Statistiken zur Erwerbstätigkeit
Beim Statistischen Bundesamt können einige Zahlenreihen zur Entwicklung der Erwerbstätigkeit in Deutschland abgerufen werden. Was dort fehlt, sind lange Reihen zur Wochenstundenzeit oder zur Entlohnung. Aber auch die verfügbaren Daten sind schon recht interessant, wie die folgenden daraus generierten Schaubilder zeigen.
Per Mausklick auf das Bild gibt es das Diagramm jeweils in groß (am besten in einem neuen Tab/neuem Fenster öffnen, um Grafik und Text “nebeneinander halten” zu können).
Abbildung 1 zeigt den Anteil der Erwerbstätigen (abhängige Beschäftigte + Selbstständige) bezogen auf die Erwerbspersonen (d.h. grob gesagt: Erwerbstätige + vermittelbare Arbeitslose), zum einen insgesamt (blau) und zum anderen getrennt nach Geschlecht (gelb/rosa). Deutlich wird hier, wie diese Quote tendenziell — in mehren Phasen — nach unten geht (ab 1991 dann für Gesamtdeutschland), oder anders gesagt, die Arbeitslosigkeit zunimmt. ((Achtung: die Skala fängt erst bei 80% an, ist also nicht ganz so dramatisch, wie es auf den ersten Blick aussieht!))
Abbildung 2 nimmt die selben Daten über die Erwerbstätigen und weist den Anteil der Erwerbstätigen an der Gesamtbevölkerung (inkl. Kinder und RentnerInnen) aus. In dieser Betrachtungsweise sind immer etwa 45 % der Bevölkerung erwerbstätig. Was sich allerdings ändert, sind die Geschlechterverhältnisse: über den ganzen langen Zeitraum betrachtet, sinkt die Erwerbstätigenquote an der männlichen Bevölkerung von fast 60 auf unter 50 %, gleichzeitig steigt der Anteil erwerbstätiger Frauen an allen Frauen von 30 auf fast 40 % — vor allem auch ein Effekt der deutschen Vereinigung. Seit etwa 2000 nimmt der Anteil der Arbeitenden an der Gesamtbevölkerung in allen drei Betrachtungsweisen leicht ab.
Zur Interpretation der Daten wäre es allerdings wichtig, was für Erwerbstätigkeit sich hinter diesen Zahlen verbirgt. Dazu gibt es nicht sehr viele Daten als lange Zeitreihen auf destatis.de, und ich war zu faul, jetzt noch andere Quellen zu suchen und zu vergleichen. Deswegen lässt sich wenig darüber aussagen, ob sich hinter der relativ gleichbleibenden Erwerbstätigenquote ein qualitativer Wandel der Arbeit (“Nichtnormalarbeit”) verbirgt, wie es viele annehmen, oder ob dies nicht der Fall ist. Interessant — und schon ein bißchen in diese Richtung gehend — sind jedenfalls noch zwei Datenreihen:
Abbildung 3 zeigt die Aufteilung der Erwerbstätigkeit nach Sektoren (hier jeweils absolut dargestellt, d.h. in Millionen Personen). 1990 ist wiederum ein Statistikbruch aufgrund der deutschen Vereinigung. Kurz gesagt: die Anzahl der im primären Sektor (Land- und Forstwirtschaft) arbeitenden Menschen sinkt ziemlich kontinuierlich seit 1957. Die Zahl der im sekundären Sektor (Produktion) Tätigen sinkt seit den 1960er Jahren leicht und seit der Vereinigung rapide, d.h. heute sind im Produktionssektor etwa 11 Mio. von 35,5 Mio. Erwerbstätigen beschäftigt (30,8 %), während es 1975 in Westdeutschland 12 Mio. von 16 Mio. waren (46,5 %). Die sinkende relative Bedeutung des sekundären Sektors ist allerdings nicht nur ein Effekt der deutschen Vereinigung, sondern seit Ende der 1960er Jahre zu beobachten. Entsprechend zugenommen hat dagegen in den letzten vierzig Jahren die Beschäftigung im tertiären Sektor (Dienstleistung). Während 1957 etwa ein Drittel aller Erwerbstätigen im Dienstleistungssektor tätig waren, sind es inzwischen zwei Drittel — oder 23,9 Mio. Menschen. Bei einer Ausweitung der Erwerbstätigkeit insgesamt relativ proportional zur Bevölkerungsentwicklung (in Westdeutschland 1957 54 Mio. Menschen, 1977 61 Mio. Menschen und 1997 67 Mio. Menschen + 15 Mio. Menschen durch die Vereinigung) nimmt die relative Bedeutung des Dienstleistungssektors zu Lasten der anderen beiden Sektoren deutlich zu. Wie z.B. Manuel Castells zu Recht anmerkt, ist der Begriff “Dienstleistungssektor” mit Skepsis zu betrachten. Als Residualkategorie umfasst der Dienstleistungssektor Tätigkeiten von der McDonalds-Aushilfe über KrankenpflegerInnen bis zum outgesourcten Softwareentwicklungsteam; auch die Art und Weise, wie festgestellt wird, welchem Sektor eine erwerbstätige Person zuzurechnen ist, ist nicht ganz problemlos. Trotzdem bleibt festzustellen, dass bei absolut etwa gleichbleibender Erwerbstätigenzahl die relative Bedeutung des produzierenden Gewerbes (und erst Recht der Land- und Forstwirtschaft) deutlich zurückgegangen ist.
Abbildung 4 schließlich differenziert die Erwerbstätigen nach beruflichem Status, also nach den drei Kategorien Selbstständige, abhängig Beschäftigte (ArbeiterInnen, Angestellte, BeamtInnen) und mithelfende Familienangehörige. Dargestellt sind wiederum die absoluten Zahlen (mit Statistikbruch 1990/91). Die sinkende Bedeutung mithelfender Familienangehöriger hängt mit der sinkenden Beschäftigungswirksamkeit der Land- und Forstwirtschaft zusammen. Bis 1990 nimmt die Zahl der Selbstständigen leicht ab. Ab dann nimmt ihre Zahl zu. 2004 ist etwa jede/r zehnte der Erwerbstätigen selbstständig tätig (3,9 Mio. Menschen). Hierfür sind sicherlich Trends wie Outsourcing, erleichterte Existenzgründung usw. wichtig — interessant wäre wiederum, wie viele dieser 3,9 Mio. Menschen Klein- und Kleinstselbständige sind. Die große Masse der Erwerbstätigen (2004: 88,1 % = 31,4 Mio. Menschen) ist dagegen als ArbeiterIn, Angestellte oder BeamtIn abhängig beschäftigt. Während diese Zahl allerdings bis 1990 gestiegen ist, ist sie seit der Vereinigung tendenziell am Sinken. Unklar ist in dieser Darstellung, wie weit dies vor allem ein Folgeproblem der Vereinigung darstellt (vgl. auch den massiven Abbau von 1991-1995). Ebenfalls fehlen hier die Möglichkeiten, zu bewerten, was für Tätigkeiten genau sich hinter der großen Masse abhängiger Beschäftigung verbergen.
Nachtrag: Interessant zur aktuellen Arbeitsmarktsituation ist folgende Datei (pdf), auf die “albert” uns hingewiesen hat.
Am 23. April 2008 um 12:54 Uhr
Moin Ihr grünen Frösche,
Na, habt Ihr mal wieder nen paar Bäume gerettet. Super!!!
Am 29. Mai 2008 um 16:06 Uhr
Sehr geehrte Hr. Klaus Meyer,
ich möchte ihnen zu ihrem außerordendlich informativen und intelligenten Kommentar meine Glückwünsche aussprechen.
So haben sie ganz eindeutig ihre Meinung zum Thema Erwerbstätigkeit offen dargelegt.
Ohne näher darauf einzugehen, dass es “einen paar Bäume” nicht gibt,
verbleibe ich in der Hoffnung auf wichtige Kommentare