Glücklich und zufrieden?

Wie die Beiträge von Daniel, Silke und Beate deutlich machen, soll die Debatte in diesem Blog jetzt in eine neue Phase eintreten: weg von der Beschäftigung mit Grundsatzfragen hin zur Ausgestaltung, zu Eckpunkten eines grünen Modells. Das Blog dient ja der Begleitung eines parallel und vernetzt auch im “realen Raum” stattfindenden Prozesses — auch da wird es nächsten Montag die nächste Sitzung der Projektgruppe geben, die dazu dienen soll, die Debatte ebenfalls einen Schritt voranzubringen.

Ich möchte diesen “Phasenwechsel” dazu nutzen, einfach mal die Frage zu stellen, ob alle mit dem bisherigen Verlauf der Debatte glücklich und zufrieden sind. Und zwar in zweierlei Hinsicht:

Erstens nimmt die Beteiligung am Blog in den letzten Tagen merklich ab. Das kann bedeuten, dass jetzt erstmal alle Argumente ausgetauscht sind, es kann aber auch heißen, dass wichtige Fragen nicht angesprochen werden und daran gezweifelt wird, ob es sinnvoll ist, sie im Blog anzusprechen. ((Ich habe auch schon gehört, dass die Debatte hier einigen zu “verkopft” ist)). Was trifft zu?

Zweitens wundere ich mich etwas über den Debattenverlauf — aus meiner bisherigen Erfahrung mit grünen Diskussionen her hätte mich scharfe Kritik an der Idee eines Grundeinkommens überhaupt nicht gewundert. Die kam so nach meiner Wahrnehmung kaum vor.* Stattdessen beschäftigte sich — auch hier bitte ich um Korrektur, wenn meine Einschätzung falsch liegt — ein großer Teil der Debatte mit Konflikten zwischen BefürworterInnen unterschiedlicher Grundeinkommensmodelle (bildlich gesprochen: Götz Werner vs. Thomas Poreski vs. Dieter Althaus). Ist es korrekt, daraus den Schluss zu ziehen, dass es eine große Akzeptanz für ein bedingungsloses Grundeinkommen gibt — oder melden sich die Fundamental-KritikerInnen nur nicht zu Wort?

* abgesehen von der Debatte um den Ausschluss bestimmter Gruppen durch ein Grundeinkommen

11 Kommentare zu “Glücklich und zufrieden?”

  1. Silke Krebs (Landesvorstand, KV Freiburg)

    Ich finde, die Debatte hat ein bisschen wenig Boden unter den Füßen. Mir wäre es wichtig, dass wir aus der GSE-Debatte Ideen gewinnen, die im hier und jetzt verankerbar sind. Da gibt es aktuelle Anknüpfungspunkte, ich will mal zwei nennen, das aber in einem Beitrag – also bitte dort weiterlesen.

  2. Till Westermayer (KV Breisgau-Hochschwarzwald)

    Zu Alberts Kommentar unter Silkes Beitrag, u.a. “ehrlich gesagt kann ich einen konses über das grundeinkommen hier im blog überhaupt nicht feststellen. der gegensatz zwischen einem bge und einer grundsicherung fällt hier im blog zu gunsten der grundsicherung.” — ich glaube das ist vor allem eine Frage des Abstands, und natürlich auch der Frage, wo die Grenzen zwischen Grundeinkommen und Grundsicherung gezogen werden (für mich ist es die Bedingungslosigkeit und die wegfallende Bedarfsprüfung bei einem Grundeinkommen). Klar gibt es ziemlich viel Uneinigkeit, ob ein grünes Modell eher in Richtung 1200 Euro Grundeinkommen für alle oder eher in Richtung einer gut ausgestatteten mit relativ geringen Hürden oder vielleicht sogar einem bedingungslosen Sockel versehenen Grundsicherung gehen soll. Die von mir — aus Erfahrung mit grünen Veranstaltungen, nicht sehnlich — vermisste Kritik ging eher in Richtung der inzwischen von Biggi Bender eingebrachten Kommentare. Da hätte ich früher mehr von erwartet.

  3. Sebastian Wolf

    Danke an Till für diese Frage. Ich muss ganz ehrlich gestehen, dass ich in der Regel sehr gerne die Beiträge des Blogs lese, ich bei den eigentlich interessanten Kommentaren (also der Debatte zum Beitrag) aber aussteigen muss.

    Die Kommentare erreichen zum Teil riesige Längen. Die machen es für eine Person, die nicht den ganzen Tag Zeit hat, sich nur um das Thema zu kümmern (oder nur im Internet hängt) annähernd unmöglich, an der Diskussion aktiv teilzunehmen. Zu der Länge kommt dann häufig auch noch die angesprochene Kopflastigkeit. Die fördert auch nicht wirklich die Teilnahmebereitschaft von Interessentinnen und Interessenten, die nicht komplett im Thema drin sind.

    Zum Debattenverlauf: Fundamentalkritik ist immer so ein schlimmes Wort. Ich persönlich habe aber schon ziemlich heftige Bauchschmerzen bei einem bedingungslosen Grundeinkommen (mal unabhängig von der Höhe). Dass die Schnüffeleien in die Privatsphäre wegen der Hartz-Gesetze ein Ende haben müssen bzw. stark begrenzt gehören, ist denke ich unstrittig. Aber Geld einfach mal so ohne eine (kleine unbürokratische) Hürde/Bedürftigkeitsprüfung zu verteilen, kratzt schon arg an meinem Gerechtigkeitsempfinden. Und von den vielgelobten Einsparmöglichkeiten durch den kompletten Wegfall der Bürokratie bin ich auch nicht wirklich überzeugt. Wenn ich mal etwas mehr Zeit habe die kommenden Tage, kann ich das auch gerne mal ausführlicher in einem Blog-Beitrag artikulieren.

    So, jetzt ist mein Kommentar auch ziemlich lang geworden… *mea culpa*

  4. Frieder Schöpfer, KV PF-Enz, Projektgruppenmitglied

    Auch wenns spät kommt: Zustimmung zu Sebastian Wolf, sowohl inhaltlich als auch bezüglich der Verfahrensweise. Ich werde es nicht mehr hinkriegen, bis heute abend 12.03. einen Überblick über den Blog zu kriegen.
    Ergänzung zu Sebastian: Die mit dem Thema befasste Arbeitsgruppe unseres KV hält es für notwendig, dass ein sozialer Arbeitsmarkt bereitgehalten wird für die. die nicht in der Lage sind, eigenmotiviert und kreativ Aufgaben zu finden.
    Eine mehr als nur Existenzminimum-sichernde bedingungslose Versorgung wäre nicht nur unverträglich mit dem Gerechtigkeitsempfinden (keinesfalls nur von Sebastian Wolf), sondern sie hätte zerstörerische Folgen. Menschen wollen tätig sein, gebraucht werden, und dafür auch einen Lohn verdienen. “Panem et circenses” konnte sich das alte Rom eine Zeit lang leisten. Heute treten Glotze, Spiel-PC und Suff an die Stelle der circenses – und die Menschen werden damit unzufrieden sein und chaotisch reagieren. Das könnt Ihr bei Erich Fromm nachlesen (“Anatomie der menschlichen Destruktivität”) – und viele notwendige gemeinnützige Aufgaben werden weiterhin unerledigt liegen bleiben.

  5. albert

    sehr geehrter herr schöpfer, ich empfehle ihnen “andorra” von max frisch. beschäftigen sie sich auch mit dem andora-effekt aus dem bereich der personalentwicklung. http://www.google.de/search?hl=de&client=firefox-a&rls=org.mozilla:de:official&hs=26g&pwst=1&sa=X&oi=spell&resnum=0&ct=result&cd=1&q=andorra+effekt&spell=1

    es ist inzwischen schon fast “common sense”, die tatsache, dass das verhalten von menschen abhängig ist vom menschenbild, welches in der gesellschaft das herrschende ist. wenn ich mir mal erlaube und frischs metapher auf ihr menschenbild übertrage:

    je mehr menschen an das von ihnen beschriebene menschenbild glauben, desto wahrscheinlicher ist auch, dass menschen in gegebenen situationen sich diesem menschenbild entsprechend verhalten werden. wie sie aus der lektüre aus dem bereich der personalentwicklung feststellen werden, ist der andorra-effekt nicht bloß eine von gutgläubigen aufklärern erdachte schögeisterei. es ist ein empirisch nachgewiesenes phänomen.

  6. albert

    “Die Grundaussage des Stücks [Andorra] kann man mit der folgenden Geschichte Bertolt Brechts beschreiben: Herr Keuner erscheint. „Was tun Sie“, wurde Herr K. gefragt, „wenn Sie einen Menschen lieben?“ – „Ich mache einen Entwurf von ihm“, sagte Herr K, „und sorge, dass er ihm ähnlich wird.“ – „Wer? Der Entwurf?“ – „Nein“, sagte Herr K., „der Mensch“.”

  7. Eva (KV Konstanz, PG-Mitglied)

    Liebe Leute,
    ich finde die Diskussion um das Menschenbild ganz interessant, aber war die Frage nicht eher, ob wir mit dem bisherigen Verlauf der Debatte zufrieden sind?
    Mir fehlt ein ganz wichtiger, grundlegender Aspekt (ebenso grundlegend wie der des Menschenbildes, zu dem wir unbedingt in einem separaten Beitrag arbeiten sollten) in der Debatte um das Grundeinkommen: die Würde jedes Bedürftigen und jeder Bedürftigen. Die Würde des Menschen ist laut §1 des Grundgesetzes unantastbar. Die derzeitige Verwaltungspraxis im Umgang mit Bedürftigen sieht derzeit aber anders aus.
    Ich würde dieses Thema gerne in einem eigenen Beitrag vertiefen, an dieser Stelle wollte ich nur auf die Ausgangsfrage eingehen.

  8. Frieder Schöpfer, KV PF-Enz, Projektgruppenmitglied

    Hallo Eva,
    Du hast recht, mein obiger Beitrag gehört eher in das Themenfeld “Arbeit und Beschäftigung” – welches viel mit der Menschenwürde zu tun hat. Ich fürchte aber, dass dieses Themenfeld gerade aus dem Focus der PG verschwindet, ohne dass das durch eine Meinungsbildung abgedeckt wäre. Insofern bin ich nicht “glücklich und zufrieden”.

    Zur Vermeidung weiterer Missverständnisse:
    Hallo Albert,
    mein Menschenbild ist n i c h t: “Alle, die ein bedingungsloses Grundeinkommen erhalten, verfallen der Glotze, dem Computerspiel und dem Suff”. Mein Menschenbild hat mehr zu tun mit meiner Aussage “Menschen wollen tätig sein, gebraucht werden, und dafür auch einen Lohn verdienen.” Die von Ihnen empfohlenen Literaturstellen (Frisch, Brecht) sind mir seit Jahrzehnten wohlbekannt. Ich empfehle meinerseits die Lektüre des von mir genannten Buchs von Erich Fromm.

  9. Till Westermayer (KV Breisgau-Hochschwarzwald)

    Auch wenn hier (also in den Kommentaren zu meiner Frage oben) tatsächlich eigentlich nicht der Ort ist, die inhaltliche Debatte zu führen: “Menschen wollen tätig sein” — dem kann ich zustimmen. Ob “Menschen gebraucht werden wollen”, weiß ich nicht. Ob “Menschen dafür einen Lohn verdienen wollen”, und ob das so sein muss, scheint mir hier die Krux zu sein. Das “dafür” scheint mir nämlich nicht unbedingt notwendig.

    Andersherum — mein Menschenbild wäre eher: “Menschen wollen (am liebsten größtenteils selbstbestimmt) (und gerne auch in Gemeinschaft, mit und für andere) tätig sein, und wollen auch, dass das anerkannt wird.”

    Ein Grundeinkommen könnte ein Schritt dahin sein, die Gleichsetzung “Anerkennung = Geld” (die ja fatalerweise gerne auch rückwärts gelesen wird) zu durchbrechen und zugleich, richtig eingeführt, Menschen die Möglichkeit geben, tätig sein zu können.

  10. Frieder Schöpfer, KV PF-Enz, Projektgruppenmitglied

    Hallo Till,
    Menschenbild – Dein mittlerer Absatz: Einverstanden!

    Jetzt zur Verfahrensweise:

    (1) Kannst Du (als Blog-Administrator) mir einen geeigneten Ort im Blog vorschlagen, wo wir die Menschenbilder weiter betrachten können?

    (2) Wie übermittle ich rationell und mauschelfrei Wünsche bezüglich Tagesordnung und weiterer Agenda an den Koordinationskreis?

    (3) Terminplanung – an die Adresse des Korrdinationskreis:
    Mir GRAUT davor, dass Termine verlegt werden, nachdem ich meine persönliche Planung schon für die ursprünglichen Termine eingerichtet habe.
    Der 28. April (=Geänderter Termin Workshop) passt mir ganz schlecht. Anderen scheint es ähnlich zu gehen – das Stöhnen darüber war am 12. März nicht zu überhören. Auch schon diese PrGr-Sitzung war nachträglich verlegt worden und vielleicht deshalb so dünn besucht.
    Wenn schon Verlegungen unumgänglich sind, wäre folgende Verfahrensweise korrekt:
    Der Koordinationskreis macht ein paar Alternativ-Vorschläge, gibt sie der gesamten ursprünglichen PrGr per Mail (nicht nur über Blog) bekannt, fordert Rückmeldungen an und entscheidet sich dann für das “geringste Übel”. Das müsste innerhalb einer Woche abzuwickeln gehen.

  11. Till Westermayer (Administration, KV Breisgau-Hochschwarzwald)

    2. und 3. kann ich ganz schnell beantworten: die Mail-Adresse, mit der Du die gesamte KO-Gruppe (und Henning und mich) erreichst, ist info@grundsicherung-bw.de. Zu 3. kann ich dir nichts sagen, aber schick deinen Vorschlag am besten nochmal als Mail an die genannte Adresse.

    Zu 1.: es gibt im Kontext der Beiträge zur Regionalkonferenz einen von mir, wo ich das Thema Menschenbilder schon mal angesprochen hatte. Der ist aber irgendwo im Archiv; für die aktuelle Debatte sinnvoller ist es vielleicht, einen kurzen neuen Beitrag einzustellen, an den dann die Kommentare dran gehängt werden können. Ich mache das nachher.

    Update: So, der Beitrag zu Menschenbildern ist jetzt eingestellt; vielleicht macht es Sinn, die hier angefangene Debatte darüber dort weiterzuführen.

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