Dahinter stehen Menschenbilder
Huch, da hab ich was ausgelöst — das Fazit meines letzten Blogbeitrags habe ich auch in die “echte” Debatte eingebracht. Und die letzten paar Redebeiträge haben sich dann auch darauf bezogen, und nicht mehr auf die Frage, ob positive Sanktionen (Anreize) oder negative Sanktionen (Strafen) motivierender sind. Die Idee, dass es auch wichtig wäre, sich mit den hinter diesen Ideen stehenden Menschenbildern auseinanderzusetzen, scheint also auf fruchtbaren Boden zu fallen. Deutlich wird, dass das grüne Menschenbild ganz schön komplex ist: der Mensch ist nicht unbedingt per se gut (“naives Menschenbild”), und er reagiert auch auf Anreize und Sanktionen. Aber es gibt doch mehr, zumindest scheint das für große Teile der Bevölkerung zu gelten. Jedenfalls wird jetzt kontrovers darüber diskutiert, ob Sanktionen etc. beim derzeitigen Arbeitsmarkt überhaupt hilfreich sind, ob nur BildungsbürgerInnen von sich aus aktiv sind, oder ob zu einem grünen Gesellschaftsbild auch die Vorstellung gehört, dass viele bereit sind, etwas zu tun, wenn es unbürokratische Räume und materielle Möglichkeiten dafür gibt.
Am 10. Februar 2007 um 16:34 Uhr
hallo, till, das mit den menschenbildern ist ja eine sehr weitläufige, komplexe sache.
ich kann nur dazu aus eigener, zweijähriger erfahrung mit “alg2″ (meiner erachtens besser elg- sprich erwerbslosengeld…) sagen, dass die situation als “bedürftiger”, sprich bittstellender per se eine erniedrigende ist in einer postindustriellen, hochentwickelten gesellschaft mit individualisierten, emanzipierten mitgliederInnen wie der unseren.
die prüfung jedwelcher bedürftigkeit bringt von vornherein ein machtgefälle mit allen sich daraus ergebenden konsequenzen mit sich.
vom menschenbild her überzeugt mich bisher das am meisten, welches ich bei den nachdenkseiten von a. müller (ja, leider von der spd…) in einer soziologischen untersuchung zu den möglichen und vorherrschenden motiven für (erwerbs)arbeit gefunden habe: nämlich das bestreben nach glück!
der faktor geld wird viel zu sehr überschätzt, was das angeht und ebent deswegen als zwangsmittel eingesetzt.
mit der einführung eines grundeinkommens wäre ja auch eine umkehrung der machtverhältnisse gegeben…
und ausserdem finde ich die “tiefe” und den umfang der einflussnahme unserer “staatlichen” autorität(en) mittlerweile beängstigend…
Am 10. Februar 2007 um 17:43 Uhr
wir müssen uns auch eine andere wirklichkeit denken, wenn wir über die künftige situation mit bge nachdenken. wenn wir jetzt über das menschenbild nachdenken und es jetzt an den gegebenen realtiäten messen, dann wird es schwierig. wir sagen, der mensch ist nicht faul. dies wäre politisch gedacht durchaus ein neudenken des menschen, was ich für erstrebenswert halte. das gegenargument kommt aber schnell: der bildungsbürger o.ä. ist nicht faul. was macht man mit der “unterschicht”? dies ist jedoch die realität von heute. aber wenn man einen möglichkeitssinn besitzt, stellt man fest, dass dann plötzlich das bildungssystem unter anderem druck stehen würde. es könnte nicht einfach menschen für industrielle projekte zurechtschustern. eine hauptschule könnte einfach nicht existieren. bildungssysteme müßten nachhaltig gesehen ihre legitimität neu begründen und zwar vom einzelnen menschen und nicht aus dem system heraus. daher ist es schwierig, die meßlatte von heute zu nehmen. unabhängig davon ist es eine doppelmoral, wenn bspw. die spd ihre eigenen wähler für faul hält und das bge zu einer stilllegungsprämie erklärt, auf der anderen seite aber schon seit ca. 30 jahren diese hohe massenarbeitslosigkeit toleriert. auch wenn die spd recht hätte, dass bevölkerungsteile aus dem gesellschaftlichen leben ausgeschlossen wären, was ich nicht glaube, aber auch dann wünsche ich jedem bürger in dieser situation ein bge als alg 2. daher ist das stilllegungsargument der spd völlig irrelevant.
Am 14. März 2007 um 18:32 Uhr
Hallo, ich kenne die Debatte zu einem Grundeinkommen vom Promoter Götz W. persönlich. Er vertritt seine Thesen sehr eloquent auf der Hauptversammlung der GLS-Bank. Ich finde es auf den ersten Blick bestechend. Auch seine auf Einwände immer gestellte Frage “ob man selber denn weniger arbeiten würde, wenn man ein unbedingtes Grundeinkommen bekäme” (natürlich nicht!) hat etwas…. A Gschmäckle?!?
Schauen wir uns doch mal die Leute an, die über ein Grundeinkommen diskutieren und die, welche bereits eins bekommen (Hartz4) oder sehr gefährdet sind eins zu bekommen. All jenen, die eifrig darüber diskutieren, ob der Mensch von Natzur aus faul oder nicht ist, empfehle ich in einem größeren Industriebetrieb (z.B. am Band/Montage) zu hospitieren. Sie werden nämlich feststellen, dass diese Menschen ganz andere Prioritäten haben, als die Suche nach Glück in der Arbeit. Diese Menschen gehen voll in ihrer Freizeit auf. Morgens kommen und möglichst fit so schnell wie möglich wieder weg. Das bringt die Art der Arbeit einfach so mit sich. Sollte es so sein, dass das Grundeinkommen in gleicher Höhe jedem Menschen egal welchen Alters (z.B. auch Säuglingen) gezahlt wird, dann werden diese Menschen zu einem erheblichen Teil aus dem Job gehen.
Die haben nichts Schönes an der Arbeit, da ist jeder Euro Schmerzensgeld und nicht Entgelt. Nicht wir, die gutausgebildeten, gutbezahlten Kreativlinge sind das Problem, sondern diejenigen, die tatsächlich im “Schweiße ihres Angesichtes ihr Brot essen”. Für diese Gruppe halte ich die Versuchung für zu groß. Wir brauchen sie aber, da sie das Rückrat unseres Wohlstands erarbeiten. Damit sie weiter arbeiten, müsste man ihnen mehr Lohn zahlen. Dadurch geht die Wirtschaftlichkeit verloren und was folgt kann sich jeder an seinen 5 Buchstaben abfingern. Götz W. sagt immer, dass das Geld bereits da ist, man würde es nur umschichten müssen. Auf meine Bitte nach einer Konkretisierung blieb er aber die Antwort schuldig.
Am 14. März 2007 um 19:23 Uhr
Ob Du GW persönlich kennst oder nicht, ist ziemlich irrelevant … darum hat Deine Skepsis trotzdem keinen größeren Stellenwert …
Natürlich ist es Schmerzensgeld, da gebe ich Dir Recht, und über kurz oder lang wird es diese Arbeitsstellen zum Glück nicht mehr geben. Mir wäre es recht, wenn alle diese Arbeitsplätze verschwinden, bzw. so wie GW sagt: “Wir sind dabei den Menschen von dieser Arbeit zu befreien” … + … “die Arbeitgeber müssen sich eben etwas einfallen lassen um diese Arbeitsplätze atraktiv zu machen, weil es sich die Leute dann aussuchen könnten, ob sie dann noch diese Arbeit machen wollen oder nicht.”
Du ziehst leider die falschen Schlüsse:
… “die Versuchung ist zu groß” warum unterstellst Du jemandem, der diese Jobs nicht mehr machen will, dass er sich auf die faule Haut legen möchte und dann unsere Gesellschaft nicht weiter durch seine Arbeit fördern möchte. Er wird dies sicher tun (so wie Du auch, oder was würdest Du tun? Es sind eben immer die anderen die nur abhängen wollen …), nur vielleicht am anderen Ort. Vielleicht werden wir dann endlich das Ende dieser merkwürdigen Lebensteilung in Arbeit und Hobby erleben.
Betr. Wirtschaftlichkeit: unterschlägst Du, dass im GW BGE Ansatz eine komplett andere Steuerfinanzierung vorgeschlagen wird, die die Unternehmen vom Faktor Arbeit entlastet, damit würden Arbeitsplätze in Deutschland billiger und nicht teurer.
Am 14. März 2007 um 21:35 Uhr
Hallo Jürgen, hallo ihr!
So ein kleines bissl handelts auch vom Geld;
ein nicht ganz neuer Text von mir zum Menschenbild (-:
- mehr dazu auch unter dem, was ich als meine hp eintrug -
liebe Grüße schon mal -
bernd
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Unsere heutige Gesellschaft mit ihrem HatzIV gleicht einem schwer kranken Menschen, der, dringend auf ein Transplantationsorgan wartend, in seiner Angst vor dem Versagen der ihn am Leben haltenden Maschinen oder einer Weigerung der diese Bedienenden, feststellt, wie notwendig unser System der Nötigung zur Arbeit sei, dabei übersehend, wie einfach sein Leid, seine Abhängigkeit überwunden wäre in einer Gesellschaft die das Prinzip des Schenkens etablierte.
Die beiden häufigsten Antworten auf die Frage ‘Warum ein Grundeinkommen’ lauten; ‘Automatisierung’ und ‘Verteilungsgerechtigkeit’. Beides sind Begründungen aus wirtschaftlicher Perspektive.
Das aus beiden Argumenten aber gar keine Notwendigkeit der Installation eines bedingungslosen Grundeinkommen ersteht, ist offenbar niemandem bewusst, oder zumindest wird es verdrängt, vielleicht aus Angst, sich mit diesem Problem wirklich eingehend beschäftigen zu müssen.
Je weiter die Automation fortschreitet, desto inhumaner werden die verbleibenden Industriearbeitsplätze. Je mehr die verbleibenden erforderlichen ArbeiterInnen von Robotern umstellt werden, desto höher werden ihre Lohnforderungen bei installiertem BGE.
Industriearbeitsplätze sind derart inhuman, das sie, auf Grund der Höhe der Löhne, welche erforderlich sein werden, Menschen dennoch zu dingen, sich nicht selten als schlicht konkurrenzunfähig erweisen werden. Hinzu kommt, das die Politik schon aus Gründen der Nachhaltigkeit eine Umstellung des Steuersystem von personenbezogenen (Lohn-) Steuern auf solche für den Verbrauch (an Produkten und Resourcen) einleiten wird, welche die energieintensive industrielle Produktionweise weiter verteuern wird.
Automatisierung vermag vielleicht Angestellte, also Menschen, die weniger vom BGE profitierten, zu beruhigen, aber sie vermag niemanden, insbesondere nicht Arbeiter/Arbeitslose vom BGE zu begeistern, oder gar die Notwendigkeit eines BGE herzuleiten.
Zudem wird, wenn wir mit dem Stande der technischen Entwicklung argumentieren, mit Computer und Roboter, immer auf dessen für ein BGE noch unzureichende Qualität verwiesen werden können; “wir brauchen aber erst noch Gentechnik und Fusionsreaktor”.
Angesichts der zerstörerischen Folgen industrieller Produktion, zerstörerisch nicht nur der Natur gegenüber, sondern eben auch den Menschen, und nicht nur denen, die in und mit ihr arbeiteten, sondern allen in einer Industriegesellschaft lebenden, kann ich in dieser Technik nicht das befreiende Moment menschlicher Entwicklung erkennen, und also erscheint sie mir kaum zur Begründung von irgend etwas Gewünschtem tauglich.
Wohl vermag das BGE eine Existenz von Industrie zu rechtfertigen, nicht aber wird Industrie das BGE begründen können.
Wenn, was nicht ausgeschlossen, die Einführung des BGE zu einem weiterreichenden Zusammenbruch der Industrie führt, so bleibt dies, ebenso, wie der Fortbestand einer restlichen Industrie, doch Ergebnis der freien Entfaltung menschlicher Tätigkeit. Wenn wir aber das BGE mit der Existenz von Industrien begründen, so bleiben wir Sklaven dieser Produktionsweise, und ihr, ja auch aus anderen Gründen mögliches Ende könnte sogar das Ende des BGE bedeuten.
Die Industrie, die Automatisierung darf, wie an vielem anderen auch, am BGE hängen, nicht aber darf das BGE abhängig sein vom stets relativen, und, da ja von anderem auch abhängig, stets ungewissen Stande der Technik. Das BGE ermöglicht es uns, die Technik in den Dienst des menschlichen Wohl-Seins zu stellen.
Darüber hinaus spricht gegen die Begründung des BGE durch Industrie ihr, in Krieg und Rüstung zu erkennender, Entstehensprozess.
Aus diesem wird auch deutlich, daß die industrielle Produktionsweise sowie ihre Produkte selber, nicht den wirklichen Bedürfnissen der Menschen genügen. Weder arbeiten die Menschen ausschließlich, um an Produkte zu gelangen, noch sind die Produkte der Industrie wesentlich für unsere menschliche Entwicklung. Wenn wir sagen, die Menschen arbeiteten um zu leben, nicht umgekehrt, so bedeutet dies nicht bloß, das sie solange arbeiten, bis sie genug Dinge haben (dies ist in entfremdeter, also zu überwindender Betätigung so), sondern das sie durch ihr arbeiten leben, das sie mit ihrem Tätigsein ihre Lebendigkeit erfahren.
“Zeiten der Unfreiheit und Spaltung haben ihre Wurzel in einem
falschen Begriff von Arbeit. Der Begriff von dem, was die Arbeit
bedeutet, ist aber darum so folgenschwer, weil der Mensch nur in
ihr die Möglichkeit findet, die Einheit von Leib und Seele zu ge-
winnen. Erst durch das Tun findet der Geist den Weg ins Fleisch
und belebt es, wie umgekehrt der Leib verhält sich zur Seele”
Hugo Kükelhaus, Urzahl und Gebärde, Zug (CH), 1934/92, S.90.
Wenn wir, dem folgend die Menschen nicht als faul an sich, sondern lediglich als dieses System der Ausbeutung latent bestreikend ansehen, so sei uns dies doch auch einmal nennenswerter Grund für die Bedingungslosigkeit eines Einkommens; Faul werden die Menschen gemacht! und eben das können wir uns dauerhaft nicht leisten. Das Dogma vom Menschen, der “von Natur aus faul und passiv” sei, ist “wenig mehr als der Ausdruck des Wunsches, den Wert unserer gesellschaftlichen Arrangements zu beweisen, indem man ihnen bescheinigt, daß sie den Bedürfnissen der menschlichen Natur entsprechen.” (E. Fromm, Haben oder Sein, dtv, 1976, S.99..).
“Wenn man sich die Kosten vor Augen hält, die eine weit verzweigte Sozialhilfebürokratie” mit allen ihren Folgen “heute verursacht, … so ergibt sich vermutlich, daß die Kosten für jene Personen, die ein jährliches Mindesteinkommen in Anspruch nehmen wollen, geringer wären, als die Ausgaben für unsere gegenwärtige Wohlfahrt” (S. 182). Das BGE erzeugt also keine Kosten, sondern ist eine Maßnahme sparsamer Haushaltung.
Daneben ist es möglich, das die Menschen eine weit überwiegende Vielzahl von Industrieprodukten, all die immer schräger verpressten Abfälle, gar nicht besitzen möchten (die Aufwendungen für die Werbung sind ein sicheres Indiz hierfür) und statt dessen viel lieber im nächsten Gemeinschaftszentrum ihren Bedarf an Dingen und an Arbeit befriedigen.
Dem zu Folge sind die Menschen nicht nur fleißig, sondern dabei sogar auch noch sparsam, können so, nämlich wie es die Zukunft schlicht erfordert, aber nur leben, wenn ihnen ein sicheres Einkommen gewährt wird.
Wenn wir gerade eine Zufriedenheit mit einfachen Tätigkeiten postulierten, so kann daraus einerseits auf ein natürliches, eben nur verschüttetes, Bedürfnis der Menschen geschlossen werden, andererseits bedeutet dies aber keine Notwendigkeit industriemäßigen Tätigseins. Wie Erich Fromm deutlich darlegte bedarf es im Gegenteil der menschlichen Dimension im Arbeitsleben insbesondere, da wir, um unserer Menschlichkeit willen, auf die selbstverantwortliche Entscheidung im Arbeitsprozess nicht werden verzichten können, wollen wir uns nicht selber zu “Sklaven … zu verantwortungs- und nutzlosen Parasiten” machen, “während allein der freie Mensch [die besitzende Elite] das Recht zu einem vollen Leben hätte, das auch Arbeit einschließen würde. Wenn der Mensch im Produktions- und Organsiationsprozeß passiv ist, ist er das auch in seiner Freizeit.” [E. Fromm; Die Revolution der Hoffnung, Klett-Cotta, 1968,'81, S.101]
Industrielle Strukturen fördern aber, durch die ihrer Produktionsweise eigene Arbeitsteilung und die damit betriebene Zurückdrängung der Kreativität [S.40] gerade diese Passivität, und sie sollten, so meine bescheidene Ansicht (Fromm sagt, das ginge wohl nicht (mehr) mit dem BGE ist das den Menschen überlassen), mit dem, und als eine Form des Krieg, der Vergangenheit überantwortet werden.
“Aus allem, was in den vorigen Kapiteln über den Menschen gesagt wurde, ergibt sich als Grundvoraussetzung für sein Wohl Sein, daß er im Sinne der produktiven Betätigung aller Fähigkeiten aktiv ist, während es ein pathologisches Merkmal unserer Gesellschaft ist, daß sie dazu neigt, den Menschen passiv und untätig zu machen, indem sie ihn der Chance beraubt, sich aktiv an den Angelegenheiten seiner Gesellschaft und an denen des Unternehmens, in dem er arbeitet, und sogar -wenn auch nicht so offenkundig- an seinen persönlichen Angelegenheiten zu beteiligen.” [S.95]
Wenn wir sagen, ‘die Wirtschaft habe dem Menschen zu dienen’, so bleibt die tatsächlich verbreitete Hilfskonstruktion ‘wir müssen die Wirtschaft pflegen, dann kann sie uns besser dienen’ möglich. Erst indem wir sagen ‘das BGE ermöglicht die Wirtschaft zu kontrollieren’, kann den Menschen jener notwendige Schritt zu Selbstbestimmung, das ist, zu einer Befreiung vom Götzendienst, von der Unterwerfung unter die von ihm selbst hervorgebrachten Dinge, gelingen.
Erforderlich ist dieser Schritt aber, weil der Dienst an den Dingen, sich ihnen zu unterwerfen, die Menschen schwächt. Zur Wahrung der Chance unserer Gesellschaft, zu überleben, ist ein tief greifenderer, umfassenderer Ansatz erforderlich, als die ‘bloße’ Umstrukturierung unserer Wirtschaft. Diese muss, wie die Einführung des bedingungslosen Grundeinkommen, mit dem sie wechselwirkt, als ein Baustein für eine radikale Neuorientierung der bürgerlichen Lebensvollzüge begriffen werden.
Die sich anhäufenden Probleme sind durch ein rekurrieren nur auf wirtschaftsmäßige Zusammenhänge nicht ausreichend bezeichnet. Nur durch eine grundlegende Änderung unserer Einstellung zum Leben sowie unseres Verhältnisses zu den Menschen kann uns der schwierige wie notwendige Schritt aus dem Teufelskreis von Angst, Selbstsucht, Götzendienst, Isolierung, Schwäche gelingen.
Erforderlich ist “ein Zurückdrängen der Orientierung am Haben zugunsten der am Sein”. Als Voraussetzung für diesen fundamentalen Wandel unserer Charakterstruktur kann das buddhistische, auch das dem ähnliche Marx’sche oder das Freud’sche, Konzept der Bewußtseinsschulung angesehen werden (S.161).
Die im erstgenannten als ‘die vier Wahrheiten’ fungierenden Erkenntnisse können formell als ein medizinisches Schema beschrieben werden (LdR; S.66).
Unsere Diagnose, welche auf- und anzunehmen bereits nicht selbstverständlich ist, lautet ‘Leid’ und in der Bürgergesellschaft; ‘Leid an Entfremdung’.
Als Ursache nun müsste das Fortbestehen tierischer Verhaltensweisen bei gleichzeitiger Überbetonung der Macht durch Technik und gesellschaftliche Herrschaftsstrukturen z.B. der Bildung, eingesehen werden. Unsere Geschichte ist “eine Geschichte der Eroberung, Ausbeutung, Gewalt und Unterdrückung”, an deren Beginn “der erste Akt der Unterjochung und die erste ausbeuterische Anwendung von Gewalt”, die Aneignung der “Herrschaft des Mannes über die Frau” steht (S.137). Sicherung und Beförderung der Existenzweise des Habens war das Ziel dieser Gewalt. Die Orientierung am Haben bedarf wachsender und präventiver Aggression und so sind Zeiten des Friedens solche des Kräftesammelns und der Aufrüstung.
“Friede als der Zustand anhaltender harmonischer Beziehungen zwischen den Völkern ist nur möglich, wenn die Habenstruktur durch die Struktur des Seins ersetzt wird. (…) Notwendigerweise gibt es in jeder Gesellschaft, sogar in der reichsten, Klassen, wenn die Orientierung auf das Haben hin vorherrscht. Setzt man grenzenlose Bedürfnisse voraus, kann selbst die ausgedehnteste Produktion nicht Schritt halten mit den Phantasievorstellungen, mehr zu haben als die anderen” (S.111..).
Unserem medizinischen Konzept folgend gilt es nun, ein geeignetes Medikament zu finden. Dabei sind Schuldzuweisungen gegen ‘die Manager’ unzureichend, denn diese, wie die Verbraucher “gehören dem gleichen entfremdeten System an; sie sind mehr seine Gefangenen als seine Urheber. Die Manager neigen dazu, die Verbraucher zur Untätigkeit zu verleiten, aber der Verbraucher gefällt sich in seiner passiven Rolle, er ist leicht zu verführen.” [S.116] “Die Voraussetzung für die Existenzweise des Seins sind Unabhängigkeit, Freiheit und das Vorhandensein kritischer Vernunft.” Hierzu ist erforderlich, das dem Haben zugehörende Klammern an Besitz, an Eigentum aufzugeben, wir müssen “unsere Egozentrik und Selbstsucht aufgeben, um uns ‘arm’ und ‘leer’ zu machen.” (S.89) Der sich aus dem Wegfall der ‘Krücke Besitz’ ergebenden Angst ist mit der Vermittlung eines Wissens zu begegnen, darüber, dass “die meisten Menschen halb wachen und halb träumen und nicht gewahr sind, dass das meiste dessen, was sie für wahr und selbstverständlich halten, Illusionen
sind, die durch den suggestiven Einfluss des gesellschaftlichen Umfeldes hervorgerufen werden”. (S.48) Ziel solchen Wissens ist die Wiedergewinnung des Bewusstseins darüber, das die Wahrheiten über den bedenklichen Zustand unserer Gesellschaft ‘nur’ verdrängt sind (S.98). Nachdem die Instinkte nicht mehr zur Leitung durch unsere Welt ausreichen, wäre vielleicht die Pflege von Intuition angezeigt. Die Wahrheit über unsere Lebensweise, über unseren Umgang miteinander, mit den Menschen, mag schmerzhaft sein, eine ‘bittere Pille’, sie aber weiter zu verweigern führt in die Katastrophe.
Den letzten Schritt des Konzeptes bildet die Therapie. Wie müssen die Mittel ‘verabreicht’ werden, um zur Wirksamkeit zu gelangen? Zunächst muss festgestellt werden, dass Bausteine zur Neuorientierung von Wirtschaft, Politik/Demokratie, Globalisierung, Sozialer Sicherheit, Emanzipation, Bildung und ähnlichem zwar in Beziehung zueinander stehen, dabei aber ihre eigenen Begründungen behalten.
Unser kapitalwirtschaftliches Gebaren, das Festhalten am Privateigentum jenseits der nur agraischen Produktion, führte zu problematischer Ungleichheit. Dieser ist nun wohl mit einem bedingungslosen Grundeinkommen wirksam zu begegnen, es wäre eine Lösung dieses Problems aber eben auch ohne BGE möglich, das heißt Ungleichheit vermag die Forderung nach dem BGE nicht zwingend zu begründen.
Ebenso verhält es sich mit den Fortschritten in Technik, insbesondere der Automatisierung. Selbst wenn wir ihr einen Wert, der heute nicht gegeben ist, belassen, erzeugen ihre Erfolge keine Begründung eines BGE. Und ebenso ließe sich das Problem der Arbeitslosigkeit ohne BGE lösen.
Ein, rein wirtschaftliche Erwägungen überschreitender, Grund ist in der Arbeitsmotivation erkennbar, da nur Tätigkeiten, zu welchen nicht von außen, also mit Druck, Nötigung, Zwang oder durch Geld motiviert wurde, die also aus Einsicht in die Notwendigkeit ausgeübt werden, ‘moralisch wertvoll’ und geeignet sind, die bisher sich ergebende ‘Rüstungsspirale’ zu durchbrechen. Der wirkliche Grund für die Einführung des bedingungslosen Grundeinkommen ist aber in der Achtung vor der Würde des Menschen zu erkennen.
Der höchste, in unserem Grundgesetz absolute, Wert eines Menschen ist seine Würde.
Das der Mensch Zweck ist an und für sich ist sein höchster Wert. Um einen Anspruch auf die zu seiner bloßen Existenz erforderlichen Mittel geltend machen zu können, ist er bei bestehendem Sozialrecht gezwungen, die Wirtschaftlichkeit dieser seiner Existenz nachzuweisen. Wer die Arbeit oder den Nachweis der Suche nach Arbeit verweigert, geht des Anspruches auf Existenzmittel verlustig.
Indem wir, wie es das Grundgesetz erfordert, den Menschen in seinem Dasein als Zweck an sich selbst, und dieses als seinen höchsten Wert, begreifen, muß ihm das, in der Rechtsgemeinschaft notwendig mit dem, allen anderen Freiheitsrechten vorausgehenden, Anspruch auf die zu seinem Dasein erforderlichen Mittel einhergehende, unbedingte Existenzrecht, aufgrund seines bloßen Menschseins, zugesprochen werden.
Dies ist der zureichende Grund für die Einrichtung des ‘bedingungslosen Grundeinkommen’.
Seiten:
Runde Klammern zu: Erich Fromm; Haben oder Sein, dtv, 1976, 1983.
Eckige Klammern zu: Ders.; Die Revolution der Hoffnung, Klett-Cotta,
1968, 1981. LdR: Lexikon der Religionen, Herder, 1987, 1995.
Am 14. März 2007 um 21:39 Uhr
’schuldigung, ist wohl ein wenig zu lang. Weiter ab dem letzten Satz.__
Wenn wir sagen, ‘die Wirtschaft habe dem Menschen zu dienen’, so bleibt die tatsächlich verbreitete Hilfskonstruktion >wir müssen die Wirtschaft pflegen, dann kann sie uns besser dienen
Auf Bernds Bitte hin (“vielleicht findet sich ja irgend ein Admin”) habe ich jetzt den kompletten Text in den ersten Kommentar kopiert. — Till