die nichts mit ihrer eigenen zu tun hat. Eine solche Erz&#228;hlung muss berichten, wo man her kommt, sie muss beschreiben, wo man steht, und sie muss ausblicken, wo es hingeht.<br />
Sie muss also erstens den Mut haben, von den eigenen Erfahrungen zu berichten und diese zu bewerten. Das gilt f&#252;r die l&#228;ngeren Entwicklungslinien, f&#252;r die gro&#223;en Br&#252;che und Umbr&#252;che. Das gilt mit Blick auf die Gr&#252;nen aber auch f&#252;r die j&#252;ngste Vergangenheit der Regierungserfahrung von 1998 bis 2005.<br />
Sie muss zweitens den Mut haben zur erkennbaren Verortung &#8211; in den konkreten Konzepten, aber auch in den grundlegenden Werten und Motiven. F&#252;r eine gr&#246;&#223;ere Erz&#228;hlung reicht es in keiner Weise aus, dem reinen Pragmatismus zu entkommen. Es bedarf vielmehr einer kontroversen, streitbaren Verortung in der nur scheinbar konsensualen Welt der „Werte“. Der politische Rekurs auf die Notwendigkeit einer „Werteorientierung“ ist inzwischen zur hohldrehenden Leerformel geworden, zur Nebelkerze der eigenen Ratlosigkeit. Denn erst wenn man im Universum m&#246;glicher „Werte“ streitbar benennt, welche der eigenen Politik eine Richtung geben sollen, und welche nicht, in welcher Interpretation und Anordnung, und in welcher nicht, wird aus dem Blendwerk eine erkennbare Position, von der aus sich etwas erz&#228;hlen l&#228;sst. „Werte“ zu haben ist kein Wert an sich. Und das Etikett „werteorientiert“ ist auch nicht geeignet, um damit spezifische und hoch strittige Weltbilder zu kaschieren &#8211; ein beliebter semantischer Trick gerade bei Konservativen, die sich offenkundig gar nicht vorstellen k&#246;nnen, dass es noch andere Werteanordnungen und politische Weltbilder gibt, als die eigenen.<br />
Streitbarkeit ist hinsichtlich der Jetzt-Zeit nicht nur mit Blick auf die normative Ebene der Werte unabdingbar, sondern auch mit Blick auf die Beschreibung der sozialen Realit&#228;t. Auch hier wird oft &#8211; unter Hinzuziehung der immer gleichen Schlagw&#246;rter &#8211; ein Konsens angenommen, anstatt sich in dem diversen und auch widerspr&#252;chlichen Spektrum der Klassen-, Schichten- und Sozialanalysen zu verorten. Diese Verortung ist aber notwendig, um einen eigenen Blick auf die Welt zu werfen.<br />
Und schlie&#223;lich drittens erfordert sie den Mut, die politische Erz&#228;hlung in die Zukunft weiter zu schreiben, in Anerkennung ihrer Unsicherheiten und Unw&#228;gbarkeiten, aber doch mit der Courage zu Konzepten und Vorschl&#228;gen, wie es weiter gehen soll.<br />
Und wie k&#246;nnte eine Erz&#228;hlung f&#252;r Europa oder gar f&#252;r die Welt aussehen, wenn sie uns schon im Nahbereich solche Schwierigkeiten bereitet? In wieweit lassen sich diese Erz&#228;hlungen &#252;berhaupt (noch) trennen? F&#252;r ein vollst&#228;ndiges Narrativ ist der nationale Bezugsrahmen heute v&#246;llig unzureichend. Das macht die Aufgabe nicht leichter.<br />
Zu einer gemeinsamen Erz&#228;hlung wird sie nur, wenn sie sich vom Bild von Sender und Empf&#228;nger l&#246;st, wenn sie im Gespr&#228;ch erz&#228;hlt wird. Eine politische Erz&#228;hlung, die sich an alle richtet, darf nicht zu abstrakt sein, darf sich aber auch nicht auf ein thematisches Segment oder eine Klientel zur&#252;ckziehen. Sie erfordert im politischen Raum Begriffe und Bilder die verst&#228;ndlich sind, ohne sich anzubiedern. Sie verlangt eine gewisse Einfachheit und Klarheit, ohne verk&#252;rzend bzw. einf&#228;ltig zu sein oder zu behaupten, alles erkl&#228;ren zu k&#246;nnen. Sie erfordert Raum f&#252;r Interpretation und Fantasie, aber gleichzeitig muss sie in den Grundz&#252;gen konsistent sein. Sie erfordert Reflexion und Beharrlichkeit, also Dinge, mit denen der aktuelle Politikbetrieb seine Schwierigkeiten hat.</p>
<h4>2. Suche nach Stoffen</h4>
<p>Bei aller Unsicherheit und Unklarheit: Es gibt zaghafte Ans&#228;tze gr&#246;&#223;erer politischer Erz&#228;hlungen. „Gerechtigkeit durch mehr Freiheit“ war der Kernslogan f&#252;r den bisherigen CDU-Grundsatzprogramm-Prozess und zierte eine Zeit lang jedes Rednerpult der Parteivorsitzenden Angela Merkel. Dieser „Plot“ bildete in gewisser Weise auch die Blaupause der Union f&#252;r den Bundestagswahlkampf 2005 und dahinter stand eine klare wirtschaftsliberale Haltung, die versuchte, sich auch noch den Begriff der Gerechtigkeit anzueignen bzw. diesen umzuschreiben. Dass das alles nicht gut zur diagnostizierten sozialen Verunsicherung der „Unter-“ und „Mittelschichten“ passte, zeigte sich dann im Wahlergebnis und wurde im Anschluss revidiert. Aber immerhin: Es war der Ansatz einer Erz&#228;hlung.<br />
Die SPD weigerte sich im Bundestagswahlkampf 2005 &#252;berhaupt noch etwas zu erz&#228;hlen. Von der eigenen, rot-gr&#252;nen Geschichte distanzierte man sich, und eine andere Erz&#228;hlung hatte man nicht in petto. Ein – wenn auch nicht umgesetzter – Ansatz w&#228;re die Figur der „solidarischen Mitte“ aus dem Bundestagsprogramm gewesen, die immerhin anders als die Formel von der „neuen Mitte“ eine Mittelschichtspolitik mit dem Ansatz einer Integration aller in die sozio&#246;konomische Mitte verband. Ein weiterer Ansatz findet sich in der Kernformulierung des Entwurfs f&#252;r ein neues Grundsatzprogramm vom „vorsorgenden Sozialstaat“. Hier wiederum wird der Sozialstaats-Gedanke mit der Nachhaltigkeit zusammengeschlossen – ein f&#252;r die Sozialdemokratie ungewohntes, aber f&#252;r eine neue sozialdemokratische Erz&#228;hlung durchaus aussichtsreiches Unterfangen. Schade nur, dass die SPD mit dem Parteivorsitzenden Beck einen „Erz&#228;hler“ hat, zu dem dieser Stoff einfach nicht passt. Insofern ist es konsequent, dass er sich daran erst gar nicht versucht.<br />
Und die Gr&#252;nen? Auch hier tut man sich schwer – und doch finden sich einige gute Expoées, die weitergef&#252;hrt werden m&#252;ssten. Mit dem Begriff der „Erweiterten Gerechtigkeit“ gibt es einen hervorragenden Begriff f&#252;r das ideelle Zentrum gr&#252;ner Politik, aus dem aber noch keine Erz&#228;hlung geworden ist. Der gr&#252;ne Anspruch ist reklamiert, Gerechtigkeit mit Selbstbestimmung zu verbinden und mit Blick auf die neuen sozialen Lagen und Bedrohungen neu auszurichten. „Erz&#228;hlt“ ist dieser Stoff noch nicht, weder mit Blick auf die soziale Bedrohung durch den Klimawandel, noch mit Blick auf die neuen Formen sozialer Exklusion in unserer Gesellschaft, noch mit Blick auf die globale Transformation.<br />
Andere Vorschl&#228;ge f&#252;r die gr&#252;nen Erz&#228;hlung liegen in einem „radikalen Realismus“ als Haltung zu den gro&#223;en Transformationen der Gegenwart, in der Proklamation des Begriffs der „&#214;ffentlichen G&#252;ter“ oder auch der „Commons“, in der Forderung nach einer „Neuen Institutionenpolitik“ („Institution matters“) und dem damit verbundenen Verweis auf das „Skandinavische Modell“, in der unbestimmten Formel der „Teilhabe“ oder in dem unbestimmten und normativ fragw&#252;rdigen Narrativ der „Mitte“.<br />
Auf einer konkreteren Ebene feiert die Figur der „Grundeinkommens“ gerade im gr&#252;nen Milieu eine gewisse Renaissance bei der Suche nach der gr&#252;nen Erz&#228;hlung. Dieses Motiv ist nicht neu, sondern kann auf eine Jahrzehnte lange Ideengeschichte zur&#252;ck blicken. Und doch scheint es derzeit – nach &#252;ber einem Jahrzehnt weitgehender Abstinenz – f&#252;r einen Teil der Gr&#252;nen die richtige Ingredienz, um das erz&#228;hlerische Fantasma in der Nachregierungs-&#196;ra zu befl&#252;geln. Bis hin zum neunen politischen „Erweckungserlebnis“ mit allem dazugeh&#246;rigen Missionarstum. Und dies obgleich es in den unterschiedlichsten Gestalten und aus den unterschiedlichsten Lagern auftaucht. Von seinem neoliberalen „Erfinder“ Milton Friedmann bis zur linksradikalen Tradition von Gorz bis Engler. Vom Paradigma der „Kulturgesellschaft“ &#252;ber den Drogerie-Unternehmer G&#246;tz Werner bis zum „B&#252;rgergeld“ von Althaus oder der FDP.<br />
Im Kontrast dazu steht der Begriff der „Grundsicherung“, und auch hierum versammeln sich zahlreiche Gr&#252;ne. Konzepte der „Grundsicherung“ zielen ebenfalls auf eine Strategie der individuellen Absicherung unter Bedingungen von Armutskreisl&#228;ufen und Prekarit&#228;t, sind jedoch breiter angelegt, da sie neben der Frage individueller Transfers auch die institutionellen Elemente sozialer Sicherheit einbeziehen und zugleich die Forderung der „Bedingungslosigkeit“ von Sozialtransfers  in Frage stellen oder zumindest differenzieren.<br />
Ziel der folgenden Ausf&#252;hrungen ist es &#8211; sozusagen einige Stufe unter den wichtigen aber abstrakten &#220;berlegungen zum Begriff der Erweiterten Gerechtigkeit &#8211; einige andere Motive einer m&#246;glichen gr&#252;nen Erz&#228;hlung auf ihrer Tragf&#228;higkeit zu untersuchen. Ausgangspunkt ist dabei ein Blick auf den Begriff des „&#214;ffentlichen Guts“ bzw. der Proklamation eines „Vorrangs der &#246;ffentlichen G&#252;ter“. Hierbei geht es zun&#228;chst darum, einen im politischen Raum sehr vagen und zugleich hoch suggestiven Begriff sinnvoll zu bestimmen. Dies m&#252;ndet mit Blick auf die Analysen der sozialen Lagen in unserer Gesellschaft in eine Unterscheidung zwischen „individuellem Transfer“ und „institutionellem Transfer“, ohne die sich die Konsequenzen der Forderung nach einem „Vorrang &#246;ffentlicher G&#252;ter“ nicht beschreiben lassen. Daraus wiederum werden einige R&#252;ckschl&#252;sse auf Tragf&#228;higkeit und Grenzen von „Grundsicherung“ und „Grundeinkommen“ als Stoff einer gr&#252;nen Erz&#228;hlung gezogen.</p>
<h4>3. Was ist ein „&#214;ffentliches Gut“?</h4>
<p>Greifen wir also einen Erz&#228;hlfaden gr&#252;ner Politik auf und schauen, was sich daraus machen l&#228;sst: Die Geschichte von der Bedeutung oder auch vom Vorrang „&#246;ffentlicher G&#252;ter“ bzw. von „Commons“, wie man im internationalen Raum – mit anderer Akzentuierung – sagen w&#252;rde. &#214;ffentliche G&#252;ter, das klingt gut, das klingt nach Gemeinwohl und Vergesellschaftung und nach einem einigerma&#223;en klaren Begriff, auf den man eine politische Erz&#228;hlung aufbauen kann. Aber was meinen wir eigentlich genau, wenn wir von einem &#246;ffentlichen Gut sprechen? Bei genauerer Betrachtung verwandelt sich die vermeintliche Klarheit schnell in Verwirrung.<br />
Seinen Ursprung hat der Begriff des „&#214;ffentlichen Guts“ in den Wirtschaftswissenschaften. Von dort aus wurde er schnell auch ausschlaggebend f&#252;r Teile des &#246;ffentlichen Rechts. Nach der herrschenden Meinung in wirtschaftswissenschaftlichen Theorie l&#228;sst sich ein „&#246;ffentliches Gut“ entweder kumulativ oder alternativ durch die Merkmale der Nichtausschlie&#223;barkeit und der Nichtrivalit&#228;t im Konsum definieren. Ein solches Gut kann nach dieser Bestimmung ohne Beeintr&#228;chtigung der einzelnen Nutzer von vielen gleichzeitig genutzt werden, so dass es unm&#246;glich oder ineffizient ist, weitere Nutzer auszuschlie&#223;en. Ursache der Nichtausschlie&#223;barkeit seien technische Effekte, die nicht durch entsprechende Marktmechanismen widergespiegelt werden.<br />
Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass in den angesprochenen Wissenschaften als typische &#246;ffentliche G&#252;ter etwa die innere Sicherheit, die Rechtsordnung, das W&#228;hrungssystem, Staatsfunktionen wie Polizei, Justiz, Gesetzgebung oder die Landesverteidigung angesprochen werden und keineswegs jene G&#252;ter, die im politischen Raum unter dem Rubrum „&#246;ffentliches Gut“ verhandelt werden, wie etwa Kinderbetreuung, Bildung, Wasserversorgung oder &#228;hnliches. Letztere sind n&#228;mlich – bei allen Querverbindungen &#8211; sehr wohl ausschlie&#223;bar und unterliegen auch der Rivalit&#228;t im Konsum. Selbst mit Blick auf so unteilbare Dinge, wie etwa das Klima stellt sich bei genauerer Betrachtung heraus, dass etwa Umweltbedingungen und Umweltbelastungen durch die Klimasituation sehr wohl verteilbar sind, nach geographischer Lage, nach „arm“ und „reich“ o.&#228;. Darin liegt ja gerade ein Grund f&#252;r die Notwendigkeit, die Klimadebatte mit der Gerechtigkeitsfrage zu verbinden, wie es die Formel vom „Klima der Gerechtigkeit“ zum Ausdruck bringt.<br />
Im politischen Raum muss also etwas anderes gemeint sein, wenn es sich dabei tats&#228;chlich um einen einigerma&#223;en trennscharfen Begriff handeln soll, und nicht nur um rhetorisches Blendwerk. Sinnvollerweise gemeint sind mit der Rede vom &#246;ffentlichen Gut wohl Grundg&#252;ter, von denen wir annehmen und f&#252;r die wir begr&#252;nden k&#246;nnen, dass Teilhabe an ihnen jeder und jedem offen stehen sollte. Eine Spezifizierung dieser G&#252;ter folgt freilich starken normativen Annahmen und ist zudem ab einem bestimmten Punkt von den subjektiven Bedeutungszuschreibungen an G&#252;ter durch die Individuen selbst abh&#228;ngig, und damit auch von den jeweiligen sozialen und kulturellen Kontexten der Zeit. (Das Gut „Arbeit“ beispielsweise hatte zu unterschiedlichen Epochen nicht nur sehr unterschiedliche Bestimmungen, sondern auch sehr unterschiedliche Bedeutungszuschreibungen. Daran zeigt sich die Situiertheit &#246;ffentlicher G&#252;ter in einem bestimmten Kontext.)<br />
Definiert man &#246;ffentliche G&#252;ter als Grundg&#252;ter, an denen alle teil haben sollen, so stehen an erster Stelle ganz basale Anspr&#252;che wie das Recht, &#252;berhaupt Rechte zu haben, die grundlegenden Menschenrechte, Demokratie und Mitspracherechte, aber auch grundlegende Ressourcen wie Nahrung, Wasser oder ein Dach &#252;ber dem Kopf. All das aber taucht scheinbar paradoxerweise in der bundesrepublikanischen Debatte um &#246;ffentliche G&#252;ter ebenfalls nicht auf. Der Grund ist nicht, dass es sich dabei nicht um &#246;ffentliche G&#252;ter handelt, sondern dass uns der Zugang zu diesen G&#252;tern offenkundig so selbstverst&#228;ndlich erscheint, dass sie gar nicht mehr genannt werden.<br />
Im Zentrum der Rede von „&#246;ffentlichen G&#252;tern“ stehen vielmehr offensichtlich gerade die G&#252;ter, deren Status umstritten ist. G&#252;ter, von denen man meint, explizit sagen zu m&#252;ssen, dass es sich dabei um „&#246;ffentliche“ handelt, weil das Teile der Gesellschaft anders sehen. In diesen Bereichen ist es jedoch gleichzeitig besonders schwer zu beschreiben was genau gemeint ist, wenn wir etwas als „&#246;ffentliches Gut“ bezeichnen. Also zum Beispiel: welche Bildungsm&#246;glichkeiten, oder welche Arbeitsm&#246;glichkeiten &#8211; und bis zu welchem Grad.<br />
Gerade im gr&#252;nen Milieu scheint die Versuchung gro&#223;, den Begriff des „&#246;ffentlichen Guts“ m&#246;glichst weit zu fassen. (Eine &#228;hnliche Psychologie greift im Diskurs um die Interpretation der Menschenrechte, in dem man auch am Liebsten jeden sinnvollen Anspruch zum Menschenrecht erkl&#228;ren w&#252;rde). Das Problem dieser weiten Auslegungen liegt jedoch darin, dass die normativ wichtigen Begriffe „schw&#228;cher“ werden, wenn man sie zu „weit“ fast. Wenn alle G&#252;ter „&#246;ffentliche G&#252;ter“ sind, ist am Ende keines mehr eins. (Und wenn alle Rechte „Menschenrechte“ sind, ist am Ende ebenfalls keines mehr eins.) Die Durchschlagskraft politisch-moralischer Kategorien bezieht sich gerade daraus, dass ihr Kern erkennbar bleibt und sie nicht bis zur Unkenntlichkeit „gestreckt“ werden. Das ist auch wichtig, wenn eine gr&#252;ne Erz&#228;hlung gelingen soll.</p>
<h4>4. Hoheitliche und marktf&#246;rmige Gew&#228;hrleistung</h4>
<p>Wenn wir nun etwas klarer haben, was ein „&#246;ffentliches Gut“ auszeichnet bleibt die Frage, was im politischen Raum eigentlich daraus folgt.<br />
Eine Annahme, die mitunter mit dem Status eines Guts als „&#246;ffentlich“ verbunden wird, ist die Notwendigkeit der staatlichen Erbringung und eine entsprechende Fassung als hoheitliche Aufgabe. Aus den Kriterien der Nichtausschlie&#223;barkeit bzw. Nichtrivalit&#228;t wird geschlussfolgert, dass mit Blick auf &#246;ffentliche G&#252;ter der Markt versagen muss, da hier das Spiel von Angebot und Nachfrage au&#223;er Kraft gesetzt ist.<br />
Mit Blick auf die vorgeschlagene Definition des „&#214;ffentlichen Guts“ jenseits von Nichtausschlie&#223;barkeit und Nichtrivalit&#228;t l&#228;sst sich jedoch dieser R&#252;ckschluss von der „&#214;ffentlichkeit“ eines Guts auf seine staatliche Erbringung nicht Aufrecht erhalten. Selbst die „klassisch“ hoheitlichen Bereiche erbringen bei sorgf&#228;ltiger Abgrenzung der darin zusammengefassten Angebote jedenfalls zum Teil Leistungen, die unter entsprechenden ordnungspolitischen Bedingungen auch von Privaten angeboten werden k&#246;nnen. F&#252;r die Frage, ob und in wie weit ein &#246;ffentliches Gut durch den Staat zu erbringen ist bzw. sinnvoller Weise durch den Markt, h&#228;ngt vielmehr von der &#246;konomischen, sozialen und auch kulturellen Bedingung einer Gesellschaft ab und von den ordnungspolitischen Arrangements, f&#252;r die sie sich entscheidet. Grundlegende knappe Ressourcen wie Brot oder Butter wurden beispielsweise unter bestimmten Bedingungen strikt hoheitlich verwaltet, um ein Minimum f&#252;r alle zu gew&#228;hrleisten. Heute werden sie in unserer Gesellschaft unproblematisch &#252;ber den Markt zur Verf&#252;gung gestellt. Stattdessen stellt sich mit Bezug auf andere G&#252;ter die Frage nach dem politischen Arrangement zwischen Staat und Markt. In der Bildung, in der Umweltfrage, aber auch mit Blick auf den Arbeitsmarkt.<br />
Auch wird aus dem Status des „&#246;ffentlichen Guts“ mitunter die Notwendigkeit einer Gew&#228;hrleistung ohne Gegenleistung gefolgert. Doch auch diese Schlussfolgerung erweist sich als haltlos, wenn wir ber&#252;cksichtigen, dass selbst basale Ressourcen wie Nahrung, Kleidung oder Wohnung unproblematisch mit einer Gegenleistung in Form von Bezahlung verbunden sein k&#246;nnen, soweit der Empf&#228;nger zu dieser Gegenleistung in der Lage ist. Gemeint ist also zun&#228;chst einmal nur die Notwendigkeit einer „B&#252;rgschaft“ des Staates, die unter Bedingungen von Mittellosigkeit greift.<br />
Gleichwohl hat diese staatliche „B&#252;rgschaft“ f&#252;r &#246;ffentliche G&#252;ter weitreichende Konsequenzen f&#252;r Selbstverst&#228;ndnis und Aufgabenbeschreibung des Staates. Der Staat &#8211; und damit die Demokratie &#8211; sind verantwortlich f&#252;r die Gew&#228;hrleistung &#246;ffentlicher G&#252;ter. Dabei steht ihm die Entscheidung offen, ob er dieses Ziel marktf&#246;rmig &#252;ber eine entsprechende Ordnungspolitik erreichen will oder unmittelbar staatlich oder ob gar kein Handlungsbedarf besteht, weil der Zugang zu einem &#246;ffentlichen Gut bereits auf der Grundlage geltender Arrangements besteht.<br />
Dabei unterliegt es &#252;ber die festgeschriebenen Menschen- und B&#252;rgerrechte hinaus dem demokratischen Diskurs, welchen G&#252;tern eine Gesellschaft den Status eines „&#246;ffentlichen Guts“ zuweisen will und auf welchem Weg sie die Gew&#228;hrleistung dieses Guts f&#252;r alle erbringen will. Deshalb ist die Debatte um &#246;ffentliche G&#252;ter eng mit der Frage der Demokratie verkoppelt. Eine Politik der &#246;ffentlichen G&#252;ter braucht den Mut zum offenen Austragen der mitunter kontroversen Grundannahmen und manchmal auch komplexen Abw&#228;gungsfragen, die sich bei der Bestimmung und Gew&#228;hrleistung eines &#246;ffentlichen Guts stellen. Die Neigung mancher, diese Fragen der Bestimmung und Gew&#228;hrleistung als Frage von Menschen- oder B&#252;rgerrechten weitgehend aus dem demokratischen Prozess auszublenden und unmittelbar zu Rechtsfragen zu erkl&#228;ren, die man am Besten direkt beim Bundesverfassungsgericht einklagt, ist vor diesem Hintergrund nicht nur falsch, sondern auch alles andere als „republikanisch“. Anstatt in der demokratischen Auseinandersetzung zu streiten, werden so letztlich Gr&#252;nde und Argumente verweigert.</p>
<h4>5. Zweierlei Ausschluss</h4>
<p>Wenn wir nun fragen, welche Politiken, welche Strategien, und auch: welche Erz&#228;hlungen, notwendig sind, um den Menschen die reale Teilhabe an den &#246;ffentlichen G&#252;ter zu gew&#228;hrleisten, ist unabdingbar, die konkrete soziale Situation der Menschen genauer zu betrachten. Konzepte und Strategien, die sich f&#252;r die objektiven Lagen und die subjektiven Begehren der Menschen, auf die sie zielen, nicht interessieren, k&#246;nnen nicht gelingen. Mehr noch: Sie richten sich gegen die Individuen, in deren Namen gesprochen wird. In den letzten Jahren hatten wir eine Vielzahl von Studien und Analysen, die sich mit den sozialen Lagen und der sozialen Entwicklung in der bundesrepublikanischen Gesellschaft befasst haben. Und auch wenn viele Daten noch fehlen und viele damit verbundene Interpretationen unhaltbar sind, so haben wir doch eine Grundlage, um genauere Aussagen zu treffen, wie soziale Ausschluss in verschiedenen Teilen der Gesellschaft funktioniert. Die Rede von der „sozialen Frage“, von „Exklusion“ und „Armut“ wird in der politischen Debatte nach wie vor sehr pauschal und eigentlich ohne echtes Interesse f&#252;r die Betroffenen gef&#252;hrt wird. Aus Subjekten werden so Objekte gemacht, die ohne Blick auf die Welt in die falsch gestanzten Schablonen gezw&#228;ngt werden.<br />
F&#252;r eine Strategie der „&#246;ffentlichen G&#252;ter“ wie auch einer darauf aufbauenden „Grundsicherung“ kommt es mindestens darauf an, zwei sehr grundlegende Mechanismen von Exklusion und damit zwei sehr unterschiedliche Gruppen zu unterscheiden. Auf der einen Seite gibt es eine wachsende Zahl an „Armutskarrieren“, in denen sich Bildungs- und Einkommensarmut von Generation zu Generation vererbt. F&#252;r diese Gruppe – abgekoppelt von Bildung und Mobilit&#228;t – beruht die Exklusion auf einer strukturellen Unterprivilegierung, die dann paternalistisch mit den Begriff „Unterschicht“ oder gar „Unterklasse“ belegt wird. Auf der anderen Seite gibt es eine wachsende Zahl von Menschen, die gut gebildet und hoch mobil sind, aber gleichwohl – oder gerade deshalb &#8211; mit einer hohen sozialen „Prekarit&#228;t“ konfrontiert sind. Einkommensphasen wechseln hier mit Arbeitslosigkeit, auf das Gro&#223;projekt folgt der Taxi-Job und viele finden nie den Ausweg aus der Praktikums-Falle. (Hinzu kommt die Angst derer, die gar nicht ausgeschlossen sind, sich jedoch von Ausschluss bedroht f&#252;hlen.) Dahinter stehen v&#246;llig andere Situationen und andere Milieus.<br />
Nat&#252;rlich gibt es zwischen diesen beiden sozialen Lagen zahlreiche Mischformen und es gibt weitere Faktoren, wie beispielsweise Alleinerziehungsverantwortung, Pflegeverantwortung, Alter, Sprachschwierigkeiten, Behinderung oder Krankheit, die in Kombination mit anderen Faktoren zu Mechanismen des sozialen Ausschlusses f&#252;hren k&#246;nnen. Gleichwohl ist es wichtig festzuhalten, dass es zwischen einem stabilen Ausschluss auf Grund von Armutsvererbung und Bildungsarmut und einem prek&#228;ren Ausschluss trotz hoher Mobilit&#228;t und guter Bildung erhebliche Unterschiede gibt.<br />
Eine Politik, die sich um die grundlegenden Unterschiede dieser Exklusions-Lagen nicht schert, die zu dieser Differenzierung nicht in der Lage ist, wird keinem helfen. Weder den „H&#228;ngengebliebenen“ noch den „Prek&#228;ren“. Mehr noch: Sie ist letztlich zur Klientelpolitik verdammt. Denn wer beispielsweise unterstellt, die sozialen Probleme des mobilen, gebildeten Prekariats (etwa aus gr&#252;nen Milieus) seien auf alle verallgemeinerbar, macht am Ende eben doch nur Politik f&#252;r die eigene Klientel. Das gilt auch umgekehrt: Wer so tut, als w&#228;re die einzige soziale Gef&#228;hrdungslage in der sog. klassischen „Unterschicht“ zu finden (wie das etwa in der Linkpartei und Teilen der SPD unterstellt wird), der interessiert sich offenkundig auch nur f&#252;r soziale Fragen des eigenen Milieus. Von einer Politik der Gerechtigkeit kann jedoch nur die Rede sein, wenn sie  &#8211; unabh&#228;ngig von der eigenen Parteiklientel &#8211; die Kraft zur Parteinahme f&#252;r Schw&#228;chere aufbringt, ganz gleich in welchen Milieus sie sich finden lassen.</p>
<h4>6. Institutionelle und individuelle Transfers</h4>
<p>Verfolgt man nun die Konsequenzen einer solchen Unterscheidung von Lebenslagen weiter, so st&#246;&#223;t man auf eine weitere Unterscheidung &#246;ffentlicher G&#252;ter. Es wird deutlich, dass sich bestimmte &#246;ffentliche G&#252;ter nur in einem gesellschaftlich koordinierten, solidarischen Akt f&#252;r alle generieren lassen, w&#228;hrend andere durch einzelne Privatanbieter f&#252;r alle generierbar sind. Trinkwasser ist eine lebensnotwendige Ressource, die aber in der Bundesrepublik momentan auch &#252;ber Privatanbieter f&#252;r alle erwerblich ist. (Das ist in anderen Regionen der Welt ganz anders, und auch hier sieht man wieder die Situiertheit eines &#214;ffentlichen Guts und ihre Konsequenzen f&#252;r die Gew&#228;hrleistung). Bildung hingegen ist ein Gut, das f&#252;r alle nur &#252;ber den Zugang zu einer koordinierten Bildungsinstitution generiert werden kann. Zwar k&#246;nnen sich nat&#252;rlich die Reichen und Wohlhabenden zusammentun, und sich ihre eigene Bildungseinrichtung schaffen. Als &#246;ffentliche Institution, in denen ein &#246;ffentliches Gut allen zur Verf&#252;gung steht, ist dies aber allein &#252;ber eine individuelle, monet&#228;re Koordination nicht m&#246;glich. Hier erfordert es eine andere Art der koordinierten, solidarischen Investition in &#246;ffentliche Institutionen.<br />
Gerade grundlegende ideelle G&#252;ter wie etwa Bildung oder Gesundheit setzen aber h&#228;ufig genau einen solchen institutionellen Akt voraus. (Und es ist zu fragen, in wie weit das auch f&#252;r Institutionen der Arbeit gilt). W&#228;hrend es bei der prek&#228;ren Mittelschicht eher darum geht, die bereits erreichten institutionellen Vorteile in eine entsprechende Lebenspraxis umzusetzen, ist mit Blick auf die soziale Exklusion der bildungsarmen, stetig Ausgeschlossenen genau ein Ausschluss von jenen G&#252;tern festzustellen, die nur &#252;ber eine Politik der Institutionen zu gew&#228;hrleisten sind. Ohne ein Bewusstsein f&#252;r diese Institutionen bleibt Freiheit f&#252;r diese Menschen ein leeres Versprechen, denn es fehlt die gute Schule auf die man auch gehen kann, der Arzt, der einen auch versorgt, und das Arbeitsamt, das auch wirklich unterst&#252;tzt.<br />
Hierin liegt die tiefe gerechtigkeitspolitische Bedeutung der Parole „Institution Matters!“. Gesellschaftliche Solidarit&#228;t zeigt sich im Umgang mit den Institutionen, auf die die Menschen angewiesen sind, um an &#246;ffentlichen G&#252;tern teil zu haben. &#214;ffentliche Institutionen sind wichtig.<br />
Auch aus diesem Pl&#228;doyer f&#252;r &#246;ffentliche, allgemein zug&#228;ngliche Institutionen folgt nicht zwingend eine rein hoheitliche Handlungsform, da die Gew&#228;hrleistung unter Umst&#228;nden auch &#252;ber private Tr&#228;ger gesteuert werden kann. &#214;ffentliche Institutionen m&#252;ssen nicht zwingend staatlich sein. Es erfordert jedoch die staatliche Gew&#228;hrleistung dieser Institutionen, ihrer Qualit&#228;t, entsprechender Zugangsrechte, wie auch ihrer finanziellen Absicherung. Da hier also in jedem Fall eine gro&#223;e staatliche Koordinierungsleistung gefordert ist, ist der hoheitliche Anteil bei der Gew&#228;hrleistung solcher Institutionen in jedem Fall gro&#223;, selbst wenn der Tr&#228;ger ein Privater sein sollte oder die Binnensteuerung modernen Management-Ans&#228;tzen folgt.<br />
Gerade in dieser Hinsicht ist das skandinavische Modell mit seinem Arrangement von &#246;ffentlichem Dienstleistungssektor und Steuerpolitik hoch interessant. So sind qualitative Dienstleistungen in Bereichen wie Bildung oder Gesundheit f&#252;r alle zug&#228;nglich, und nicht nur f&#252;r die, die sich&#8217;s leisten k&#246;nnen. Wenn Steuereinnahmen in Dienstleistungen wie Bildung oder Betreuung „ausgezahlt“ werden, hei&#223;t das aber auch, dass es weniger Bares gibt, solange kein Bedarf festgestellt ist. Die Statussicherung nimmt also ab, die soziale Grundsicherung zu.<br />
Aus dem ideellen Zentrum von Gerechtigkeit und Selbstbestimmung ergibt sich also vor dem Hintergrund der beschriebenen sozialen Realit&#228;t die Dringlichkeit institutioneller Investitionen als kollektiver Akt der Gew&#228;hrleistung grundlegender, &#246;ffentlicher G&#252;ter. Das muss zum Bestandteil der „gr&#252;nen Erz&#228;hlung“ werden, wenn diese sich nicht nur an das eigene Milieu adressieren, sondern zum Anwalt der sozial Schw&#228;cheren werden will. Gerade als Partei der einkommensstarken und gebildeten Mittelschicht k&#246;nnen die Gr&#252;nen die Kraft zu diesem Akt der Solidarit&#228;t aufbringen.</p>
<h4>7. &#214;ffentliche G&#252;ter und Grundsicherungs-Modelle</h4>
<p>Geht man nun einen Schritt weiter und fragt nach der Bedeutung der bisherigen Erz&#228;hlung f&#252;r die aktuelle Debatte um Grundsicherung bzw. Grundeinkommen, so st&#246;&#223;t man auf ein weites Feld von Anschlussfragen. In jedem Fall folgt aus den bisherigen &#220;berlegungen nicht, dass &#220;berlegungen der Grundsicherung im Sinne von neuen Arrangements des individuellen Transfers falsch sind. Es verbietet sich jedoch zumindest eine Vereinseitigung von Reformans&#228;tzen zugunsten von Formen des Individualtransfers. L&#228;sst man sich auf einen Abw&#228;gungsprozess hinsichtlich der Mittelverteilung unter Bedingungen limitierter Ressourcen ein, hinter dem einschl&#228;gige Milieuinteressenstehen, so kommt es am Ende wohl darauf an, wie viel an Gew&#228;hrleistung &#252;ber individuellen Transfer m&#246;glich ist, nach dem die grundlegenden institutionellen Gew&#228;hrleistungen erfolgt sind.<br />
Wer sich dieser Abw&#228;gung verweigert und sie als „zu wenig radikal“ zur&#252;ckweist hat nicht verstanden was „Radikalit&#228;t“ in Moral und Politik sinnvoller Weise bedeuten muss: Sich unter Bedingungen beschr&#228;nkter Ressourcen zu entscheiden. Unter den irrealen Bedingungen unbeschr&#228;nkter Ressourcen br&#228;uchte es vermutlich weder der Politik, noch des Rechts, vielleicht sogar nicht einmal der Moral. Radikalit&#228;t aber, die in diesem irrealen Raum verharrt, die nicht von dieser Welt ist, bleibt entweder auf dem Papier oder richtet sich im Moment ihrer Realisierung gegen die Subjekte der vermeintlichen F&#252;rsorge.<br />
Es sind grunds&#228;tzliche, idealistische Gr&#252;nde, die eine Aussage verlangen, was man in Folge einer Entscheidung bereit ist, an anderer Stelle zu unterlassen. Diese Abw&#228;gung und damit auch die Benennung von Zahlen ist deshalb nicht nur Beiwerk, sondern steht mit im Zentrum der politisch-moralischen Legitimation. Und die Zahlen, die wir bei aller Varianz bislang kennen, machen den Grundeinkommens-Enthusiasmus einiger mit Blick auf die erforderliche Abw&#228;gung von individuellen und institutionellen Transfers nicht gerade plausibler.</p>
<h4>8. Ende der Erwerbsarbeit?</h4>
<p>Eine These, die den meisten Konzepten eines Grundeinkommens zu Grund liegt, besteht in der Feststellung einer Unm&#246;glichkeit, die strukturelle (Erwerbs-)Arbeitslosigkeit in unserer Gesellschaft nochmals zu &#252;berwinden. In dem Ziel der Vollerwerbs-Gesellschaft liege die eigentliche Realit&#228;tsverweigerung. Zwar k&#246;nne sich die Arbeitslosigkeit je nach Konjunktur und Arbeitsmarkt-Strategien erh&#246;hen oder senken, der Grundtatbestand struktureller Massenarbeitslosigkeit aber bleibe in jedem Fall bestehen.<br />
Es bedarf noch nicht einmal des Blicks in andere L&#228;nder, um zu erkennen, dass diese Hypothese falsch ist. (Die Erwerbsquote in anderen europ&#228;ischen L&#228;ndern ist wesentlich h&#246;her als bei uns). Schon eine noch abstrakte arbeitmarktpolitische &#220;berlegung zeigt, dass die M&#246;glichkeit einer gravierenden Senkung der Arbeitslosigkeit etwa durchaus m&#246;glich ist, wenn man bereit ist, einen entsprechenden Preis daf&#252;r zu bezahlen: Billigl&#246;hne, Working-Poor, tiefe Einschnitte in das Sozialsystem und rigide Kontrolle. Die Frage lautet also nicht, ob sich strukturelle Arbeitslosigkeit &#252;berwinden l&#228;sst oder nicht, sondern ob sie sich auf eine Art und Weise &#252;berwinden l&#228;sst, die mit unseren starken Vorstellungen von Selbstbestimmung und Gerechtigkeit vereinbar ist.<br />
Dabei ist zudem zu ber&#252;cksichtigen, dass das Potential an gesellschaftlich sinnvoller Arbeit mit dem Anwachsen der gesellschaftlichen Herausforderungen und Probleme gerade rapide im Bewusstsein steigt. Die Frage, unter welchen Bedingungen wir leben wollen und welche gesellschaftlichen Herausforderungen wir damit verbinden, muss mit der Arbeitsfrage verkoppelt werden. Dabei geht es nicht darum, der Wirtschaft genaue Wachstumsbereiche „vorzugeben“. Wo genau wirtschaftliche Entwicklung stattfindet, entscheidet sich immer auch im wirtschaftlichen Wettbewerb. Es geht aber sehr wohl darum, die gesellschaftlichen Anforderungen an den Arbeitsbedarf der Zukunft zu beschreiben, ja &#252;berhaupt erst zu entdecken, und so &#252;ber die Richtung der staatlichen Unterst&#252;tzung und Flankierung bestimmter Entwicklungen mitzubestimmen. Die Bed&#252;rfnisse einer alternden Gesellschaft, von der Gesundheitspolitik &#252;ber die Pflege bis hin zu einer altersgerechten Kommunalpolitik, markieren ein zentrales Besch&#228;ftigungsfeld der Zukunft. Die erh&#246;hten Bildungsanforderungen einerseits und die gestiegenen Anzahl an Kinderbetreuungsaufgaben andererseits stellen ein zweites entscheidendes Besch&#228;ftigungsfeld dar. Der steigende Druck auf neue Energiequellen, Energieeffizienz und Energieeinsparung f&#252;hren zu einem weiteren Besch&#228;ftigungsfeld, das von gro&#223;er arbeitspolitischer Bedeutung sein wird. Gleiches gilt f&#252;r die L&#246;sung der Mobilit&#228;tsfrage, die ein erhebliches Ma&#223; an Arbeit erfordern wird. Und &#196;hnliches gilt f&#252;r die anderen technologischen Bereiche, in denen Kreativit&#228;t und Innovationsgeist gefragt sind, die sich schlie&#223;lich auch im industriellen Sektor in Form neuer Produkte niederschlagen. Schlie&#223;lich wird bei der Arbeit der Zukunft die Frage des kommunalen Zusammenlebens eine wichtige Rolle spielen, denn hier hat die Gesellschaft ihren konkreten Ort, von der kulturellen und jugendkulturellen Bet&#228;tigung &#252;ber soziale Anlaufstellen bis hin zu Stadtteil- und Infrastruktur-Gestaltung. Neue Besch&#228;ftigungsfelder sind also insbesondere in den Bereichen zu suchen, in denen sich aufgrund ver&#228;nderter gesellschaftlicher Verh&#228;ltnisse neuer Arbeitsbedarf entsteht.<br />
Die Bundesrepublik muss einen qualitativ hochwertigen Dienstleistungssektor aufbauen, in der Bildung, der Gesundheit, der Freizeit, der Mobilit&#228;t, der Infrastruktur. Hier liegt die Bundesrepublik im europ&#228;ischen Vergleich 15% zur&#252;ck. Und hier geht es um keine „einfachen“ Dienstleistungen, sondern irgendwie auch um ein gutes Leben, das es ja in Wahrheit nur im Plural gibt. Es geht um Wissen, um Kommunikation, um Kinder und Alte, also um uns alle. Die L&#228;nder, in denen die Besch&#228;ftigungsquoten erheblich h&#246;her liegen als in Deutschland haben ihre Erfolge insbesondere in diesen Bereichen erzielt, die dem internationalen Wettbewerb weniger ausgesetzt sind. Dazu geh&#246;ren das Gesundheitswesen einschlie&#223;lich der Pflege- und Betreuungsdienste, Bildung und Weiterbildung, Unterhaltung, Freizeit, Sport und Tourismus, Instandhaltung und Instandsetzung, Einzelhandel, Restaurants, Hotels, und so fort. Im Wesentlichen geht es hier also um personenbezogene, soziale Dienstleistungen, die lokal konsumiert und lokal erbracht werden. In den besch&#228;ftigungspolitisch besonders erfolgreichen L&#228;ndern verdankt dieser Bereich sein dynamisches Wachstum zudem der Transformation unbezahlter Haus- und Familienarbeit in bezahlte Erwerbsarbeit. Sie erm&#246;glicht hoch qualifizierten Frauen die Verbindung von Mutterschaft und anspruchsvoller Berufst&#228;tigkeit und erzeugt zugleich die Nachfrage nach Dienstleistungen zu ihrer Entlastung und Unterst&#252;tzung.<br />
Hinzu kommt, dass wir mit Blick auf die globale Transformation der &#214;konomie m&#246;glicherweise vor einer gewissen Renaissance des produktiven Sektors in der Bundesrepublik stehen. So richtig die These von der wachsenden Bedeutung von Wissen und auch Kultur in modernen Gesellschaften ist, so richtig ist auch, dass die Vorstellung einer arbeitsteiligen Welt, in der die einen f&#252;r das Wissen und die anderen f&#252;r das Produzieren zust&#228;ndig sind, auf Dauer nicht funktionieren wird. Der Leitgedanke „Je billiger andere sind, desto besser m&#252;ssen wir sein“ (Horst K&#246;hler), klingt vielleicht beim ersten h&#246;ren gut, ist aber faktisch wie normativ grob irref&#252;hrend. Denn zum einen holen die Schwellen-L&#228;nder, die am Anfang nur Produktionsst&#228;dte und verl&#228;ngerte Werkbank waren, nach und nach das Wissen und das Knowhow nach, wie wir an China oder Indien beobachten k&#246;nnen. Und zum anderen sollten wir diesen Prozess begr&#252;&#223;en und mit unterst&#252;tzen. Alles andere w&#228;re paternalistisch und arrogant. Insofern kommt es f&#252;r unsere Gesellschaft darauf an, das Wissens- und Kulturparadigma mit dem Gedanken eines nachhaltigen, &#246;kologisch und sozial ausgerichteten Produktivsektors neu zu verbinden. (Die Frage der Verg&#252;tung &#252;ber den ersten Arbeitsmarkt stellt sich f&#252;r den Dienstleistungsektor freilich anders als f&#252;r den Produktivsektor und darin liegt ein Grund des skandinavischen Modells, den Bereich qualitativer Dienstleistungen st&#228;rker als steuerfinanzierten oder zumindest mischfinanzierten &#246;ffentlichen Sektor zu fassen.)<br />
In unserer Gesellschaft gibt es viel zu tun und damit ohne Zweifel auch viel Arbeit. Was bleibt, ist die Frage nach der Entlohnung dieser Arbeit und damit nach dem Zusammenhang von Erwerbsarbeit und Anerkennung.</p>
<h4>9. Arbeit und Anerkennung</h4>
<p>Hinsichtlich des Zusammenhangs von Erwerbsarbeit und Anerkennung enthalten die Konzepte des Grundeinkommens ebenfalls eine starke These, n&#228;mlich, dass es den Konnex zwischen Arbeitleistung und finanzieller Entlohnung zu durchbrechen gelte. Kritisiert und attackiert wird eine vermeintlich &#252;berholte Arbeitskultur, in der Einkommen f&#228;lschlicher Weise an Arbeit gekoppelt w&#252;rde. Einkommen w&#252;rde man aber nicht „verdienen“, sondern sei – unabh&#228;ngig von der Arbeitsleistung &#8211; ein „B&#252;rgerrecht“.<br />
Nun l&#228;sst sich in der Tat beobachten, dass sich in bestimmten Milieus der soziokulturellen Mittelschicht der Wunsch nach Annerkennung von Arbeit ein St&#252;ck weit von der Frage der finanziellen Entlohnung entkoppelt hat. Insofern ist es konsequent, dass der Umfang an ehrenamtlicher T&#228;tigkeit in bestimmten Bereichen zugenommen hat. Ebenso unbestreitbar ist aber, dass die Frage der Entlohnung von T&#228;tigkeit nach wie vor tief in die soziale Grammatik von Anerkennung in unserer Gesellschaft eingeschrieben ist. (Gerade im Bereich der Erziehungs- und Familienarbeit, die bislang einseitig zu Lasten der Frauen „ehrenamtlich“ abgewickelt wurde, zeigt sich dieser Konnex zwischen Entlohnung und Anerkennung.) Die Vorstellung diesen Anspruch auf Anerkennung &#252;ber Entlohnung &#8211; sozusagen ex machina &#8211; als kulturellen Irrweg zu brandmarken und au&#223;er Kraft zu setzen, d&#252;rfte nicht nur praktisch unm&#246;glich sein, sondern hei&#223;t auch, die faktischen Anspr&#252;che von Individuen auf Anerkennung zu verweigern.<br />
In diesem Zusammenhang gilt es auch nochmals zu bedenken, worin eigentlich genau die „Anerkennungsleistung“ einer Entlohnung in Geld besteht. Bei aller berechtigten Kritik an der Verselbstst&#228;ndigung von Geld als Fetisch und Selbstzweck im Sp&#228;tkapitalismus, darf nicht &#252;bersehen werden, dass Geld in vielerlei Hinsicht eine Grundvoraussetzung ist, um abstrakte Freiheitsoptionen auch tats&#228;chlich realisieren zu k&#246;nnen, ob es sich dabei um Mobilit&#228;t, kulturelle Zug&#228;nge oder anderes handelt. Diese sehr fundamentale Funktion von Einkommen und Verm&#246;gen pauschal als „oberfl&#228;chlich“ oder „konsumistisch“ zu gei&#223;eln, kann vermutlich nur Milieus einfallen, die so saturiert sind, dass sie die materiellen Grundlagen des eigenen Postmaterialismus aus dem Blick verloren haben.<br />
Auch gibt es einen erkl&#228;rungsbed&#252;rftigen, aber sinnvollen Konnex zwischen Anerkennung durch Entlohnung und Leistung, selbst wenn man die ebenfalls notwendige Frage nach dem Zusammenhang zwischen Leistungsanreizen und Wertsch&#246;pfung noch au&#223;er Acht l&#228;sst. Das Prinzip der Leistungsgerechtigkeit ist in unserer Gesellschaft zweifelsohne verankert. Wer mehr arbeitet, mehr Verantwortung &#252;bernimmt, ein h&#246;heres Risiko eingeht, sich gr&#246;&#223;ere Anstrengungen aufl&#228;dt oder schwierigere Aufgaben &#252;bernimmt soll daf&#252;r belohnt werden. Anstatt also den Begriff der Leistung unter Anerkennungs-Gesichtspunkten einfach zu negieren, k&#228;me es vielmehr darauf an, darauf hin zu weisen wie der Begriff der „Leistungsgerechtigkeit“ im neoliberalen Raum pervertiert wird. Ein ad&#228;quat interpretiertes Prinzip der Leistungsgerechtigkeit ist f&#252;r eine Politik der Gerechtigkeit notwendig, es bestehen aber starke Zweifel, dass ein solches derzeit ann&#228;herungsweise realisiert ist. Unabl&#228;ssig wird dieses Ideal in der derzeitigen Reformdebatte ins Feld gef&#252;hrt. Behauptet wird, die Ausgeschlossenen wollten nicht arbeiten und in Deutschland lohne sich Leistung nicht mehr. Fakt ist aber, dass in Deutschland das Leistungsverst&#228;ndnis im Wandel begriffen ist. W&#228;hrend fr&#252;her die eigene Anstrengung als Indikator f&#252;r Leistung betrachtet wurde, scheint heute &#252;berwiegend ein Leistungsbegriff zu gelten, der nur noch auf den Erfolg schaut, also in der Regel auf den finanziellen Output. Das blo&#223;e Einstreichen hoher Gewinne scheint selbst dann eine gro&#223;e &#8220;Leistung&#8221;, so k&#246;nnte man meinen, wenn jemand gar nicht arbeitet.<br />
Ob es den sogenannten „Fahrstuhleffekt“ noch gibt, bei dem alle nach oben fahren, egal von welchem Niveau aus, scheint mehr als fragw&#252;rdig. Es gibt mehr als ein Anzeichen daf&#252;r, dass wir in einer Zeit leistungsloser Radikal&#252;bersch&#252;sse f&#252;r ein Milieu von Globalisierungs- und Modernisierungsgewinnern leben, denen reale oder drohende Modernisierungsverluste im unteren Drittel der Gesellschaft gegen&#252;berstehen. W&#228;hrend etwa vom Sozialhilfeempf&#228;nger mit moralischer Emphase eine gemeinn&#252;tzige „Gegenleistung“ f&#252;r seine nackte Existenzsicherung eingeklagt wird, lebt die Erbengeneration auf der gesicherten Grundlage von Verm&#246;gensertr&#228;gen – und damit bestenfalls von der Leistung ihrer Vorfahren. Eine &#8211; man ist versucht zu sagen „neofeudale“ &#8211; Oberschicht entsteht, in der man niemals Begriffe wie „Zumutbarkeitsgrenze“ oder „Anrechnung des Partnereinkommens“ h&#246;ren wird. Das Problem besteht nicht in der nat&#252;rlichen Ungleichheit der Talente und Energien, die die Einzelnen voneinander unterscheiden, sondern in der gravierenden, v&#246;llig leistungsentkoppelten Ungleichheit der &#246;konomischen und gesellschaftlichen Teilhabe.</p>
<h4>10. Erwerbsarbeit und Wertsch&#246;pfung</h4>
<p>Hinzu kommt die volkswirtschaftliche Frage nach dem Zusammenhang von entlohnungsgesteuerten Leistungsanreizen und Wertsch&#246;pfung. Von Vertretern des Grundeinkommens wird der Konnex zwischen Wettbewerb durch Entlohnungsanreize und marktwirtschaftlicher Wertsch&#246;pfung tendenziell bestritten. W&#228;hrend es in fr&#252;heren Grundeinkommens-Philosophien eher die fortschreitenden Rationalisierung war, also die Ersetzung von Menschenarbeit durch Maschinenarbeit, die zu der Annahme vom Ende des Zusammenhangs zwischen Erwerbsarbeit und Wertsch&#246;pfung f&#252;hrte, so sind es heute eher die wachsenden Kapitalertr&#228;ge und die entsprechenden Verm&#246;gensanh&#228;ufungen, die zu dieser Hypothese f&#252;hren. Auch hierin liegt jedoch ein Kurzschluss: So unhinnehmbar die massive Akkumulation von Kapitalverm&#246;gen ist, so falsch ist die Annahme, dass in der Anh&#228;ufung von Verm&#246;gen &#252;ber Kapitalertr&#228;ge bereits ein Beitrag zur Wertsch&#246;pfung liege. Im Gegenteil: Nur durch einen st&#228;rkeren steuerlichen Zugriff auf Kapitalertr&#228;ge (insbesondere durch das an anderer Stelle ausgef&#252;hrte Modell einer Einkommenssteuer-Reform) ist jene Quersubventionierung von Arbeit und Arbeitsleistung m&#246;glich, die wir dringend f&#252;r die Erzeugung von gesellschaftlichem Mehrwert brauchen.<br />
Die Annahme, dass die Generierung von allgemeinem Wohlstand auf die dynamisierende Wirkung einer Anreizstruktur &#252;ber Erwerbsarbeit verzichten k&#246;nnte, ist unhaltbar. (Ein interessantes Anschauungsfeld ist in diesem Zusammenhang die Relation von Schwarzarbeit und Entlohnungsstruktur). Das Wettbewerbs-Moment &#252;ber angemessene Entlohnung tr&#228;gt zu einer Wertsch&#246;pfungs-Dynamik bei, die bei einer entsprechenden Einhegung auch den Schw&#228;chsten in der Gesellschaft zu Gute kommt. Genau darin liegt der gerechtigkeitstheoretische Grund etwa bei Rawls, selbst ohne eine ausgepr&#228;gte Idee von Leistungsgerechtigkeit gewisse Ungleichheiten in der Verteilung zu akzeptieren, n&#228;mlich dann, wenn auch die sozial Schw&#228;cheren profitieren.</p>
<h4>11. Finanzierung und Finanzierungszwecke</h4>
<p>Wenn die These stimmt, dass es in der Politik darauf ankommt, unter Bedingungen limitierter Ressourcen gerechtigkeitsorientierte Entscheidungen &#252;ber den Einsatz von Mitteln zu treffen, dann ist die Finanzierungsfrage – mit all den beschriebenen Effekten f&#252;r Wertsch&#246;pfung und Verteilung – mehr als ein technisches Problem. Die Finanzierungsfrage steht mit im Kern einer politischen Strategie, die sich f&#252;r Schwerpunkte und Akzente bewusst entscheidet. Mit Blick auf die verschiedenen Modelle der Grundsicherung geht es dabei unter anderem um eine Anordnung von individuellen und institutionellen Transfers.<br />
In der Debatte zu Grundeinkommensmodellen gibt es hinsichtlich der Finanzierungsfrage viele verschiedene Auffassungen, Herangehensweisen und Ergebnisse. Unterschiedliche Sichtweisen und mitunter auch gro&#223;e Unklarheiten gibt es hinsichtlich der H&#246;he eines Grundeinkommens, hinsichtlich der Finanzierungsmodelle und der steuerpolitischen Ausgestaltung (Einkommens- und/oder Verbrauchsbesteuerung), hinsichtlich einer evtl. Erg&#228;nzung um bedarfsorientierte Elemente, wie auch hinsichtlich einer Kombination mit Mindestlohn-Modellen.<br />
Unabh&#228;ngig vom gew&#228;hlten Modell l&#228;sst sich in jedem Fall sagen, dass die Umverteilungs-Volumina gigantisch sind. Da die verfassungsrechtlich gesch&#252;tzten Rentenversicherungsanspr&#252;che nicht zur Gegenfinanzierung heranziehbar sind, wird das Umverteilungsvolumen selbst f&#252;r ein eher bescheidenes Niveau von monatlich 800 Euro auf mindestens 200 Mrd. Euro pro Jahr gesch&#228;tzt. Die meisten Vorschl&#228;ge liegen weit dar&#252;ber. Betrachtet man die dazu geh&#246;rigen Finanzierungsvorschl&#228;ge, so wird schnell deutlich, dass diese gerade mit Blick auf die verfolgte Intention von mehr Inklusion und mehr Autonomie h&#246;chst problematisch sind.<br />
Ein Vorschlag besteht in einer Finanzierung &#252;ber die Mehrwertsteuer. Dabei ist von einem Mehrwertsteuersatz von mehr als 40 % die Rede (G&#246;tz Werner u.a.). Dieser Finanzierungsvorschlag richtet sich jedoch gerade gegen diejenigen, die Beg&#252;nstigt werden sollen. Geringeinkommensbezieher haben allemal die Hauptlast h&#246;herer Preise zu tragen. Gewiss lie&#223;en sich Lebensmittel und Mieten weiterhin von der Steuererh&#246;hung ausnehmen. Aber auch Unterhaltungs- und Mobilit&#228;tsg&#252;ter z&#228;hlen zum kulturellen Existenzminimum. Vor dem Hintergrund eines ohnehin sehr bescheidenen Lebensstandards w&#228;re hier eine massive Verteuerung die Konsequenz, auch wenn sich das Einkommen erh&#246;hen w&#252;rde. Zudem w&#228;re die Konsequenz eine massive D&#228;mpfung des Konsums, was den Exklusionsdruck wiederum erh&#246;hen w&#252;rde (Wiesenthal).<br />
Ein anderer Vorschlag setzt zur Finanzierung eines Grundeinkommens auf die Einkommenssteuer, teilweise unter Einbeziehung einer sog. „negativen Einkommenssteuer.“ Dabei scheint bereits &#228;u&#223;erst fragw&#252;rdig, ob eine solche Einkommenssteuer-Reform das notwendige Volumen generieren kann, ohne unter Bedingungen einer globalen Wirtschaft &#246;konomische Effekte zu erzeugen, die selbst starke Idealisten nicht wollen k&#246;nnen.<br />
Hinzu kommt, dass auch einkommenssteuerbasierte Finanzierungsmodelle in der notwendigen Gr&#246;&#223;enordnung unter Gerechtigkeitsgesichtspunkten katastrophale Verteilungs-Effekte gegen die Interessen derer zeitigen k&#246;nnen, die eigentlich entlastet werden sollen. Das zeigt sich etwa mit Blick auf das Grundeinkommens-Modell von Th&#252;ringens Ministerpr&#228;sident Dieter Althaus. Sein Konzept f&#252;r ein &#8220;solidarisches B&#252;rgergeld&#8221; sieht 800 bedingungslose Euro f&#252;r jeden Erwachsenen und 500 Euro f&#252;r jedes Kind vor. Von diesem Geld gehen jeweils 200 Euro als Gesundheitspr&#228;mie ab. Im Gegenzug sollen, mit Ausnahme der Krankenversicherung, alle existierenden Sozialleistungen und Steuervorteile gestrichen werden. Finanzieren will Althaus dieses Modell mit einer „Flat Tax“ von 50 Prozent. Wer mehr als 1.600 Euro verdient, erh&#228;lt die H&#228;lfte des B&#252;rgergeldes, zahlt daf&#252;r einen Steuersatz von nur 25 Prozent. Althaus will also Menschen mit kleinen Einkommen doppelt so stark besteuern wie Besserverdiener. Gleichzeitig entfiele mit der progressiven Einkommensteuer ein zentrales Umverteilungsinstrument. Hinzu kommt, dass die meisten Empf&#228;nger nach dem Althaus-Modell weniger Geld in der Tasche h&#228;tten als heute. Dass das Althaus-Modell den Staat in extreme Finanzn&#246;te bringen w&#252;rde, erkennen auch die Autoren der j&#252;ngsten Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung zum solidarischen B&#252;rgergeld. Sie bescheinigen dem Konzept eine Finanzierungsl&#252;cke von 190 Milliarden Euro. Insgesamt w&#252;rde das solidarische B&#252;rgergeld demnach 740 Milliarden Euro j&#228;hrlich kosten. Dies entspricht knapp einem Drittel der Wirtschaftsleistung Deutschlands. Um diese Summe aufzubringen m&#252;sste der Einkommensteuersatz nicht bei 50 Prozent f&#252;r Geringverdiener und 25 Prozent f&#252;r Besserverdiener liegen, sondern bei 80 und 30 Prozent. In der Welt des solidarischen B&#252;rgergeldes k&#246;nnte ein Geringverdiener von einem Euro Gehalt also gerade 20 Cent behalten (Schneider).<br />
Doch selbst wenn es m&#246;glich w&#228;re, das Umverteilungsvolumen gerecht und ohne ein &#220;berwiegen der negativen volkswirtschaftlichen Effekte aufzubringen, w&#228;re ein bedingungsloses Grundeinkommen (gleich welcher Auspr&#228;gung) in jedem Fall nur m&#246;glich, wenn man die erh&#246;hten steuerlichen Realertr&#228;ge einseitig in das Grundeinkommen investiert. Die notwendige und beschriebene Offensive bei institutionellen Investitionen w&#228;re dadurch verbaut. Das hei&#223;t jedoch, dass ein entscheidendes Moment von Grundsicherung und Teilhabe gekappt wird, mit fatalen Konsequenzen f&#252;r die Ausgeschlossenen aus der sog. „Unterschicht“.<br />
Es besteht kein Zweifel, dass die Bundesrepublik h&#246;here steuerliche Realertr&#228;ge und deshalb eine Reform der Einkommenssteuer ben&#246;tigt. Der Grund f&#252;r die Notwendigkeit h&#246;herer Steuereinnahmen kann jedoch keineswegs nur im Bereich eines anderen Arrangements von individuellen Transfers liegen. Insbesondere geht es um Investitionen in &#246;ffentliche Institutionen und &#246;ffentliche G&#252;ter, aber auch um eine Senkung der Lohnnebenkosten und ein Abschmelzen des Schuldenbergs. Daf&#252;r m&#252;ssen Steuerschlupfl&#246;cher geschlossen, Steuerflucht bek&#228;mpft, aber auch auf intelligente Weise die Steuern erh&#246;ht werden. Notwendig ist ein Steuermodell, durch das wir nicht das Gegenteil von dem bewirken, was wir erreichen wollen, n&#228;mlich h&#246;here Realertr&#228;ge. Deshalb m&#252;ssen wir verhindern, dass h&#246;here Steuern die Steuerflucht dramatisch erh&#246;hen, und dass &#252;ber Steuern der Faktor Arbeit wieder verteuert wird. Hohe Unternehmenssteuern alleine fallen deshalb aus. Schwierig ist auch eine hohe Mehrwertssteuer, denn die belastet die sozial Schw&#228;cheren &#252;berproportional, haut auf die Konjunktur und erfasst vor allem den Dienstleistungsbereich, den wir ja gerade f&#246;rdern wollen. Sinnvoll ist vielmehr die Erh&#246;hung der privaten Einkommenssteuer. Dabei m&#252;ssen – anders als in Skandinavien &#8211; auch die privaten Kapitalertr&#228;ge voll einbezogen werden und nicht nur die gef&#228;hrdeten Arbeitseinkommen. Wenn es stimmt, dass eine Million&#228;rssteuer zwar gut w&#228;re, aber das Volumen alleine nicht bringt, dann muss das Geld auch aus der gehobenen Mittelschicht kommen, bei den gut und besser Verdienenden. Keine solidarische Modernisierung ohne den Beitrag der gehobenen Mittelschicht.<br />
F&#252;r das Ziel von Investitionen in &#246;ffentliche Institutionen und damit in eine sp&#252;rbare qualitative Verbesserung von &#246;ffentlichen Sektoren wie Bildung, Gesundheit, Pflege oder Kinderbetreuung besteht dar&#252;ber hinaus eine gute Aussicht, dass sich die Bereitschaft f&#252;r eine solidarische Finanzierung &#252;ber Steuern auch herstellen l&#228;sst. Wer sieht, wie sich die &#246;ffentliche Infrastruktur verbessert, wie das allgemeine Angebot an guten Schulen, guten Krankenh&#228;usern. und &#246;kologischer Mobilit&#228;t steigt, wird eher zu einer entsprechenden Solidarleistung bereit sein. Auch das zeigen die Erfahrungen aus dem skandinavischen Raum.</p>
<h4>12. B&#252;rokratie und Bedarf</h4>
<p>So richtig die Notwendigkeit von B&#252;rokratieabbau in der Bundesrepublik ist, so richtig ist der Hinweis, dass eine Politik der Gerechtigkeit konkrete Lebenssituationen der B&#252;rgerinnen und B&#252;rger nicht ausblenden darf. Nat&#252;rlich st&#246;&#223;t die Ber&#252;cksichtigung von Bed&#252;rftigkeiten im demokratischen Rechtsstaat an Grenzen, wenn der Verwaltungsapparat nicht zum Kontrollapparat werden soll. Deshalb bedarf es Grenzen und Typisierungen. Genauso klar ist aber, dass etwa Schwerbehinderte mehr Ressourcen ben&#246;tigen als Nichtbehinderte oder Erziehende mehr als Nichterziehende. Wer schon diese Bed&#252;rfnisorientierung des Sozialstaats als „B&#252;rokratie“ gei&#223;elt, hat die Gerechtigkeitsfunktion des Sozialstaats nicht verstanden.<br />
Eine Vereinfachung und Zusammenfassung der zahlreichen und komplexen Zuwendungs-Quellen von Sozialtransfers macht freilich Sinn und w&#228;re ein wichtiger Schritt der Entb&#252;rokratisierung, der im Interesse der Empf&#228;nger liegt. Notwendig ist auch eine Verlagerung der Aufgaben von der fernen B&#252;rokratie einer zentralen Arbeitsagentur auf die &#8211; mit der konkreten Situation vertrauten &#8211; Kommunen vor Ort. Insbesondere aber sollten dort Pauschalierungen bei Sozialtransfers greifen, wo bestimmte Gruppen besonders belastet sind und deshalb dringend Entlastung brauchen. Wer etwa Kinder allein erziehend betreut, sollte ohne die Forderung nach einem Nachweis der Arbeitsbereitschaft unb&#252;rokratisch eine Grundsicherung bekommen.</p>
<h4>13. Grundsicherung und Grundrente</h4>
<p>Die vorgetragenen grundlegenden Einw&#228;nde gegen das Konzept eines bedingungslosen Grundeinkommens – von der Anerkennungsfrage &#252;ber die Wertsch&#246;pfungsdynamik bis hin zur Bedeutung institutioneller Transfers – legen umgekehrt eine Aktualisierung der Debatte um eine Grundrente als Sicherung gegen Alterarmut nahe. Weder verbindet sich die Rente per se mit der Frage der Entlohnung von aktueller Arbeit, noch stellt sich hier die Frage &#246;konomischer Dynamik durch Arbeitsanreize. Gleichzeitig ist das notwendige steuerliche Umverteilungsvolumen zwar betr&#228;chtlich, jedoch vergleichsweise &#252;berschaubar und l&#228;sst Raum f&#252;r die notwendige Politik institutioneller Investitionen. Die Notwendigkeit von Bedingungen hinsichtlich Gegenleistung, Zeit oder Verm&#246;genshintergrund k&#246;nnten damit entfallen. Klar ist, dass die Umstellung auf eine armutsfeste Grundrente schon alleine auf Grund der Rechtsanspr&#252;che langfristig angelegt sein m&#252;sste. Finanzierbar aber w&#228;re eine Systemumstellung innerhalb des Grundsatzes der Umlagefinanzierung. Die Einnahmen m&#252;ssten in erster Linie durch die vorgeschlagene Reform der Einkommenssteuer sowie durch die Beseitigung indirekter Steuersubventionen gew&#228;hrleistet werden.</p>
<h4>14. Br&#252;cken-Grundsicherung und Bildungs-Grundsicherung</h4>
<p>Eine angemessene Strategie der Grundsicherung muss sich zusammensetzen aus einem Konzept &#246;ffentlicher Institutionen und einem Konzept individueller Transfers. Auch hinsichtlich des Arrangements individueller Transfers besteht trotz aller zu ber&#252;cksichtigenden &#246;konomischen Effekte einer Steuerpolitik, die auf die Erh&#246;hung von Einnahmen zielt, durchaus Gestaltungsspielraum. Dabei handelte es sich dann um ein Element, in einer Grundsicherungsstrategie, die gleicherma&#223;en institutionelle Transfers und eine entsprechende Gew&#228;hrleistung umfasst.<br />
Kaum aufrecht zu erhalten ist vor diesem Hintergrund aber die Idee eines in jeder Hinsicht „bedingungslosen“ Grundeinkommens, die vermutlich nicht nur f&#252;r sich betrachtet an &#246;konomische Grenzen st&#246;&#223;t, sondern in jedem Fall eine gerechtigkeitstheoretisch fatale Vereinseitigung zugunsten des individuellen Transfers und damit gegen die nur institutionell zu gew&#228;hrleistenden Teilhabechancen zahlreicher Menschen in unserer Gesellschaft gerichtet ist.<br />
Nimmt man die drei m&#246;glichen Bedingungen die an ein Grundeinkommen gekn&#252;pft werden k&#246;nnen, n&#228;mlich Gegenleistung, Verm&#246;genshintergrund und Zeit mit den gerechtigkeitsorientierten Erw&#228;gungen und den &#246;konomischen Effekten zusammen, so k&#246;nnte ein sinnvoller Vorschlag f&#252;r eine neue Form des Individualtransfers auf zwei Denkrichtungen basieren.<br />
Ein Ansatz k&#246;nnte darin bestehen, dass der individuelle Sozialtransfer f&#252;r eine begrenzte Zeit (zB. 1 Jahr) und eine begrenzte Anzahl ohne die Erwartung einer Gegenleistung und ohne Bed&#252;rftigkeitsnachweis ausgezahlt wird. Ziel einer solchen befristeten L&#246;sung w&#228;re es, Br&#252;cken zwischen Phasen der Erwerbsarbeit zu bauen, die den unsteten, prek&#228;ren Lebensl&#228;ufen zu mehr Sicherheit und Kontinuit&#228;t verhelfen. T&#228;tigkeiten und Projekte k&#246;nnten auch in Phasen der Erwerbsarbeitlosigkeit ohne den Druck der Arbeitsagentur fortgesetzt werden, soweit es sich dabei um eine begrenzte Zwischenphase handelt. Dieser Vorschlag ginge &#252;ber das jetzige ALG I hinaus, da er nicht nur die Anforderungen absenkt, sondern auch f&#252;r diejenigen gelten w&#252;rde, die in k&#252;rzeren Phasen der Erwerbslosigkeit keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld I haben. (Den Verm&#246;genshintergrund eines Empf&#228;ngers dabei v&#246;llig au&#223;er Acht zu lassen, widerspr&#228;che vermutlich selbst f&#252;r eine befristete L&#246;sung dem Gerechtigkeitsgef&#252;hl der allermeisten, selbst wenn die wohlhabenden Empf&#228;nger mehr einbezahlen, als sie am Ende heraus bekommen. Zudem liegt hierin eine unn&#246;tige steuerpolitische Umw&#228;lzungspumpe, die das Gef&#252;hl von Steuerbelastung erh&#246;ht, ohne den Zweck dieser Belastung plausibel machen zu k&#246;nnen.) In dem Vorschlag einer solchen Br&#252;cken-Grundsicherung w&#228;re der sinnvolle Ansatz von Grundeinkommens-Konzepten aufgehoben, der viel beschworenen Gruppe der Mobilen und Gebildeten mit unsteten Lebensl&#228;ufen und tempor&#228;ren L&#246;chern in der Erwerbsbiographie eine Hilfestellung zu geben. Diese Gruppe k&#246;nnte dann in Phasen ohne Erwerbsarbeit ungehindert von l&#228;stiger B&#252;rokratie ihren kreativen oder auch sozialen T&#228;tigkeiten nachgehen, von denen auch die Gesellschaft als Ganze profitiert. Die zeitliche Befristung w&#252;rde die Auszahlung an einem formalen Kriterium fest machen und damit unb&#252;rokratisch und ohne Paternalismus f&#252;r alle gelten.<br />
Mit Blick auf eine Reform der individuellen Sozialtransfers muss auch die Idee einer Bildungs-Grundsicherung entwickelt und realisiert werden. F&#252;r Phasen der Bildung oder Weiterbildung sollte der Druck von Gegenleistung und komplexen Bed&#252;rftigkeitsnachweisen entfallen. Bildung ist Bedingung genug, um phasenweise ein existenzsicherndes Einkommen zu erhalten. Verbunden werden k&#246;nnte dieser Gedanke mit den &#220;berlegungen zu einem „Bildungsguthaben“, das f&#252;r alle gilt, und sich &#252;ber alle Lebensphasen erstreckt.</p>
<h4>15. Schluss</h4>
<p>Gleichzeitig bleiben nach diesem Konzept ausreichend Ressourcen f&#252;r am Bedarf orientierte Leistungen und f&#252;r eine Institutionenpolitik im Namen der Teilhabechancen einer ganz anderen Gruppe, die sich weder als prek&#228;r noch als unstetig beschreiben l&#228;sst, sondern stabil im Keller sitzt. F&#252;r die Gr&#252;nen muss es in den n&#228;chsten Jahren darum gehen, eine auf reale Teilhabe zielende Politik der &#246;ffentlichen Institutionen zu entwickeln und zu konkretisieren. Hier sind jetzt konkrete Konzepte und konkrete Antworten gefragt, von der Schulreform &#252;ber die Reform des Gesundheitswesens bis hin zu einer Reform der Institutionen des Arbeitsmarkts. Emanzipation ist gerade mit Blick auf diese Gruppe ohne ein Bewusstsein f&#252;r die freiheitserm&#246;glichende Kraft von Institutionen nicht m&#246;glich. Wer Freiheit ins rein „Private“ verdr&#228;ngt verkennt die emanzipatorische Bedeutung des &#246;ffentlichen Raums. Wer Freiheit von Formen kollektiver Solidarit&#228;t isoliert, verneint sie im Ergebnis. Freiheit misst sich f&#252;r die Menschen nicht nur am privaten Transfer, sie misst sich auch an der M&#246;glichkeit, eine gute Schule zu besuchen, im Krankheitsfall Zugang zu einem guten Krankenhaus zu haben und im Falle der Arbeitslosigkeit an der Wiedererlangung von akzeptabler Arbeit. Sie bemisst sich an der M&#246;glichkeit von Mobilit&#228;t in einer &#246;ffentlichen Infrastruktur und am Zugang zu den Institutionen des kulturellen Lebens. Deshalb handelt es sich bei individuellen Transfers und institutionellen Transfers um zwei Seiten der gleichen Medaille: der Erm&#246;glichung von gelebter Freiheit und Selbstbestimmung f&#252;r alle.</p>
<p><small>Berlin, 16. April 2007 – Peter Siller</small></p>
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		<title>Welche Wege zur Aktivierung der Menschen?</title>
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		<pubDate>Mon, 02 Apr 2007 22:10:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Daniel Mouratidis (Landesvorsitzender, KV Rems-Murr)</dc:creator>
				<category><![CDATA[01 Grundsatzfragen]]></category>
		<category><![CDATA[Bildung & Teilhabe]]></category>
		<category><![CDATA[Statement]]></category>

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		<description><![CDATA[Eines der zentralen Argumente der Bef&#252;rworter des bedingungslosen Grundeinkommens besteht in der Annahme, dass die Menschen trotz eines Grundeinkommens weiterhin einer Arbeit, einer sinnvollen Besch&#228;ftigung nachgehen werden. Nicht umsonst ist G&#246;tz Werners bekanntestes Argument, dass keiner seiner Zuh&#246;rerInnen nach der Einf&#252;hrung eines Grundeinkommens mit dem Arbeiten aufh&#246;ren w&#252;rde. Gemeinhin ist damit verbunden, dass ein bedingungsloses [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Eines der zentralen Argumente der Bef&#252;rworter des bedingungslosen Grundeinkommens besteht in der Annahme, dass die Menschen trotz eines Grundeinkommens weiterhin einer Arbeit, einer sinnvollen Besch&#228;ftigung nachgehen werden. Nicht umsonst ist G&#246;tz Werners bekanntestes Argument, dass keiner seiner Zuh&#246;rerInnen nach der Einf&#252;hrung eines Grundeinkommens mit dem Arbeiten aufh&#246;ren w&#252;rde. Gemeinhin ist damit verbunden, dass ein bedingungsloses Grundeinkommen die Menschen zu neuen Entfaltungsm&#246;glichkeiten treibt. </p>
<p>In der Forschung zu Sozialkapital und b&#252;rgerschaftlichem Engagement ist eine Erkenntnis mittlerweile gesichert: Es ist eine Frage des Lebensstils und des Bildungsgrads, ob die Menschen sich freiwillig engagieren, ob sie in der Lage sind, aus eigenem Antrieb aktiv zu werden. Die individuelle finanzielle Ausstattung des Einzelnen ist in diesem Zusammenhang nebens&#228;chlich. Veranschaulicht bedeutet das: Der gut verdienende oder arbeitslose Akademiker des Bildungsb&#252;rgertums engagiert sich im Schnitt &#246;fter freiwillig und ist eher bei Werners Veranstaltungen als der gut verdienende Daimler-Facharbeiter oder gar dem perspektivlosen Arbeitslosen mit Hauptschulabschluss.  </p>
<p>Da stellt sich die Frage: Ben&#246;tigen wir angesichts dieser Ergebnisse und einem beschr&#228;nktem finanziellen Rahmen zur Aktivierung der Menschen nicht zuerst erhebliche Anstrengungen beispielsweise der Chancengerechtigkeit in der Bildungspolitik einen, besser drei Schritte n&#228;her zu kommen? Oder ist es besser, der Werner&#8217;schen Denkweise zu vertrauen, nachdem die Aktivierung durch die Gew&#228;hrleistung eines Grundeinkommens erfolgt? </p>
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		<title>Menschenbilder</title>
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		<pubDate>Wed, 14 Mar 2007 10:57:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Till Westermayer (Administration, KV Breisgau-Hochschwarzwald)</dc:creator>
				<category><![CDATA[01 Grundsatzfragen]]></category>
		<category><![CDATA[Modelle & Philosophien]]></category>
		<category><![CDATA[Statement]]></category>

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		<description><![CDATA[Ein im Zusammenhang mit der Grundeinkommensdebatte immer wieder angesprochenes Thema (z.B. hier, hier, hier oder in den Leserbriefen der taz (unten in der Liste)) sind unterschiedliche Menschenbilder, die hinter Vorstellungen davon stecken, was f&#252;r Konsequenzen ein Grundeinkommen haben w&#252;rde. Ist &#8220;der Mensch&#8221; faul und arbeitet nur unter Zwang (bzw. gegen viel Geld)? Oder will &#8220;er&#8221; [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ein im Zusammenhang mit der Grundeinkommensdebatte immer wieder angesprochenes Thema (z.B. <a href="http://www.grundsicherung-bw.de/2007/02/10/menschen-aktivieren/">hier</a>, <a href="http://www.grundsicherung-bw.de/2007/02/10/dahinter-stehen-menschenbilder/">hier</a>, <a href="http://www.grundsicherung-bw.de/2007/03/07/gluecklich-und-zufrieden">hier</a> oder in den Leserbriefen der <a href="http://www.taz.de/pt/2007/03/14.1/ressort.q,TAZ.re,me">taz (unten in der Liste)</a>) sind unterschiedliche <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Menschenbild">Menschenbilder</a>, die hinter Vorstellungen davon stecken, was f&#252;r Konsequenzen ein Grundeinkommen haben w&#252;rde. Ist &#8220;der Mensch&#8221; faul und arbeitet nur unter Zwang (bzw. gegen viel Geld)? Oder will &#8220;er&#8221; t&#228;tig sein und braucht die damit verbundene Anerkennung? </p>
<p>Eine interessante Wendung nimmt diese Diskussion, wenn eine Idee aus der Organisations- und Personalentwicklung (oder auch aus der Literatur, Albert hatte hier &#8220;Andorra&#8221; von Frisch angesprochen) hinzugenommen wird: <a href="http://www.bgf-berlin.de/Download/DP%2005-0102.pdf">Menschen verhalten sich so, wie sie behandelt werden</a>. D.h. wenn (in einer Firma) davon ausgegangen wird, dass Menschen nur unter Kontrolle und angeleitet t&#228;tig werden (&#8220;von Natur aus faul sind&#8221; &#8212; Theorie X nach McGregor), dann wird das Mangement entsprechende Formen der Steuerung anwenden (also z.B. Stechuhren, Aufseher, &#8230;) und die ArbeiterInnen werden sich dem anpassen. Der Regelkreis kann aber auch andersherum funktionieren: wenn von einem positiven Menschenbild (&#8220;Theorie Y&#8221;) ausgegangen wird, und entsprechende Freir&#228;ume geschaffen werden, passen sich die Organisationsmitglieder auch diesen Erwartungen an, werden selbstbewusster und entscheidungsfreudiger. &#196;hnlich gilt das vielleicht auch f&#252;r die Grundeinkommensdebatte.</p>
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		<title>Meinungsbild: „bedingungslos &#8211; gemischt – bedarfsabh&#228;ngig“?</title>
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		<pubDate>Tue, 06 Mar 2007 01:12:53 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Beate Müller-Gemmeke (Landesvorstand, KV Reutlingen)</dc:creator>
				<category><![CDATA[01 Grundsatzfragen]]></category>
		<category><![CDATA[02 Ausgestaltung]]></category>
		<category><![CDATA[Meinungsbild]]></category>
		<category><![CDATA[Modelle & Philosophien]]></category>
		<category><![CDATA[Prozessebene]]></category>
		<category><![CDATA[Regionalkonferenz]]></category>

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		<description><![CDATA[Wie gestalten wir zuk&#252;nftig soziale Sicherheit? Mit dieser Frage sind wir angetreten und wollen eine offene Debatte f&#252;hren. In diesem Sinne wurde in diesem Blog schon munter diskutiert. Dennoch wollen wir mit dieser Debatte auch konkreter werden, um eine baden-w&#252;rttembergische Position am Ende der Debatte auf der Landesdelegiertenkonferenz abstimmen zu k&#246;nnen. Mit diesem Beitrag m&#246;chte [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wie gestalten wir zuk&#252;nftig soziale Sicherheit? Mit dieser Frage sind wir angetreten und wollen eine offene Debatte f&#252;hren. In diesem Sinne wurde in diesem Blog schon munter diskutiert. Dennoch wollen wir mit dieser Debatte auch konkreter werden, um eine baden-w&#252;rttembergische Position am Ende der Debatte auf der Landesdelegiertenkonferenz abstimmen zu k&#246;nnen. Mit diesem Beitrag m&#246;chte ich anregen, dass wir mal ein Meinungsbild erstellen – eine erste kleine Zwischenbilanz – die Meinungen sollen zusammengetragen werden. Ausgangspunkt dieser Debatte war ja die Regionalkonferenz und eine Fragestellung von damals m&#246;chte ich hier also zur „Entscheidung“ stellen.</p>
<p>Die Frage lautet: <strong>Wie wollen wir die Menschen zuk&#252;nftig absichern?</strong></p>
<p>Zur Auswahl steht:<br />
<strong>A:</strong> Alle Menschen erhalten ein einheitliches bedingungsloses Grundeinkommen.<br />
<strong>B:</strong> Alle Menschen erhalten einen bedingungslosen Sockel – zus&#228;tzlich gibt es     bedarfsabh&#228;ngige, gepr&#252;fte Zusatzleistungen f&#252;r besondere Lebenslagen.<br />
<strong>C:</strong> Es gibt eine bed&#252;rftigkeitsgepr&#252;fte Grundsicherung.</p>
<p>Entscheidet euch f&#252;r eine dieser drei Varianten und schreibt eine kurze Begr&#252;ndung dazu oder auch nicht.<br />
In diesem Blog gibt es viele LeserInnen, das verraten uns die Zahlen. Auch eure Meinung interessiert uns!</p>
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		<title>Grundeinkommen und &#246;kologische Lebensstile</title>
		<link>http://www.grundsicherung-bw.de/2007/02/27/grundeinkommen-und-oekologische-lebensstile/</link>
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		<pubDate>Tue, 27 Feb 2007 12:57:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Till Westermayer (Administration, KV Breisgau-Hochschwarzwald)</dc:creator>
				<category><![CDATA[01 Grundsatzfragen]]></category>
		<category><![CDATA[Fundsache]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaft & Umwelt]]></category>

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		<description><![CDATA[In meinem Beitrag F&#252;r ein existenzsicherendes Grundeinkommen habe ich es ja schon kurz erw&#228;hnt: ein Grundeinkommen macht auch aus der Perspektive eines Zusammendenkens von &#246;kologischer und sozialer Frage Sinn. Reinhard Loske pl&#228;diert seit einiger Zeit daf&#252;r.

Heute hat Loske einen Kommentar (&#8220;Den Konsumismus &#252;berlisten&#8221;) in der taz, der sich haupts&#228;chlich damit besch&#228;ftigt, dass es f&#252;r eine [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>In meinem Beitrag <a href="http://www.grundsicherung-bw.de/2007/02/15/fuer-ein-existenzsicherndes-grundeinkommen/">F&#252;r ein existenzsicherendes Grundeinkommen</a> habe ich es ja schon kurz erw&#228;hnt: ein Grundeinkommen macht auch aus der Perspektive eines Zusammendenkens von &#246;kologischer und sozialer Frage Sinn. Reinhard Loske pl&#228;diert seit einiger Zeit daf&#252;r.<br />
<span id="more-56"></span><br />
Heute hat Loske einen Kommentar (<a href="http://www.taz.de/pt/2007/02/27/a0165.1/text">&#8220;Den Konsumismus &#252;berlisten&#8221;</a>) in der <i>taz</i>, der sich haupts&#228;chlich damit besch&#228;ftigt, dass es f&#252;r eine radikal-realistische Klimapolitik nicht ausreicht, Gl&#252;hbirnen zu verbieten und Hybridautos zu fordern. So schreibt er:<br />
<blockquote>Die Politik muss h&#246;llisch aufpassen, dass sie die Klimadebatte nicht zerredet und so klein hackt, dass die Bev&#246;lkerung letztlich den Eindruck gewinnt, man k&#246;nne an der Misere sowieso nichts mehr &#228;ndern und konzentriere sich am besten darauf, das eigene Scherflein ins Trockene zu bringen oder die letzte Party zu feiern. Was jetzt gebraucht wird, sind gro&#223;e W&#252;rfe, die dann auch verbindlich beschlossen und schrittweise umgesetzt werden: die kohlenstofffreie Energiewirtschaft, klimafreundliche Verkehrsmittel und Geb&#228;ude sowie Infrastrukturen, die f&#252;r jeden ein richtiges Leben im richtigen erm&#246;glichen.</p>
<p>Alle Windr&#228;der, Holzpelletheizungen und Hybridautos werden uns aber nicht retten, wenn wir uns l&#228;nger um die Lebensstilfrage herumdr&#252;cken. Da gibt es eine nat&#252;rliche Scheu, die verst&#228;ndlich ist, gerade bei Politikern, die den Vorwurf der Verzichtspredigt scheuen wie der Teufel das Weihwasser. Aber der Konsumismus, also das Anh&#228;ufen von G&#252;tern als Substitut f&#252;r Sinn, ist heute der gr&#246;&#223;te Feind des Klimaschutzes. Deshalb ist es eine Kulturaufgabe erster Ordnung, die R&#252;ckkehr zum menschlichen Ma&#223; zu bef&#246;rdern.</p></blockquote>
<p>Das nur als Kontext f&#252;r die hier interessante Frage, wie Grundeinkommen und Klimapolitik zusammenpassen. Als Zwischenschritt dazu argumentiert Loske dazu, nicht klassisch-kapitalismuskritisch und verzichtsbetont an die Frage &#246;kologischer Lebensstile heranzugehen, sondern &#8220;den Konsumismus zu &#252;berlisten&#8221;, d.h.:<br />
<blockquote>
[...] Ma&#223;halten mit Lebensfreude, Verzicht mit Genuss, weniger mit mehr, Askese mit Selbstentdeckung zu verbinden, um Mut zu machen und zur Nachahmung anzuregen. Bei der Pluralit&#228;t unserer Gesellschaft wird das nicht zum Einheitslebensstil f&#252;hren, sondern zu einer Vielfalt von Lebensstilen, die aber allesamt klimavertr&#228;glicher sein w&#252;rden.</p></blockquote>
<p>Hier kommt nun das Grundeinkommen ins Spiel, das Loske als Chance sieht, soziale und &#246;kologische Frage zu verbinden und denen, die es wollen, die M&#246;glichkeit zu geben, neue &#246;kologische Lebensstile zu entdecken:<br />
<blockquote>Freilich gilt es eine wichtige Einschr&#228;nkung zu machen: Wenn Verzicht f&#252;r die Reichen lediglich hie&#223;e, ihren Off-Roader in der Fastenzeit am Sonntag stehen zu lassen, w&#228;hrend er f&#252;r die Armen die K&#252;rzung der Hartz-IV-Leistungen von 345 Euro pro Monat auf 300 Euro bedeutete, w&#228;re ein solcher Ansatz ohne Aussicht auf breite gesellschaftliche Zustimmung. Die Chance, ma&#223;vollen Lebensstilen zum Durchbruch zu verhelfen, steigt mit der gesellschaftlichen Gerechtigkeit, national wie international. Das Grundeinkommen f&#252;r jede und jeden k&#246;nnte die Br&#252;cke sein, um &#252;berm&#228;&#223;igen Wachstumsdruck von der Gesellschaft zu nehmen. Es ist an der Zeit, die &#246;kologische und die soziale Frage endlich zusammenzudenken.</p></blockquote>
<p>Ich finde das eine ziemlich spannende Perspektive, selbst wenn ich noch nicht davon &#252;berzeugt bin, dass ein derartiger Lebensstilwandel auf breiter Front passieren wird. Aber selbst f&#252;r die von Loske als unzureichend dargestellten Ma&#223;nahmen sind Avantgarde-Haushalte sinnvoll, die zeigen, wie ein &#246;kologisch nachhaltiger, emissionsreduzierter und trotzdem genu&#223;voller Lebensstil aussehen kann, und von denen der &#8220;raffinierte Kapitalismus&#8221; lernen kann. Um diese m&#246;glicherweise anfangs recht kleine Gruppe zu unterst&#252;tzen, ist ein Grundeinkommen eine gute Idee (jedenfalls besser als die Idee eines Zuschusses f&#252;r gepr&#252;ftes &#246;kologisch korrektes Verhalten &#8230;).</p>
]]></content:encoded>
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		</item>
		<item>
		<title>Statistiken zur Erwerbst&#228;tigkeit</title>
		<link>http://www.grundsicherung-bw.de/2007/02/25/statistiken-zur-erwerbstaetigkeit/</link>
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		<pubDate>Sun, 25 Feb 2007 22:00:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Till Westermayer (Administration, KV Breisgau-Hochschwarzwald)</dc:creator>
				<category><![CDATA[01 Grundsatzfragen]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeit & Beschäftigung]]></category>
		<category><![CDATA[Information]]></category>

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		<description><![CDATA[Beim Statistischen Bundesamt k&#246;nnen einige Zahlenreihen zur Entwicklung der Erwerbst&#228;tigkeit in Deutschland abgerufen werden. Was dort fehlt, sind lange Reihen zur Wochenstundenzeit oder zur Entlohnung. Aber auch die verf&#252;gbaren Daten sind schon recht interessant, wie die folgenden daraus generierten Schaubilder zeigen.
Per Mausklick auf das Bild gibt es das Diagramm jeweils in gro&#223; (am besten in [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Beim <a href="http://www.destatis.de/indicators/d/lrerwueb.htm">Statistischen Bundesamt</a> k&#246;nnen einige Zahlenreihen zur Entwicklung der <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Erwerbsperson">Erwerbst&#228;tigkeit</a> in Deutschland abgerufen werden. Was dort fehlt, sind lange Reihen zur Wochenstundenzeit oder zur Entlohnung. Aber auch die verf&#252;gbaren Daten sind schon recht interessant, wie die folgenden daraus generierten Schaubilder zeigen.</p>
<p>Per Mausklick auf das Bild gibt es das Diagramm jeweils in gro&#223; (am besten in einem neuen Tab/neuem Fenster &#246;ffnen, um Grafik und Text &#8220;nebeneinander halten&#8221; zu k&#246;nnen).</p>
<p>
<a href='http://www.grundsicherung-bw.de/wp-content/uploads/2007/02/ausschoepfung.png' title='Aussch&#246;pfungsquote'><img class="alignleft" src='http://www.grundsicherung-bw.de/wp-content/uploads/2007/02/ausschoepfung.thumbnail.png' alt='Aussch&#246;pfungsquote' /></a>Abbildung 1 zeigt den <strong>Anteil der Erwerbst&#228;tigen </strong>(abh&#228;ngige Besch&#228;ftigte + Selbstst&#228;ndige) <strong>bezogen auf die Erwerbspersonen</strong> (d.h. grob gesagt: Erwerbst&#228;tige + vermittelbare Arbeitslose), zum einen insgesamt (blau) und zum anderen getrennt nach Geschlecht (gelb/rosa). Deutlich wird hier, wie diese Quote tendenziell &#8212; in mehren Phasen &#8212; nach unten geht (ab 1991 dann f&#252;r Gesamtdeutschland), oder anders gesagt, die Arbeitslosigkeit zunimmt. ((Achtung: die Skala f&#228;ngt erst bei 80% an, ist also nicht ganz so dramatisch, wie es auf den ersten Blick aussieht!))</p>
<p><span id="more-54"></span></p>
<p>
<a href='http://www.grundsicherung-bw.de/wp-content/uploads/2007/02/quote-bev.png' title='Erwerbst&#228;tigkeit bezogen auf die Bev&#246;lkerung'><img class="alignleft" src='http://www.grundsicherung-bw.de/wp-content/uploads/2007/02/quote-bev.thumbnail.png' alt='Erwerbst&#228;tigkeit bezogen auf die Bev&#246;lkerung' /></a>Abbildung 2 nimmt die selben Daten &#252;ber die Erwerbst&#228;tigen und weist den <strong>Anteil der Erwerbst&#228;tigen an der Gesamtbev&#246;lkerung </strong>(inkl. Kinder und RentnerInnen) aus. In dieser Betrachtungsweise sind immer etwa 45 % der Bev&#246;lkerung erwerbst&#228;tig. Was sich allerdings &#228;ndert, sind die Geschlechterverh&#228;ltnisse: &#252;ber den ganzen langen Zeitraum betrachtet, sinkt die Erwerbst&#228;tigenquote an der m&#228;nnlichen Bev&#246;lkerung von fast 60 auf unter 50 %, gleichzeitig steigt der Anteil erwerbst&#228;tiger Frauen an allen Frauen von 30 auf fast 40 % &#8212; vor allem auch ein Effekt der deutschen Vereinigung. Seit etwa 2000 nimmt der Anteil der Arbeitenden an der Gesamtbev&#246;lkerung in allen drei Betrachtungsweisen leicht ab.
</p>
<p>Zur Interpretation der Daten w&#228;re es allerdings wichtig, was f&#252;r Erwerbst&#228;tigkeit sich hinter diesen Zahlen verbirgt. Dazu gibt es nicht sehr viele Daten als lange Zeitreihen auf destatis.de, und ich war zu faul, jetzt noch andere Quellen zu suchen und zu vergleichen. Deswegen l&#228;sst sich wenig dar&#252;ber aussagen, ob sich hinter der relativ gleichbleibenden Erwerbst&#228;tigenquote ein qualitativer Wandel der Arbeit (&#8220;Nichtnormalarbeit&#8221;) verbirgt, wie es viele annehmen, oder ob dies nicht der Fall ist. Interessant &#8212; und schon ein bi&#223;chen in diese Richtung gehend &#8212; sind jedenfalls noch zwei Datenreihen:</p>
<p>
<a href='http://www.grundsicherung-bw.de/wp-content/uploads/2007/02/sektoren.png' title='Erwerbst&#228;tigkeit nach Sektoren'><img class="alignleft" src='http://www.grundsicherung-bw.de/wp-content/uploads/2007/02/sektoren.thumbnail.png' alt='Erwerbst&#228;tigkeit nach Sektoren' /></a>Abbildung 3 zeigt die <strong>Aufteilung der Erwerbst&#228;tigkeit nach Sektoren </strong>(hier jeweils absolut dargestellt, d.h. in Millionen Personen). 1990 ist wiederum ein Statistikbruch aufgrund der deutschen Vereinigung. Kurz gesagt: die Anzahl der im prim&#228;ren Sektor (Land- und Forstwirtschaft) arbeitenden Menschen sinkt ziemlich kontinuierlich seit 1957. Die Zahl der im sekund&#228;ren Sektor (Produktion) T&#228;tigen sinkt seit den 1960er Jahren leicht und seit der Vereinigung rapide, d.h. heute sind im Produktionssektor etwa 11 Mio. von 35,5 Mio. Erwerbst&#228;tigen besch&#228;ftigt (30,8 %), w&#228;hrend es 1975 in Westdeutschland 12 Mio. von 16 Mio. waren (46,5 %). Die sinkende relative Bedeutung des sekund&#228;ren Sektors ist allerdings nicht nur ein Effekt der deutschen Vereinigung, sondern seit Ende der 1960er Jahre zu beobachten. Entsprechend zugenommen hat dagegen in den letzten vierzig Jahren die Besch&#228;ftigung im terti&#228;ren Sektor (Dienstleistung). W&#228;hrend 1957 etwa ein Drittel aller Erwerbst&#228;tigen im Dienstleistungssektor t&#228;tig waren, sind es inzwischen zwei Drittel &#8212; oder 23,9 Mio. Menschen. Bei einer Ausweitung der Erwerbst&#228;tigkeit insgesamt relativ proportional zur Bev&#246;lkerungsentwicklung (in Westdeutschland 1957 54 Mio. Menschen, 1977 61 Mio. Menschen und 1997 67 Mio. Menschen + 15 Mio. Menschen durch die Vereinigung) nimmt die relative Bedeutung des Dienstleistungssektors zu Lasten der anderen beiden Sektoren deutlich zu. Wie z.B. Manuel Castells zu Recht anmerkt, ist der Begriff &#8220;Dienstleistungssektor&#8221; mit Skepsis zu betrachten. Als Residualkategorie umfasst der Dienstleistungssektor T&#228;tigkeiten von der McDonalds-Aushilfe &#252;ber KrankenpflegerInnen bis zum outgesourcten Softwareentwicklungsteam; auch die Art und Weise, wie festgestellt wird, welchem Sektor eine erwerbst&#228;tige Person zuzurechnen ist, ist nicht ganz problemlos. Trotzdem bleibt festzustellen, dass bei absolut etwa gleichbleibender Erwerbst&#228;tigenzahl die relative Bedeutung des produzierenden Gewerbes (und erst Recht der Land- und Forstwirtschaft) deutlich zur&#252;ckgegangen ist.
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<a href='http://www.grundsicherung-bw.de/wp-content/uploads/2007/02/status.png' title='Erwerbst&#228;tigkeit nach Status'><img class="alignleft" src='http://www.grundsicherung-bw.de/wp-content/uploads/2007/02/status.thumbnail.png' alt='Erwerbst&#228;tigkeit nach Status' /></a>Abbildung 4 schlie&#223;lich differenziert die <strong>Erwerbst&#228;tigen nach beruflichem Status</strong>, also nach den drei Kategorien Selbstst&#228;ndige, abh&#228;ngig Besch&#228;ftigte (ArbeiterInnen, Angestellte, BeamtInnen) und mithelfende Familienangeh&#246;rige. Dargestellt sind wiederum die absoluten Zahlen (mit Statistikbruch 1990/91). Die sinkende Bedeutung mithelfender Familienangeh&#246;riger h&#228;ngt mit der sinkenden Besch&#228;ftigungswirksamkeit der Land- und Forstwirtschaft zusammen. Bis 1990 nimmt die Zahl der Selbstst&#228;ndigen leicht ab. Ab dann nimmt ihre Zahl zu. 2004 ist etwa jede/r zehnte der Erwerbst&#228;tigen selbstst&#228;ndig t&#228;tig (3,9 Mio. Menschen). Hierf&#252;r sind sicherlich Trends wie Outsourcing, erleichterte Existenzgr&#252;ndung usw. wichtig &#8212; interessant w&#228;re wiederum, wie viele dieser 3,9 Mio. Menschen Klein- und Kleinstselbst&#228;ndige sind. Die gro&#223;e Masse der Erwerbst&#228;tigen (2004: 88,1 % = 31,4 Mio. Menschen) ist dagegen als ArbeiterIn, Angestellte oder BeamtIn abh&#228;ngig besch&#228;ftigt. W&#228;hrend diese Zahl allerdings bis 1990 gestiegen ist, ist sie seit der Vereinigung tendenziell am Sinken. Unklar ist in dieser Darstellung, wie weit dies vor allem ein Folgeproblem der Vereinigung darstellt (vgl. auch den massiven Abbau von 1991-1995). Ebenfalls fehlen hier die M&#246;glichkeiten, zu bewerten, was f&#252;r T&#228;tigkeiten genau sich hinter der gro&#223;en Masse abh&#228;ngiger Besch&#228;ftigung verbergen.</p>
<p>Nachtrag: Interessant zur aktuellen Arbeitsmarktsituation ist folgende <a href="http://www.destatis.de/presse/deutsch/pk/2006/ilo_schaubilder_i.pdf">Datei (pdf)</a>, auf die &#8220;albert&#8221; uns hingewiesen hat.</p>
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