Menschenbilder
Ein im Zusammenhang mit der Grundeinkommensdebatte immer wieder angesprochenes Thema (z.B. hier, hier, hier oder in den Leserbriefen der taz (unten in der Liste)) sind unterschiedliche Menschenbilder, die hinter Vorstellungen davon stecken, was für Konsequenzen ein Grundeinkommen haben würde. Ist “der Mensch” faul und arbeitet nur unter Zwang (bzw. gegen viel Geld)? Oder will “er” tätig sein und braucht die damit verbundene Anerkennung?
Eine interessante Wendung nimmt diese Diskussion, wenn eine Idee aus der Organisations- und Personalentwicklung (oder auch aus der Literatur, Albert hatte hier “Andorra” von Frisch angesprochen) hinzugenommen wird: Menschen verhalten sich so, wie sie behandelt werden. D.h. wenn (in einer Firma) davon ausgegangen wird, dass Menschen nur unter Kontrolle und angeleitet tätig werden (“von Natur aus faul sind” — Theorie X nach McGregor), dann wird das Mangement entsprechende Formen der Steuerung anwenden (also z.B. Stechuhren, Aufseher, …) und die ArbeiterInnen werden sich dem anpassen. Der Regelkreis kann aber auch andersherum funktionieren: wenn von einem positiven Menschenbild (“Theorie Y”) ausgegangen wird, und entsprechende Freiräume geschaffen werden, passen sich die Organisationsmitglieder auch diesen Erwartungen an, werden selbstbewusster und entscheidungsfreudiger. Ähnlich gilt das vielleicht auch für die Grundeinkommensdebatte.
Am 22. März 2007 um 23:37 Uhr
Der von Till angesprochene Regelkreis ist ein interessanter Ansatzpunkt.
Implizit enthält er aber die Annahme, dass die Einen die Erwartungen definieren – negativ oder positiv – und die Anderen sich früher oder später danach richten.
Personalentwicklung kann man vielleicht so modellieren, aber die Gesamtgesellschaft ist komplexer. Sie ist ein selbstreferenzielles und offenes System mit internen Antagonismen. Wir haben schon Grund, Thomas’ systemisches Memento von der Sitzung vom 12. März ernstzunehmen.
Am 23. März 2007 um 00:45 Uhr
Hallo Frieder, ich konnte an der Sitzung ja leider nicht teilnehmen (und vielleicht interessiert es ja auch andere) — magst Du das “systemische Memento” kurz skizzieren? Ich kann mir mit meinem sozialwissenschaftlichen Hintergrund so ungefähr vorstellen, was das sein könnte, genau weiss ich es aber leider nicht.
Zu dem Regelkreis: relevant ist vielleicht noch — und da ist Gesellschaft insgesamt sicher komplexer als eine Organisation wie z.B. eine Firma — wer wieviel Einfluss auf Diskurse, Leitbilder, Regeln und Sanktionen hat. Je nach dem gibt es dann schon die “Einen” und die “Anderen”; nicht absolut, aber graduell.
Am 27. März 2007 um 15:22 Uhr
@Till:
So wie ich Thomas verstanden habe, wollte er uns daran erinnern, dass man “systemisch” denken muss, also die Wechselwirkungen zwischen den einzelnen Fragestellungen berücksichtigen. Er schlug daher auch vor, nicht nur “Grundsicherung” ODER “Grundeinkommen” zu denken, sondern einen Hybrid aus beidem (da kriegen wir bestimmt noch einen Blog-Beitrag hin dazu).
Nun aber zur Menschenbild-Debatte: Auch hier gibt es, denke ich nicht nur entweder-oder. Ich glaube gerne, das Menschen gerne arbeiten, weil es ihnen Bestätigung gibt, einen Sinn verleiht und Freude macht. Die MENGE ist da aber sicherlich ein Problem. Ich vermute mal, die wenigsten wünschen sich wirklich eine 40-Stunden-Woche inklusive pendeln, dem sich ergebenden Stress und der Verantwortung.
Die Frage muss also doch wohl erstens lauten: wie viel (quantitativ / qualitativ) würde jemand für soundsoviel Euro extra arbeiten? Und zweitens: ist Arbeit “teilbar”, d.h. sind 40 Stunden durch zwei Personen die je 20 Stunden arbeiten ersetzbar? Ich persönlich bezweifle letzteres, aber das wiederum (Arbeitszeitverkürzung) ist schon wieder ein Extra-Thema, das noch zu diskutieren ist.
Am 27. März 2007 um 20:27 Uhr
vielliecht werde ich zu sehr philosopisch an einer baustelle, an der realität und pragamtisches handeln gefordert werden. aber ich befürchte, dass der mensch garnicht IST. der mensch erfüllt einfach ein menschenbild, das ihm sein soziales umfeld anbietet und mit der zeit verfestigen sich menschenbilder zu selbstbildern. ein bedingungsloses grundeinkommen wäre für mich auch ein ernstnehmen unseren kulturellen und zivilisatorischen fortschritts. und da ist ein systemisches denken durchaus richtig. all das wissen, was man über den menschen angehäuft hat, wenn man ehrlich sein will, muss man zugeben, dass die wirklichkeit in betrieben, organisationen oder sonstwo jahrzehnte hinterher hinkt: http://www.wiwi.uni-marburg.de/Lehrstuehle/VWL/WITHEO3/documents/kondratieff.pdf
Am 28. März 2007 um 10:19 Uhr
“…dass der Mensch garnicht IST”, hatte Albert geschrieben. Ganz wunderbar! Mit Nietzsche könnte man auch sagen, der “Mensch ist das nicht festgestellte Tier”. Menschenbilder sind immer Selbstbilder, Entwürfe auf den “Menschen” hin. Darum ist “der Mensch” etwas noch zu Schaffendes. Der gesamte Humanismus dachte so. Darum halte ich das Grundeinkommen auch für eine im Kern humanistische Idee, da es den Menschen wieder als Entwurf definiert, genauer als Selbstentwurf. Es rückt ihn wieder vom Rand in das Zentrum des Geschehens der Gesellschaften. Es betrachtet ihn nicht mehr als Mittel zum Zweck. Der Mensch ersetzt das Geld als Selbstzweck und Geld wird wieder Mittel zum Zweck. Denn heute ist es genau umgekehrt: Das Geld ist der Selbstzweck und der Mensch das Mittel, um diesen Zweck des Gelderwerbs zu erfüllen. Befreien wir den Menschen vom unmittelbaren Zwang zum Gelderwerb, um sein Überleben zu sichen, dann geben wir ihm einen RAUM, in dem er sich selbst begegnen, auf sich selbst hin entwerfen kann – und dies kann er mit Arbeit. Nicht mehr, DASS der Mensch arbeitet, wird so zur Herausbildung des Selbstbewußtseins führen, sondern, WAS der Mensch arbeitet.
Das Grundeinkommen zerstört das Lohnabstandsgebot, und dies ist wichtig und sollte auch so verstanden werden. Denn der “Grenznutzen der Arbeit”, der Punkt also, an dem Mensch einen persönlichen Vorteil darin sieht, eine Lohnarbeit aufzunehmen, ist heute allein geldwert definiert. So wird der Mensch – und dies im wesentlichen Verhältnis zu sich, zu anderen und zur Natur, in der Arbeit also – heute verrechnet. “…dass der Mensch garnicht IST”, wie Albert schrieb, heißt auch, dass er heute eine Verrechnungseinheit in volks- und betriebswirtschaftlichen Zusammenhängen geworden ist. Und, wer sich nicht rechnet, wer also nichts zum positiven Saldo beitragen kann, mit dem wird gesamtgesellschaftlich abgerechnet (Freisetzung, Entzug der Bürgerrechte, Arbeitszwang, Kommando, Ausschnüffelei und Kontrolle). Das heißt, ihm wird veboten, sich auf sich selbst hin zu entwerfen. Unsere ökonomisierte Gesellschaft produziert darum Überschüsse, “menschliche” Überschüsse, denen verweigert wird, zum Mensch zu werden.