Besonderer Blick auf junge Menschen – Recht auf Ausbildung!
In verschiedenen Kommentaren ist zu lesen, dass man bei der Debatte um eine Grundsicherung / Grundeinkommen die Menschen nicht in verschiedene Gruppen auseinander dividieren sollte. Dem möchte ich widersprechen. Ich meine, wir müssen uns sehr wohl die Wirkungen einer GS/GE auf gesellschaftliche Gruppierungen ansehen und sehr genau überlegen, ob es zu negativen Auswirkungen kommen kann bzw. ob eine GS/GE schlichtweg zu kurz greift. Der Hintergrund – pauschale Lösungen bergen die Gefahr, dass es erneut VerliererInnen geben kann und ich denke, wir sind uns einig, dass wir genau dieses nicht wollen. Mit diesem Beitrag möchte ich den Blick auf junge Menschen richten.
Das Wissen über das Ausmaß der Jugendarbeitslosigkeit und über das Ausbildungsplatzproblem setze ich jetzt einfach voraus und verzichte auf aktuelle Zahlen. Aber ganz ohne Zahlen komme ich dann doch nicht aus und möchte auf den baden-württembergischen Mikrozensus vom März 2004 aufmerksam machen. Es geht um die 15-25Jährigen (1.250.000 Personen) und ganz konkret um diejenigen, die in dieser Altersgruppe keinen Ausbildungsabschluss haben (890.000 Personen). Die größte Zahl sind natürlich die Nichterwerbspersonen, nämlich 550.000 (Schule, Studium etc.) – aber in dieser Zahl verstecken sich natürlich auch all die jungen Menschen, die schulische Warteschleifen drehen z.B. im BVJ oder anderen Maßnahmen. Entscheidend ist aber, dass 300.000 berufstätig und 39.000 arbeitslos waren – und zwar je ohne berufliche Ausbildung. Erschreckend ist dieses Ergebnis nicht nur wegen der Höhe der Zahl, sondern auch im Vergleich zu den anderen Altersgruppen, die deutlicher weniger Menschen ohne Ausbildung aufzeigen. Erschreckend ist die Zahl insbesondere auch deshalb, weil diese 300.000 junge Menschen als Ungelernte in Bereichen arbeiten, die weiter durch Rationalisierungsdruck und Betriebsverlagerungen bedroht sind und eines ist sicher und bekannt: Das höchste Risiko für Langzeitarbeitslosigkeit ist und bleibt eine fehlende Ausbildung.
Jetzt kann die Antwort sein, jeder bekommt eine Grundsicherung oder ein Grundeinkommen und damit sind auch junge Menschen abgesichert. Natürlich müssen diese jungen Menschen in diesem Sinne finanziell abgesichert werden. Aber finanzielle Absicherung ist zu wenig!
Oben das sind lediglich die nackten Zahlen und sagen über das eigentliche Ausmaß des Problems noch viel zu wenig aus. Schon lange sprechen wir nicht mehr über die so genannten benachteiligten jungen Menschen, denn 80% der arbeitslosen Jugendlichen haben einen Haupt- und Realschulabschluss. Ganze Hauptschulklassen werden am Ende ihrer Schulzeit ohne berufliche Perspektive ins Leben entlassen. Berufliche Träume und Wünsche lösen sich für junge Menschen wie Seifenblasen auf und demotivieren diejenigen, die mit der Gewissheit des gleichen Schicksals folgen. Dabei sprechen wir über junge Menschen, die sich in der aufregenden, aber auch schwierigen, Lebensphase befinden, den Schritt in die Erwachsenenwelt zu machen. Viele sind motiviert und doch erleben sie – der Platz für sie in der Gesellschaft ist nicht vorhanden – man braucht sie nicht. Ganz schlimm wird es dann, wenn die nächste Illusion zerplatzt, nämlich wenn nach einer schulischen Warteschleife ein weiteres Mal der Ausbildungsplatz fehlt.
Meine Frage ist hier nun – reicht es aus, diesen jungen Menschen ausschließlich Geld in die Hand zu geben? Ich rede hier nicht über Gymnasiasten oder Studenten, die schon älter sind und viele Impulse für ihr Leben erhalten haben. Ich rede über 15- bis 18-jährige Jugendliche.
Ich gehe bei diesen Gedanken auch nicht von Visionen aus, wie eine Gesellschaft und wie ein sinnerfülltes Leben in meinen Augen aussehen könnte. Ich bin hier ganz pragmatisch und realistisch und gehe davon aus, dass noch eine lange Zeit Identifikation und Selbstwertgefühl in großem Maße über Erwerbsarbeit erreicht wird.
Ganz realistisch sehe ich darüber hinaus, dass wir in einer individualisierten Fun-Gesellschaft leben und das Konsumdenken eine große Rolle spielt. Gerade junge Menschen sind dem durch unsere Medienwelt extrem ausgesetzt. Meine Frage: Reicht eine GS/GE somit den jungen Menschen?
Zudem – in diesem ganzen Zusammenhang geht es dabei um junge Menschen, die unsere Gesellschaft in 20 Jahre prägen werden – insbesondere wenn man den demografischen Wandel im Auge hat.
Meine Meinung ist dazu eindeutig: Eine GS/GE reicht nicht aus. Ich habe schon an anderer Stelle gefordert, dass wir ein „Recht auf Ausbildung“ brauchen. Damit meine ich keine Zwangsausbildung, sondern dass all diejenigen, die eine Ausbildung machen wollen, dies auch machen können!
Und damit bin ich wieder ganz konkret bei unserer Grundsicherungsdebatte. Haben wir Grüne auch solche Ziele? Dann müssen wir diese in der Debatte formulieren. Am Ende der Debatte müssen wir nämlich ein Modell entwickeln, das alle Ziele umfasst. Insbesondere bei der Debatte über die Finanzierung müssen notwendige Begleitkonzepte (wie beispielsweise ein Recht auf Ausbildung) mitbedacht werden, um VerliererInnen zu vermeiden.
Am 18. Februar 2007 um 22:45 Uhr
hallo frau müller-gemmeke, noch bis vor ein paar jahren hätte ich ihren vorschlag oder ihre forderung nach einem recht auf ausbildung für junge menschen mit großem beifall begrüsst. inzwischen aber stelle ich fest, dass wir mit unserem bewusstsein der realität garnicht mehr nachkommen und dass wir inzwischen mit konzepten und lösungen versuchen der wirklichkeit herr zu werden, die so nicht mehr funktionieren. und tatsächlich bräuchten wir eine art supervisor, der unsere situation aus einer andere perspektive heraus einschätzt. den besten, den ich für mich gefunden habe, kann man hier um rat fragen: http://www.supervision-eu.org/anse/bauman%20dtsch.pdf
ich befürchte nämlich, dass das konzept der ausbildung nicht mehr zeitgemäß ist. natürlich werden viele berufsgruppen immer existieren, nichtsdestotrotz ist die tendenz eindeutig, dass überwiegend stellen wegrationalisiert werden, für die man sich bis jetzt mit einer berufsausbildung qualifiziert hatte. und eine gesellschaft kann doch nicht junge menschen ausbilden mit dem bewusstsein, dass es nach der ausbildung keine arbeitsplätze für alle geben wird. natürlich reicht es nicht aus, jungen menschen nur geld zu geben. aber ein bedingungsloses grundeinkommen ist eine investition, die sie spüren lässt, dass eine gesellschaft ihnen vertraut. es stärkt und fördert die für die entwicklung der so notwendige selbstwirksamkeit. ich befürchte, dass sich heutzutage die politische klasse mit der fordernung nach (aus)bildung nur vom bildungsbürger aus der wirklichen verantwortung entlassen lässt. wenn man ein echtes bedingungsloses grundeinkommen fordert, sollte man sich klar machen, dass man sich dann das bildungssytem (zum teil) wahrscheinlich neu denken muss. ich glaube, dass dem menschen mit einem bedingungslosen grundeinkommen grundsätzlich ein anderer stellenwert zugemessen werden würde. der mensch würde den arbeitgeber ja nichts kosten und so grundsätzlich erstmal einen sehr großen mehrwert bedeuten. in der vergangenheit konnte sich der mensch diesen merhrwert durch eine ausbidung oder studium aneignen. heutzutage ist ein studium nahezu kein mehrwert mehr. selbst jahre lange erfahrung ist kein mehrwert mehr, der einem eine für das leben so notwendige sicherheit bieten könnte. deswegen ist ein echtes bedingungsloses grundeinkommen für mich keine stilllegungsprämie sondern eine notwendige investition. für mich stellt sich im zusammenhang mit dem bedingungslosen grundeinkommen die frage, wie muss sich das bildungssystem der gegebenen situation anpassen. wie geht das bildungssystem mit der tatsache um, dass sie menschen nicht nur für von der industrie vorgegebene projekte ausbildet.
Am 20. Februar 2007 um 14:01 Uhr
werden also mit einem bge die schulen geschlossen? die betriebe bilden nicht mehr aus? wird die gesellschaft noch egoistischer?
das ist mir alles zu stark vom heute aus gedacht …
heute erleben wir den höhepunkt einer auf gnadenloser konkurenz aufgebauten marktwirtschaft. diese situation würde durch ein auskömmliches bge grundsätzlich geändert. die angst im kampf um die besten plätze würde abnehmen, azubiplätze würden plötzlich bezahlbar, viele zusätzlich arbeitsplätze würden entstehen. wir erlebten vermutlich ein immenses wirtschaftswachstum …
ganz persönlich und praktisch: wenn ich von meinem eigenen büro ausgehe, könnte ich die vielen gesuche nach praktika bzw. volontaria von schülern oder studenten endlich positiv beantworten und nicht wie bisher leider eben negativ, da ich in der gegenwärtigen situation keine solche stelle finanzieren kann.
trotzdem bin ich für eine bildungsoffensive, die brauchen wir sofort und vor allem brachen wir sie heute, eben auch weil wir noch kein bge haben. in einer weniger stressgeplagten und angstfreieren gesellschaft mit bge könnte auch bildung wieder einer viel natürlicheren stellenwert bekommen. viel mehr arbeit könnte dabei von bisher ehrenamtlichen, dann in zukunft bge bezahlten netzwerken getan werden. vor allem die familienstrukturen würden wieder gestärkt, denn dort befindet sich der größte (und am meisten vernachlässigte) bildungssektor …
Am 20. Februar 2007 um 19:09 Uhr
Hi Stefan,
ich habe nicht gesagt, dass durch ein Grundeinkommen die Situation für junge Menschen noch schlimmer wird! Ich wollte nur darauf hinweisen, dass wir Ziele formulieren müssen. Die Umsetzung der Ziele kosten nämlich Geld und dies muss bedacht werden. Im Endeffekt werden wir eine Summe an Geld zur Verfügung haben, um alle Ziele zu erfüllen. Dabei meine ich natürlich auch, dass es Umverteilung geben muss. Letztlich wird es aber eine Summe X zur Finanzierung der GS/GE geben und daran wird sich zwangsläufig die Höhe einer GS/GE orientieren, ebenso wie an einem Existenzminimum. (Übrigens Götz Werner fängt auch klein an – mit ca. 600 €). Und in diesem Zusammenhang muss man auch beachten, in welche zusätzliche Konzepte muss ebenfalls investiert werden – z.B. in die Zukunft der jungen Menschen.
Aber zum Umbau in Richtung Mehrwertsteuer: Was mir immer mehr auffällt ist, dass dieser Umbau anscheinend keine VerliererInnen, sondern nur GewinnerInnen haben soll. Kann mir dies mal jemand mathematisch erklären? Wie soll sich das Geld nur durch die Umstellung des Steuersystems einfach so vermehren? Und eine weitere Frage habe ich auch: Warum sollen Unternehmen auf einmal vermehrt Arbeitsplätze bzw. Ausbildungsplätze anbieten? Auch wenn (theoretisch) die Unternehmen entlastet werden, muss dies nicht zwangsläufig zu mehr Arbeit und Ausbildung führen. Rot-grün hat Steuersenkungen gemacht – ohne beschäftigungswirksame Folgen. Derzeit gibt es wieder satte Gewinne und trotzdem gibt es keine Entlastung auf dem Ausbildungsmarkt. Mir scheint es wirklich so, als wenn hier die rosarote Brille gezückt wird.
Am 20. Februar 2007 um 20:44 Uhr
hallo stefan, hallo beate, natürlich muss im bildngssektor sehr viel passieren. aber das argument “mehr bildung” seitens der politik finde ich inzwischen sehr suspekt. ich habe es in den letzten jahren aus allen parteien zu oft gehört. und wir sehen, dass es nichts genützt hat. das problem im bildungssektor ist für mich kein finanzielles. mehr lehrer in den hauptschulen werden den schülern auch nicht helfen können, nach der schule einen job zu finden. daher finde ich, ist die forderung nach dem bge eine erste und die notwendigste. dass das problem des bildungssystems kein primär finanzielles ist, sieht man daran, dass die lehrerlobby sich gegen veränderungen im bildungssystem wehrt. wie schnell hat die öffentlichkeit den besuch von un-sonderberichterstatter munoz vergessen? man muss die dreiteilung des schulsystems und damit die zu frühe selektion aufheben. das ist primär keine finanzfrage.
Am 20. Februar 2007 um 20:54 Uhr
“man muss die dreiteilung des schulsystems und damit die zu frühe selektion aufheben. das ist primär keine finanzfrage.” Lieber albert, da gebe ich dir Recht. Allerdings ist das eine politische Frage. Die Konservativen wehren sich mit Händen und Füßen gegen die Überwindung der Dreigliedrigkeit und damit gegen die soziale Selektion im Schulsystem. Grüne Programmatik sieht eine Basisschule bis Klasse 10 an und ein individualisiertes Lernverständnis. Hier steht die Frage “wie kann jedes Kind entsprechend seiner Fähigkeiten gefördert werden” und nicht “wie erreicht es das Klassenziel”. Hier mit dem BGE zu argumentieren, dass es schon richten werde, überhöht die Grundeinkommensidee ins Absurde.
Am 20. Februar 2007 um 21:15 Uhr
hallo daniel, ja ich stimme dir zu. natürlich wird das bge das problem der dreigliedrigkeit nicht lösen. aber es schafft einen boden, auf dem dann das problem tatsächlich angegangen werden könnte. für mich ist klar, solange kinder aus ärmeren familien nicht ohne weiteres am schullandheim teilnehmen können oder aus geldnot in vereinen ihrem ehrgeiz nicht nachgehen können, nützt jegliche pädagogische anstrengung nichts.
Am 25. Februar 2007 um 04:13 Uhr
@albert
Das Problem der meisten Hauptschüler ist doch ihre mangelnde Qualifikation. Einfach nur mehr Lehrer ins alte System bringt uns da sicher nicht entscheidend weiter, aber ein Umbau des Bildungssystems zu Basisschulen mit Ganztagesbetrieb und vernünftigem Unterricht, der auf die Stärken und Schwächen der einzelnen Kinder eingeht, kostet viel Geld.
Und mit besserer Bildung sind auch die Chancen auf dem Arbeitsmarkt viel besser. Geringqualifizierte werden in Deutschland zunehmend weniger gebraucht, Hochqualifizierte hingegen immer mehr.
Das jetzt mal ganz unabhängig von der Grundeinkommensdiskussion.
Am 25. Februar 2007 um 09:55 Uhr
@henning: ich halte mich da an rifkin: das argument der besseren qualifizierung ist ein pseudoargument:
siehe ein interveiw mit rifkin in der stuttgarter zeitung http://www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/detail.php/917508/artikel_bildlinks_druck:
“Es liegt daran, dass viele Politiker Europa lieber als Sündenbock missbrauchen, anstatt sich dem Grundproblem zu stellen: Die Arbeit verschwindet. Das will kein Politiker seinen Wählern erzählen. Stattdessen betet man immer wieder dieselben drei Pseudotheorien herunter.
Drei Pseudotheorien?
Immer dieselben drei, ja. Erstens: Wir verlieren in unserem Land Jobs, weil die bösen Unternehmer Stellen ins Ausland verlagern. Zweitens: Wir haben genug Jobs, die Leute sind nur nicht richtig ausgebildet. Und drittens: Wir haben zu wenig Jobs, weil die Sozialabgaben zu hoch sind. Alle drei Argumente sind absurd.
Wissen Sie, dass genau diese Argumente gerade in Deutschland diskutiert werden?
Natürlich weiß ich das. Ihre Regierung hat mich vor kurzem wieder zu einem Vortrag eingeladen. Aber der Reihe nach. Erstens: Die Zahl der Jobs, die in Deutschland verschwinden, weil sie zum Beispiel nach Osteuropa oder China verlagert werden, ist verschwindend gering. Sie macht nur rund ein Prozent der abgebauten Stellen aus. Der wirkliche Jobkiller ist der technische Fortschritt. Aber davon hören Sie von den Politikern kein Wort. Maschinen machen sich als Buhmann eben schlechter als Chinesen oder Polen.
Was ist das zweite Pseudoargument?
Das ist auch so eins für die Wahlreden: Wir müssen die Leute nur richtig ausbilden oder weiterbilden und schon ist das Beschäftigungsproblem gelöst. Nehmen wir mal an, man könnte tatsächlich alle fünf Millionen Arbeitslosen in Deutschland so fortbilden, wie sich die Politiker das vorstellen. Was wäre denn dann? Es gebe immer noch nicht genug Jobs. Die Zeit der Massenarbeit ist vorbei. Wir werden nie wieder tausende von Leuten sehen, die aus den Fabriktoren strömen. In Zukunft wird Arbeit etwas für die Eliten sein. Für besondere Aufgaben wird man immer noch die Topärzte, Topanwälte oder Topdesigner brauchen. Aber Durchschnittsqualität kann ein Computer oder ein Roboter billiger liefern.”
Am 25. Februar 2007 um 11:46 Uhr
Hallo Henning, hallo ihr,
> Das Problem der meisten Hauptschüler
> ist doch ihre mangelnde Qualifikation.
Das ist doch ein schlichter Fehlschluß. Da wird erklärt, es gäbe ein Haus, das nennt sich Erwerbsarbeit. Und zu diesem Haus gibts dann den passenden Schlüssel, der heiße Bildung.
Ja, wie kommen wir denn darauf, die Ankurbelung der Schlüsselproduktion vermehrte die Zahl der Räume in diesem Haus??
> Geringqualifizierte werden in Deutschland zunehmend we-
> niger gebraucht, Hochqualifizierte hingegen immer mehr.
Es gibt wohl eine zu geringe Entlohnung. Daraus lässt sich jedoch keine zu geringe Qualifikation ableiten. Tatsächlich ergibt sich die zu geringe Entlohnung aus dem Zwang, jede Arbeit anzunehmen. Dem beizukommen soll das Grundeinkommen dienen.
Mit dem unverlierbaren und individuellen Anspruch auf Leistungen in Selbstbestimmung und Teilhabe ermöglichender Höhe, würden wir wohl schnell erkennen, daß eine ganze Reihe heute schlecht entlohnter Jobs durchaus einer besonderen Qualifikation bedürfen.
__
Aus dem der grünen BuTa-Forum;
Ein Reflex geht durch das Land:
Die Wirtschaft braucht was.
Die Wirtschaft schnippt mit dem Finger
und alle hüpfen und springen wir.
Die Wirtschaft braucht Ingenieure -
also haben wir zu wenige.
Nicht etwa, daß die Wirtschaft zu viel Geld hätt.
Den 3-Liter-pkw hats gegeben.
Den wollte keiner sehen.
Obdachlose auch.
Die Grundlage für das Leben in arbeitsarmer Umgebung
ist notwendig nicht-ingenieurmäßig.
Da wäre freilich zuvor einzusehen
daß nicht erst Ingenieurskünste
sondern einfach die große Distanz zum letzten Krieg
entscheidend zu unserem Wohlstand beiträgt.
In Maßen genossen
sind Ingenieure bekömmlich.
Erklärung:
Wir können den 3-Liter-pkw als (relative) Ingenieursleistung bewerten.
Damit (und erst recht, wenn uns Bus&Bahn einfallen) ist
1. der 4-Liter-pkw keine, und
2. der Wirtschaft Bedarf an Ingenieuren (und deren 4-Liter-Blech!) die fragwürdige Leistung fehlgehender Kommerzienräte.
Verbreitet ist die Ansicht, der Kleinstwagen sei eine kleine Ingenieursleistung und also die schwere Limousine eine große. Aber nur der erste Punkt ist wahr.
__
dank an albert,
liebe grüße-
bernd
Am 25. Februar 2007 um 13:47 Uhr
der link oben zum interview mit rifkin ist nicht richtig wiedergegeben. daher hier nochmal:
http://www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/detail.php/917508/artikel_bildlinks_druck
Am 25. Februar 2007 um 17:36 Uhr
@Bernd + albert
Die Anzahl der (besetzten und unbesetzten) Arbeitsplätze ist keine feste Größe. Sie verändert sich. Gerade im Bereich der IT zum Beispiel können viele Arbeitsplätze nicht besetzt werden und dadurch entstehen weitere erst gar nicht. Ich brauch eben erst jemanden, der mir ein System konzipiert und entwirft, bevor ein Programmierer es dann programmiert und ein Designer das Layout macht. Ohne den Ersten in dieser Kette werden die nachfolgenden Arbeitsplätze gar nicht erst ausgeschrieben.
Dazu kommt, dass deren Büroeinrichtung ja dann auch irgendwoher kommen muss, das Büro muss geputzt werden usw. Die Anzahl der Arbeitsplätze ist keine fixe Größe.
Und zum Thema Ende der Erwerbsarbeit. Guckt euch mal diese Zahlen an. Ein paar Auszüge:
Anzahl der Erwerbstätigen in Deutschland insgesamt:
1957 – 25,5 Mio.
…
1967 – 25,9 Mio.
…
1977 – 25,9 Mio.
…
1987 – 27,1 Mio.
…
1990 – 27,3 Mio. (West-D)
1991 – 37,4 Mio. (Gesamt-D)
..
1993 – 36,4 Mio.
..
1995 – 36,0 Mio.
..
1997 – 35,8 Mio.
..
1999 – 36,4 Mio.
..
2001 – 36,8 Mio.
..
2003 – 36,2 Mio.
Ich sehe da Schwankungen, aber ein kontinuierliches Abnehmen sehe ich nicht.
Und ganz abgesehen von der IT werden durch den demographischen Wandel im Bereich Gesundheit und Pflege viele Arbeitskräfte gebraucht.
Die Erwerbsgesellschaft ist in einem großen Wandel, aber nicht am Ende. Außerdem ist doch Bildung auch der Schlüssel zu einem selbstbestimmten Leben. Nur so kann ich selbst Zusammenhänge erkennen und verstehen, ohne immer darauf angewiesen zu sein, was andere mir eintrichtern.
Am 25. Februar 2007 um 19:15 Uhr
Hi ihr, lieber Henning,
jetzt möchte ich mich doch noch einmal einmischen und ich freue mich über den letzten Beitrag von Henning. Ich sehe es genauso. Die Erwerbsarbeit wird nicht ausgehen – aber es braucht eine Umorientierung. Im Dienstleistungsbereich (qualifiziert und wenig qualifiziert) schlummert noch viel Beschäftigung / im Energiebereich und Verkehrsbereich ebenso / und insbesondere im Bereich der haushaltsnahen Dienstleistung und im Gesundheitsbereich, denn unsere Gesellschaft wird älter. Ich sage nicht, dass Vollbeschäftigung möglich wird, aber die Erwerbsgesellschaft ist auch nicht am Ende.
Aber ich möchte noch einmal vor allem den Blick auf die jungen Menschen richten. Natürlich spielt hier Bildung eine große Rolle. Aber dies ist ein eigenständiges politisches Anliegen und zwar unabhängig von der Diskussion um eine Grundsicherung / Grundeinkommen. Mir geht es um den Aspekt „Ausbildung“ und zwar unabhängig ob dies in qualifizierten oder wenig qualifizierten Bereichen geschieht – Hauptsache hier passiert etwas. Ganz konkret dazu meine Meinung: Ein Grundeinkommen kann hier keine Alternative sein und zwar egal wie hoch dieses ausfällt. Mir graust es, wenn ich mir überlege, wir geben Jugendlichen Geld in die Hand mit der Perspektive, dass sie schon vor ihrem Erwachsenenleben keine Chance auf einen Arbeitsplatz haben und damit wissen, dass sie viele Träume (durchaus auch finanzieller Art) begraben müssen. Im Übrigen sehe ich auch den demografischen Wandel. Schon heute hat beispielsweise das Handwerk Sorgen, wer später die Arbeit diese Dienstleistung verrichten soll. Kurzum – es kann nicht sein, dass wir fast ein Viertel eines Jahrgangs ohne Ausbildung lassen. Das bringt zukünftig Probleme. Die Gründe, warum derzeit so viele Jugendlichen nicht ausgebildet werden sind natürlich vielfältig: fehlende Bildung, fehlende soziale Kompetenz bei den Jugendlichen, fehlende soziale Verantwortung seitens der Unternehmen, finanzielle Probleme bei den Betrieben und Unternehmen. Mit Recht auf Ausbildung meinte ich, dass Appelle an die Wirtschaft nicht ausreichen. Es gibt so viele Möglichkeiten, dass Jugendliche in Ausbildung gebracht und zusätzliche Ausbildungsplätze entstehen – dazu muss man aber auch Geld in die Hand nehmen (z.B. durch assistierte Ausbildung, überbetriebliche Ausbildung, Ausbildungsverbünde, Ausbildungszuschüsse usw.). Warum schreibe ich dies wieder? Wenn wir über eine Grundsicherung / Grundeinkommen reden, sollten wir die Bedürfnisse und Sichtweisen aller, über die wir reden, beachten. Wie gesagt, für junge Menschen reicht ein Grundeinkommen nicht aus. Jetzt bin ich wieder bei der Finanzierung – eine GS/GE muss finanziert werden, aber ebenso auch Ausbildung für junge Menschen.
Am 25. Februar 2007 um 21:05 Uhr
@Henning: die Erwerbsquote sagt relativ wenig aus, weil sie zwei Differenzierungen unsichtbar macht:
(1) Die Differenzierung zwischen abhängigen und selbstständigen Beschäftigten.
(2) Die Differenzierung zwischen “Normalarbeit” und “Nichtnormalarbeit” (also z.B. nach der Zahl der Arbeitsstunden, nach der Dauer von Verträgen). ((Interessant ist dies insbesondere im Kontext einer nicht existenzsicherenden Beschäftigung)).
Und dann muss das ganze natürlich immer noch zu einer sich ja auch verändernden Grundgesamtheit in Beziehung gesetzt werden.
Daten, die das alles berücksichtigen, sind leider nicht ganz so einfach zu bekommen, wären für die weitere Debatte aber sicherlich spannend (Ulrich Beck z.B. argumentiert für einen grundlegenden Wandel der Erwerbsgesellschaft damit, dass der Anteil an Nichtnormalarbeit von 1970 bis 2000 deutlich zugenommen hat).
Am 25. Februar 2007 um 21:47 Uhr
@ Henning
Ich hab weder geschrieben, daß uns die Arbeit ausgeht, noch, daß uns die Erwerbstätigkeit ausgeht.
Ich begrüße aber, daß du ein Leben jenseits der it-branche und dessen Büroeinrichtung siehst. Und Bildung als Schlüssel zum selbstbestimmten Leben.
Angemerkt sei noch, daß neben diesem ein weiterer Schlüssel erforderlich ist, die Tür zu öffnen. Diesen liefert erst die die Emanzipation vom Dienst an den Begierden der Wirtschaft ermöglichende Gesellschaft – in Form eines unentziehbaren Anspruches auf ein Einkommen in Teilhabe ermöglichender Höhe.
Und ebenso erforderlich dafür ist die Möglichkeit zur Aneignung von (nach Max Scheler) Bildungs- und Erlösungswissen im Ggsatz zum Herrschaftswissen, also eine bestimmte Form des ersten Schlüssel. Naturwissenschaft und ihr ‘robuster Sprössling’ Technik sind eine ‘Veranstaltung im Interesse am Herrschaftswissen’. Dieser Form des Wissen gegenüber sind die beiden anderen genannten in hohem Maße unterentwickelt.
GruSi und Grundeinkommen sollen, indem die Leistungen entsprechend hoch bemessen werden, behinderte, dh. in besonderem Maße bedürftige Menschen in die Lage versetzen, Dienste nachzufragen. Damit nicht wieder ‘alles’ in der Verwaltung/Überwachung der Knappheit verbraten wird, schlage ich vor, Behinderten ab einem GdB > 50% Ansprüche zu gewähren in Höhe jener von Rentnern/Erwerbsunfähigen, also ohne weitere Prüfung 856,- zzgl. K/Pf-V.
@ beate
Grundeinkommen und Grundsicherung zielen auf den Ausbau der Selbstbestimmung der Menschen. Mit ihnen wird sich die Lohnlandschaft grundlegend verändern. Davon ausgehend vermeide ich die Bezeichnungen (hoch-)qualifiziert hier bzw. un-, nicht- wenig- oder gering- dort. Zunächst, heute sind Tätigkeiten -bezahlt. Welche je besondere Qualifikation für sie erforderlich ist, wissen wir, wenn Menschen die Möglichkeit haben, sich, ihre Fähigkeiten dem Markt zu entziehen.
Die von Arbeitgeberverbänden geäußerten Sorge ob zukünftig mangelnder ArbeiterInnen dienen doch nichts anderem, als die Politik zu bewegen, ihnen heute eine möglichst große Zahl SucherInnen zuzurichten.
Tatsächlich ist die Zahl der Arbeits- und Ausbildungsplätze wohl unzureichend. Ebenso wie Appelle an die Wirtschaft, dies doch zu ändern. Schon deshalb muß eine Angebotsreduktion auf dem Arbeitskräftemarkt sinnvoll erscheinen. Grundeinkommen und Grundsicherung führen genau dazu, da viele körperlich angestrengt tätige Ältere sich zurückziehen dürften.
Weiter sollte Ziel in der Diskussion um eine emanzipatorische Sozialpolitik nicht sein, wen auch immer in Arbeit oder Ausbildung zu bringen, sondern den aus eigenem Antrieb danach Suchenden die Möglichkeit zu Arbeit und Ausbildung anzubieten. Unser Ziel ist ja die Stärkung der Eigenmotivation.
In Bezug darauf verspreche ich mir von solcher Politik eine Umkehr bisheriger Erwerbsverläufe. Nicht mehr, wie heute üblich, horizontale Schichten, in denen jedeR ein Leben lang den selben Beruf ausübt, die einen vor den Werkbänken, die anderen hinter den Schreibtischen, sondern vertikale Schichten, wo ‘jedeR’ nach der Schule zunächst praktisch-, und einige Jahre später, nach einem Studium, theoretisch tätig ist.
liebe grüße-
bernd
Am 25. Februar 2007 um 22:09 Uhr
@henning:
zuwachs innerhalb von 46 jahren: ca. 10 millionen. nicht besonders viel. und hast du schon mal gesehen, was zwischen 2003 und 2005 geschehen ist? die zahl der erwerbstätigen ist bei ca. 38,6 millionen stehen geblieben. und weißt du, was das dramatische ist? dass die anzahl der sozialversicherungspflichtigen arbeitsverhältnisse 2003 bei ca. 27 millionen lag und 2005 schon bei 26 millionen. das ist wahnsinn. das muss man sich auf der zunge zergehen lassen. 14 millionen menschen haben 2003 in nicht sozialversicherungspflichtigen arbeitsverhältnissen gearbeitet. man beachte die daten des statistischen bundesamtes, insbesondere das schaubild 22: http://www.destatis.de/presse/deutsch/pk/2006/ilo_schaubilder_i.pdf
und dann die einschätzung der tendenz:
http://www.destatis.de/presse/deutsch/pm2006/p1310031.htm
natürlich wird die arbeit nicht aussterben. aber wir sehen, was rifkin meint, wenn er davon spricht. das normale sozialversicherungspflichtige arbeitsverhältnis wird so nicht mehr bestehen können. das statistische bundesamt spricht inzwischen von der “erosion des normalarbeitsverhältnisses”. jeder siebte arbeitnehmer fühlte sich 2003 unterbeschäftigt und die zahl der menschen, die aus großer angst einfach unmenschliche arbeitsverhältnisse aushalten ist mir leider noch nicht bekannt. ulrich beck hat recht und wir sollten von sozialversicherungspflichtigen erwerbstätigen sprechen, wenn wir über statistiken reden.
Am 25. Februar 2007 um 22:50 Uhr
@henning: bezogen auf das argument der bildung/richtigen bildung
ich finde es ist inzwischen ein skandal, dass teile der wirtschaftseite den menschen für dumm erklären. meines erachtens nach spezialisieren sich menschen der einzelnen disziplinen im beruf ja gerade konkreter aus. in den 60ern war es ja oft so, dass auch in hoch spezialisierten bereichen quereinsteiger genommen worden sind und die später auch sehr erfolgreich in ihrem beruf waren. 1997-1999 war es sogar so, dass im it-bereich menschen angefangen haben zu arbeiten, ohne überhaupt eine adäquate ausbildung zu haben. die professoren haben von studenten das programmieren gelernt. ich würde sogar soweit gehen und behaupten, dass zum teil die ideologie der “formalen bildung” am ausschluss des menschen aus der teilhabe an arbeit und gesellschaft beteiligt ist. ich weiß, dass ralf dahrendorf vielleicht als links-liberal denkender nicht so recht ins grüne blog passen will. aber gerade im zusammenhang mit der forderung nach mehr formaler bildung will ich an seine kritik der meritokratischen gesellschaft erinnern und in diesem zusammenhang an das buch von michael young, “the rice of the meritocracy” hinweisen. http://de.wikipedia.org/wiki/Meritokratie
als im januar 2006 der un-sonderberichterstatter munoz deutschland besuchte und das deutsche bildungssystem und die mangelden chancen von migrantenkindern kritisiert hatte, gab es eine bildungskonferenz, bei der dahrendorf auf das bidlungsparadoxon hingewiesen hatte. er hatte allen empfohlen nochmal das buch von michael young zu lesen. er kritisierte die aktuell herrschende, meritokratische gesellschaft, für die meriten formale bildungsabschlüsse bedeuten.
“Tatsächlich erscheint unsere heutige Meritokratie lediglich als eine weitere Version jener Ungleichheit, die alle Gesellschaftsformen kennzeichnet. Sie könnte sogar eine besonders grausame Form der Ungleichheit sein, da diejenigen, denen der Erfolg versagt bleibt, nicht argumentieren können, dass sie Pech hatten oder von „denen da oben“ am Aufstieg gehindert wurden. Vielmehr müssen sie folgern, dass sie persönlich gescheitert sind und dass keine noch so große Anstrengung sie retten kann.
Man muss an dieser Stelle einen weiteren von Young beschriebenen Aspekt berücksichtigen: Meritokratie bedeutet nur, dass wieder eine herrschende Gruppe die Tür hinter sich zusperrt, sobald sie ihren Status erreicht hat. Diejenigen, die es durch akademische Leistung „geschafft“ haben, wollen jetzt auch alles andere – nicht nur Geld und Macht, sondern auch das Sagen darüber, wer eingelassen wird und wer draußen vor der Tür bleiben muss. ”
http://www.project-syndicate.org/commentary/dahrendorf37/German
Am 25. Februar 2007 um 23:03 Uhr
@Albert: Danke für den Hinweis auf die ILO-Schaubilder. Zu den “langen Reihen” habe ich hier einen Beitrag mit einigen Schaubildern und Statistiken geschrieben.
Am 25. Februar 2007 um 23:04 Uhr
Hi Bernd,
ich habe nicht gesagt, dass ich mit aller Gewalt jeden jungen Menschen in eine Ausbildung stopfen möchte (schon wieder die Falle mit “Zwangsarbeit”). Ich rede über all diejenigen jungen Menschen, die eine Ausbildung machen WOLLEN und dies sind nun mal die meisten! Außerdem spreche ich nicht von gradlinigen Erwerbsbiografien – das war noch nie mein Thema. Mit einer Grundsicherung muss ja eben genau aufgefangen werden, dass es diese Gradlinigkeit nicht mehr geben wird. Die Frage ist aber, wo sollen junge Menschen lernen, eigenverantwortlich eine irgendgeartete Erwerbsbiografie zu starten? Das lernt man nicht in der Familie, nicht in der Schule, sondern nur im Arbeitsleben und deswegen ist eine Ausbildung wichtig. Vielleicht widersprechen wir uns gar nicht. Ich möchte eine Grundsicherung für alle Menschen, aber ich möchte auch Ausbildungs- und Arbeitsangebote für all diejenigen, die es wollen. Aber dazu muss dies auch als Ziel benannt werden.
Am 26. Februar 2007 um 00:31 Uhr
@till und bernd
gern geschehen. ;-)
viele grüße ebenfalls